//

Titanen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Titanen

Leidenschaftlich, erklärte Annika, ja, sie fotografiere leidenschaftlich, und schenkte Tee in die zierlichen Tassen mit dem Drachenmotiv, Yin Zhen, eineinviertel Minute, maximal anderthalb.

Farb schwieg.

Tilman lehnte sich zurück und genoß die sommerlichen Temperaturen, er trug ein kurzärmeliges, groß geblümtes, farbenfrohes Hemd.

Für ihr Projekt sei sie mehrmals die Strecke Hamburg-Berlin gefahren.

Mit der Bahn?

Sicher, mit der Bahn, ergänzte sie, und sie fotografiere ihre Motive durch das Fenster. Sie faßte zu dem winzigen blauen Buch, das sie als Clip an ihrem Ohrläppchen trug.

Aus dem fahrenden Zug?

Aus dem fahrenden Zug. Nein, sie könne, sagte sie und kam Tilmans Zweifeln zuvor, nicht exakt vorhersehen, welches Bild sie letztlich aufnehmen werde, unmöglich, doch verleihe das ihren Aufnahmen, vom Zufall regiert, einen unverwechselbaren Ausdruck, der Zug bewege sich mit einer Geschwindigkeit von um die zweihundert Stundenkilometern, das Fenster im ICE lasse sich nicht öffnen.

Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf und verteilte sie sorgfältig auf seine Pflaumenschnitte.

Die Aufnahme reiße da ein Bild heraus, verstehst du, Tilman, sagte sie, ein einziges Bild. Das sei doch spannend, oder?

Bahngleise, die im Wald liegen, führen durch ein geschmücktes Tor. Rechts und links der Gleise stehen Steinstatuen

Fotografie sei eine von Grund auf destruktive Technologie, hielt Tilman ihr entgegen, sie breche geschlossene harmonische Abläufe auf und artikuliere den autoaggressiven Impetus der Moderne.

Er lächelte und trank einen Schluck Tee, sie hatten das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, das er als Geschenk aus Beijing mitgebracht hatte, rostrot, er war dort einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen, vor einigen Wochen hatten sie das Service mit einem lindgrünen Drachen für drei Personen nachgekauft.

Sie werde eine Reihe dieser Aufnahmen ausstellen, sagte Annika. Landschaft, sagte sie, die für sich stehe, in der allein das Fenster noch auf die Bahnfahrt verweise, eine Konfrontation von Hochgeschwindigkeit und Natur, die Natur stets leicht verzerrt, und ergänzte lächelnd: Technologiekritik.

Der ursprüngliche Kontext aber sei gelöscht, wer solle da Technologiekritik herauslesen, wandte Tilman ein und lachte: Man erkenne die eigentlichen Abläufe nicht.

Aufnahmen einer Durchfahrt in Ludwigslust, fuhr Annika ungerührt fort, diverse Aufnahmen vom Skulpturenpark über den stillgelegten Geleisen in Büchen. Bahnreisen, fügte sie hinzu, ausnahmslos Bahnreisen, und immer wieder sei Technologie infrage gestellt.

Der Kontext, widersprach Tilman, werde nicht durch die Fotografien rekonstruiert, sondern erst im Nachhinein kommentierend mittels Sprache, Bahnreisen, fügte er hinzu, das Fotografieren atomisiere die Abläufe.

Farb aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Fotografie, wiederholte Tilman, sei eine von Grund auf destruktive Technologie, eine Technologie des systematischen Vergessens, Teil des vernichtenden Zugriffs auf die menschliche Zivilisation.

Annika schwieg.

Werbesprech, fügte Tilman hinzu. Modern, sagte er, das sei nun wahrhaft keine Qualität der Moderne, die Moderne residiere in einem grundlegenden Irrtum, denn nichts liege ihr so fern, wie daß sie modern sei, nein, ganz im Gegenteil, sagte er, alt und verbraucht modere sie vor sich hin, verwittert, er lachte, morbide.

Starker Tobak, mein Lieber, entgegnete Annika und war beinahe blaß geworden, du fährst schweres Geschütz auf.

Die Moderne erinnere ihn an Potemkinsche Dörfer, sagte Tilman, allen Ernstes, sagte er, wohin man auch sehe, überall werde aufdringlich Kulisse präsentiert: grell, bunt, lärmend, soundverstärkt, videobegleitet, und dennoch nichts anderes als ein Haschen nach Wind, ohnmächtig, voller Verzweiflung, und wozu all das Gewese, allein um die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern, damit sie unkenntlich werden, Camouflage vom Feinsten, Lobeshymnen, sagte er, rote Teppiche, ein gigantisches Machwerk, ein immenser Aufwand, um den fatalen Irrweg kulturell zu umhegen und den falschen Verhältnissen Stabilität zu verleihen.

Farb verteilte behutsam einen zweiten Löffel Sahne auf seine Pflaumenschnitte.

Annika fehlten die Worte.

Farb lächelte nur. Ihn wundere, daß wie selbstverständlich stets von einer künstlichen Intelligenz geredet werde, es handle sich um hochspezialisierte Geräte, unter immens hohem finanziellen Aufwand entwickelt, etwa einen Schachautomaten oder einen Sprechroboter, die jedoch nichts anderes ausführen können, ein Schachautomat könne nicht das simple ›Mensch ärgere dich nicht‹ spielen, vermutlich wisse er auch nicht zwei und zwei zusammenzuzählen, wer denkt sich so etwas aus, ein Sprechroboter könne kein Gespräch moderieren, ChatGPT könne nicht einmal eine Warnung eingeben, wenn ein Feuer ausbreche, oder einen Stromausfall melden – was soll also der Hype um derartige Automaten, er könne dem nur zustimmen: Potemkinsche Dörfer, Kulisse, ein Haschen nach Wind, all das deute auf das letzte Gefecht des Maschinenwesens.

Annika lächelte. Eine stimmige Erzählung, sagte sie, das Maschinenwesen scheitere an den überlegenen Mächten der Natur, und in dieser gewaltigen Auseinandersetzung, einem Kampf der Titanen, werde der Mensch aufgerieben, sei vergessen, ein Kollateralschaden, ein verlorenes Geschöpf.

Tilman nahm sich ein Vanillekipferl.

Eine feine Theorie, sagte er, das Ergebnis bleibe abzuwarten.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Sagenhafte Nordsee

Nächster Artikel

Von Sydneys Opernhaus bis zur Elbphilharmonie

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Sinn

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sinn

Die Dinge seien doch leicht zu verstehen, behaupte Gramner, wo liege das Problem.

Thimbleman rieb sich die Augen. Wie Gramner das meine, fragte er.

Der Ausguck zögerte zu antworten, wandte sich zur Lagune und blickte hinaus aufs Wasser. Woher die Wale kommen, fragte er, und ob es wahr sei, daß sie von der Arktis mehrere tausend Meilen nach Süden bis zur Ojo de Liebre geschwommen seien, um die warmen Regionen zu genießen.

Flamme

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Flamme

Die Tage zu zählen, sei sinnlos. Die Fangpause, hieß es, werde dauern.

Der Ausguck und Thimbleman hockten am Strand, in Sichtweite der ›Boston‹, sie hatten den Nachmittag über landeinwärts Holz gesammelt, morsche Stücke, leicht brennbar. Nun saßen sie davor, ohne daß sie sich gelangweilt hätten, die Zeit verstrich, sahen zu, wie von Osten gemächlich die Dämmerung heraufzog, der Ausguck entzündete das Feuer.

Sanctus und Touste schlenderten von der ›Boston‹ herüber und gesellten sich dazu, die Flamme züngelte, knisternd bildete sich Glut, niemand sprach oder bewegte sich, sie standen im Bann des Feuers.

Thimbleman legte von Zeit zu Zeit einen Scheit nach, darauf bedacht, die Flamme niedrig zu halten, die Temperaturen waren subtropisch mild, es ließ sich aushalten, das rastlose Flackern zog die Blicke auf sich.

Ankommen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ankommen

Nein, sie seien gar nicht angekommen auf diesem Planeten, nie, verstehst du, Farb, dem äußeren Anschein nach angekommen, sicher, jedoch nicht mit der  Absicht, Wurzeln zu schlagen, nicht mit dem Ziel, sich heimisch niederzulassen.

Aber sie hätten viel davon geredet, eine Heimat gefunden zu haben, überlegte Wette, und ob sie sich da etwas vorgemacht hätten.

Ankommen, Tilman, was bedeute das: ankommen, du kannst nicht unvollständig ankommen, etwa ein Bein oder einen halben Fuß draußen lassen, nein, unmöglich, wohin solle das führen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Nein, sagte sie, der Mensch habe nicht seßhaft werden wollen auf diesem Planeten, nicht ernsthaft, null, er verhalte sich, als wäre er auf Durchreise, ein Zwischenstopp werde eingelegt, der Planet eine Durchgangsstation.

Miami

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Miami

Miami, USA, wir waren in Miami, wann war das. Tilman erinnerte sich. Das dürfte drei, auch vier Jahrzehnte her sein, sagte er, Rucksacktouristen, sagte er, die Zeiten waren anders, wir waren zu viert, irrten ziellos vom Flughafen in Richtung Stadt, es wurde Nacht und wir rollten Schlafsäcke auf einem weitläufigen Rasen aus, Gelände noch des Flughafens, weit waren wir nicht gelangt zu Fuß, wir schliefen drei, vier Stunden, bis wir vom grellen Scheinwerfer einer Polizeipatrouille geweckt wurden, freundlich aber bestimmt, dies sei kein Platz zum Übernachten, außerdem lebten hier Schlangen, das sei nicht ungefährlich, und wir sollten zusehen, in die Stadt zu kommen.

Anthropozän

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Anthropozän

Homo sapiens. Wer ließ sich das einfallen.

Ein Wissenschaftler, Annika.

Klar. Da kriegst du das heulende Elend.

Sie sind außerstande, sich wohnlich einzurichten, sie richten das Leben auf dem Planeten zugrunde. Eine Spezies, unfähig sich in die Natur zu integrieren, und nicht nur das, sondern wo immer sie sich aufhält, zerstört sie, sei es in der Anatomie während der Anfänge der Medizin, sei es die Spaltung des Atoms. Die Lunte ist gezündet, sie brennt, der große Knall ist absehbar.