/

Irrläufer

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Irrläufer

Der Mensch wäre geschaffen, die Ordnung der Natur zu wahren, welch irreführender Gedanke, er wäre gar ein Wächter über ihre Vielfalt, seine Aufgabe läge darin, in ihre Abläufe einzugreifen, und er wäre ausersehen, sich ihrer Schätze zu bedienen, welch vermessene These, meine Güte, aber so ist er, eitel und selbstgefällig, sieh ihn dir doch an, er sei, sagt er, Schlußpunkt eines Prozesses, den er Evolution nennt, er habe das wissenschaftlich bewiesen, sagt er, und was meinst du, Susanne, kommt dabei heraus – er heftet sich das Etikett ›Homo Sapiens‹ an, er hat sich das in den Kopf gesetzt, da kennt er nichts, und auf den Trümmern der Industriegesellschaft inszeniert er sich als die Krone der Schöpfung.

Tilman nickte, stand auf und ging zur Küche, Tee aufzugießen.

Susanne, die einen Artikel über die Pandemie las, blätterte um. Und?, fragte sie: Das Gegenteil ist der Fall?

Tilman stellte die Kanne auf das Stövchen und setzte sich.

Weit schlimmer, sagte er, die Dinge verhalten sich grundlegend anders, der Mensch ist ein Spielball, unermeßlich weit entfernt davon, selbst die Regeln zu setzen, geschweige denn, sie zu verstehen, er wird es nie begreifen, nein, das Maschinenwesen führt Regie, die Megamaschine, die Dinge treiben Schabernack und spielen mit ihm, ohne daß er das nur ahnen würde.

Interessant, sagte Susanne, trank einen Schluck Tee und blätterte um, sie war wie vernarrt in das Service mit dem zierlichen lindgrünen Drachen.

Er stellt die Verhältnisse auf den Kopf, verstehst du, nicht er sei es gewesen, der die Seuchen unter indigenen Völkern verbreitet habe, keineswegs, sage er, sondern diese Völker hätten einfach keine hinreichende Immunabwehr besessen, seien nicht widerstandsfähig gewesen gegen die Unbilden der Natur, völlig ungerüstet gegen Pocken zum Beispiel, er legt sich die Dinge nach Gutdünken zurecht, drei Jahrhunderte lang glaubte er Party zu feiern, bombige Stimmung, allemal positiv, und daß es aufs Ende zugeht, wer merkt’s überhaupt und wen stört’s.

Wir müssen das Geschehen lesen, sagte er, verstehst du, entziffern, die Technologie der Fotografie zum Beispiel, eine perfide Innovation, ein ungeheurer kultureller Bruch, und plötzlich entsteht, was über Jahrtausende unbekannt war, und niemanden hat es je danach gedürstet: Fotografie, Film, Fernsehen – wozu das Ganze, weshalb jetzt, sie führen uns bunte Abbilder vom Leben auf dem Planeten vor, vielfältige Geschöpfe aus abgelegenen Regionen, Gänsegeier in den Pyrenäen, sie sammeln Momentaufnahmen der Natur, verstehst du, wie auf dem Smartphone Bilder gesammelt werden und weitergegeben, ein modischer Trend, man will sich präsentieren, sicher, aber weshalb drängt es uns danach, verstehst du, weshalb denn jetzt, wir sehen Wildnis, wir sehen einzigartige Bauwerke, weshalb, gepriesene Wunder der Technik, wir sehen Zeugnisse vergangener Kulturen, die Archäologie legt sie frei, wir sehen zeitgenössische Hochleistungen, die Vielfalt einer Zivilisation wird vorgeführt, aber weshalb, weshalb versammeln wir alle Charakteristika einer Zivilisation, und nicht allein nur einer Zivilisation, nein, wir bahnen Pfade zu anderen Zivilisationen, und weshalb uns das wichtig ist, wir möchten alles lückenlos erfassen, akribisch speichern, wir lassen nichts aus, verstehst du, doch was drängt uns, was sitzt uns im Nacken, was soll das, welch immensen Aufwand investieren wir, welchen Zwecken dient dieses zwanghafte Verhalten.

Welchem Zweck es dienen soll, es unterhält uns, es amüsiert, es erinnert.

Mehr noch, Susanne, die lückenlose Speicherung von Daten, nichts darf fehlen, nicht das geringste Detail, alles jederzeit auf den Bildschirm zu laden, was soll das, von den ökologischen Lasten gar nicht zu reden, verstehst du, Vernunft buchstabiert sich anders, und welchem Zweck soll das dienen, welches Bedürfnis befriedigen, daß nichts der Vergessenheit anheimfällt, wie absurd ist so etwas, welchen Sinn soll das haben.

Susanne trank einen Schluck Tee, Yin Zhen, und überlegte einen Moment lang. Nichts solle verlorengehen, sagte sie, es diene alles der Erinnerung.

Nein, dahinter steckt mehr, und es ist nicht bloß eine schräge Idee von irregeleiteten Spezialisten, sondern geschieht aus existenzieller Not, nein, sie sind sich darüber nicht klar, keineswegs, sie kennen ihre wahren Motive nicht, sie sind dem digitalen Rausch erlegen, seinem mitreißenden Sog, unwiderstehlich, sie sind blind für die realen Abläufe, sind vorangetrieben vom Geist des Maschinenwesens, stetig fortschreitend, sie zeigen Oberfläche, und wir lesen darin ihre Verzweiflung, ihre Angst, den Versuch, die Welt in ihren letzten Momenten komplett abzuspeichern, sich vor dem Verlust zu bewahren, du verstehst, so müssen wir das lesen, dieses monströse Projekt ist der Abgesang, der Nekrolog, ein Requiem auf alles, was noch von Leben erfüllt ist, und wird heraufbeschworen als ein Portrait des Abschieds, wir vernehmen den sehnsüchtigen Unterton, melancholisch eingefärbt von dem Wissen, daß das vertraute Leben in den Abgründen der Zeit verlorengeht.

Susanne legte den Artikel beiseite und schwieg. Sie überlegte, ob es eine Lösung sei, daß man innehalte und einen Rückbau der neuesten Technologien einleite, und suchte nach Beispielen, ob es den nicht schon gäbe und ob man denn die Energiewende zurecht einen Rückbau nennen könne, zweifelte aber sogleich, denn die jüngsten Technologien würden extrem viel Energie verbrauchen, sie würden den Planeten mit dem Abbau der sogenannten seltenen Erden unvermindert weiter ausbeuten, nein, Augenwischerei, der Mensch müsse bedingungslos innehalten, ein Moratorium verordnen.

Und Rückbau, was gelte denn als Rückbau? Daß Japan seine Unmengen kontaminierten Kühlwassers vor Fukushima in den Pazifik ableite, gelte das als Rückbau, und wie stehe es mit der Lagerung in Asse? Wer könne die Abrüstung der AKW bezahlen? Die Industriegesellschaft liege in Trümmern, in den Meeren breiten sich sauerstoffarme Todeszonen aus, das Gleichgewicht wird neu justiert, das Leben zieht sich zurück.

| WOLF SENFF
| Titelfoto: Digital Globe, Fukushima I by Digital Globe B, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schwerstarbeit für Vogeleltern

Nächster Artikel

Ein Dorf will den Krieg vergessen

Neu in »Prosa«

Falsche Signale

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Falsche Signale
Eine Debatte findet ja gar nicht statt, Susanne, es geht vor allem darum, die Bevölkerung zu beruhigen, hysterische Reaktionen zu vermeiden.

Ist das verkehrt?

Auf keinen Fall. Tilman stand auf, holte den Tee aus der Küche und stellte die Kanne auf das schlichte weiße Stövchen, das ohne den zierlichen lindgrünen Drachen, der das übrige Service schmückte, stets leicht fehl am Platz wirkte.

Im Übergang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Im Übergang Der lineare Aufstieg ist ein Trugbild. Wovon redet er, fragte Mahorner, Gramner sucht ein Sinnbild, das die Geschichte des Menschen widerspiegelt, sagte Pirelli. Rostock lachte. Der Mensch tritt auf der Stelle? Wenn es bloß so wäre, erwiderte Gramner. PDF erstellen

Angeschlagen

Textfeld | Wolf Senff: Angeschlagen Das Leben gehe an ihnen vorbei, klagen sie, sagte der Ausguck. Da kannst du von Glück reden, daß du unversehrt bist. Habe ich mich beschwert? Nicht daß ich wüßte. Der Ausguck stand auf und machte einen Handstand, dann lief er zum Wasser. PDF erstellen

Wasser, Wind

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wasser, Wind Manchmal wird es beinahe zu viel, Ausguck. Die beiden Kadaver von der ersten Fangfahrt sind geflenst, wir liegen den vierten Tag in der Ojo de Liebre, den Schwarzen auf der ›Marin‹ geht die Arbeit aus. Trotzdem ist es auszuhalten, daß keine Arbeit anfällt. Der Ausguck nahm drei Schritt Anlauf und schlug einen Salto. PDF erstellen

Federleichte Lebenskunst

Prosa | Hanns-Josef Ortheil: Was ich liebe und was nicht Ein großer Flaneur und Fabulierer öffnet sein Innenleben, gesteht seine Neigungen und Sympathien, sein Missfallen und Widerstreben. Hanns-Josef Ortheils vielgestaltiger Essayband ›Was ich liebe und was nicht‹ verbindet unterschiedliche Ausdrucksformen mit scheinbar alltäglichen Themen, leicht, schwebend, unterlegt mit einer guten Prise Selbstironie. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen