Sagenhafte Nordsee

Sachbuch | Sagenhafte Nordsee

Westsee hieß sie auch einst, oder Deutsches Meer, die Nordsee, dieses Randmeer des Atlantischen Ozeans. Millionen Menschen haben in diesem Jahr dort wieder ihren Urlaub verbracht, gesundes Klima, eine faszinierende Landschaft, und immer wieder die Suche nach Bernstein. Dieser Bildband geht auf ganz andere Suche, aber nicht minder spannend und fesselnd – findet BARBARA WEGMANN

Eine Dünenlandschaft mit Blick auf das Meer.Auf in die Geschichte, auf in die Welt der Märchen und Mythen, des Seemannsgarns, der alten Sagen. Schon die stimmungsvollen und farblich wunderbaren Fotografien von Axel Ellerhorst machen klar: Dies ist kein nüchternes Sachbuch, keine touristisch gewohnte Reiseempfehlung für die Nordsee. Es entführt in eine Atmosphäre aus feurigem Abendlicht über der See, wolkenreiche Himmel, die nichts Gutes verheißen, die Sturm und Wellen bringen, die abendliche Ruhe in kleinen Häfen, spärlich beleuchtet, die Häuser hinter den Deichen, die so grünen Marschwiesen, die unendliche Weite von Dünen und Strand, das Warten auf die Flut.

Eine Region voller Geschichten und Legenden. Eine Region, in der man herrlich auf Spurensuche gehen kann. Zum Beispiel auf den Friedhöfen: Dort zeugen viele alte Gräber noch von einstigen Zeiten, den ‚goldenen Zeiten des Walfangs zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert‘. In Stein gemeißelte Erinnerungen an Seemänner, Walfänger, an Männer, die ihre Familien lange Zeit allein lassen mussten und nicht immer wieder heimkehrten.

Jedes Heimatmuseum an den Küsten oder auf den Inseln birgt Schätze von früher, aus den Zeiten, als zum Beispiel auch die Amrumer bekannt und berüchtigt waren als Strandräuber. Bei weitem nicht nur sie! Es waren ja regelrecht kriminelle Zeiten: »Falsche Seezeichen, Fackeln am Strand lockten Schiffe in Untiefen. Die Wracks versprachen beim Plündern fette Beute«. Petrus habe, so erzählt es eine Amrumer Sage, den Insulanern den Zugang zum Himmel verwehrt, Strandräuber im Himmel? Nein! Einmal aber nicht aufgepasst und schon hatte ein pfiffiger Insulaner den Fuß in der Himmelstür. »Ohne zu zögern stürmte eine ungestüme Crew aus Amrum in den Himmel.« So heißt es. Petrus soll daraufhin etwas verzweifelt dreingeschaut haben, habe dann aber ganz laut »Skab up Strunn« gerufen, was soviel heißt wie »Schiff am Strand«. »Sofort purzelten Flaschen und Kartenspiele zu Boden und die Amrumer stürmten aus der Himmelstür wieder hinab.« Nie wieder kam angeblich ein Amrumer in den Himmel.

Es ist die angenehme Erzählart von Axel Pinck, die einen zwischen den vielen eindrucksvollen Fotografien ablenkt, visuelle Eindrücke wechseln sich mit historisch Spannendem ab. Und nach Geschichten und etwas Seemannsgarn entspannt man schließlich wieder beim Eintauchen in die Bilder. Eine schöne Kombination, eine gute Auswahl, kleine Erzählschätze, die genauso wertvoll sind wie am Strand gefundener Bernstein.

Das Buch besucht die Küstenregion zwischen Weser und Ems sowie Elbe und Weser, die nord- und ostfriesischen Inseln, Helgoland und die Halligen, die Theodor Storm so poetisch mit »schwimmenden Träumen« verglich. Überall scheint das Klima gut zu sein für »übernatürliche Phänomene und Fantasien«. Vielleicht ist es ja diese unsagbare Weite der Landschaft, das Wattenmeer, dieses zwar erklärbare Ding mit Ebbe und Flut, aber dennoch immer wieder so geheimnisvolle Kommen und Gehen des Meeres, das alles zusammen Geschichten und so spektakuläre Seefahrerabenteuer birgt wie kaum ein anderer Landstrich. Das ist schon ein eigenes Völkchen, diese Friesen im Norden. »Es wundert nicht, dass dieser Landstrich knorrige Typen, Frauen und Männer, selbstsicher und mit eigenem Kopf hervorgebracht hat. Mit Selbstbewusstsein für die eigene Kultur und einem Sinn für persönliche Freiheit.«

Manches mag ja erdacht, seemännisch perfekt gesponnen sein, aber »Wehe den Wanderern, die eine Wattwanderung planen und sich nicht vorher genau über die Tidezeiten informieren. Ihnen droht der nasse Tod in der aufkommenden Flut.« Ich hatte vor vielen, vielen Jahren Glück, als ich auf Borkum weit ins Watt hinausging und nicht merkte, dass sowohl Flut, als auch Nebel aufkam. Es ist gut gegangen!

Kaum einer weiß, dass hier in der südlichen Nordsee mit dem Ärmelkanal die am dichtesten befahrene Schifffahrtroute der Welt verläuft. Mit all den dazu gehörigen Gefahren. Davon erzählt das Buch nicht, aber es sensibilisiert – so verzaubernd, wie es daherkommt – für alle Gefahren, denen diese unverwechselbare und einzigartige Landschaft ausgesetzt ist. Und: Es unterhält auf sehr charmante Weise mit den wunderbar alten Dingen von einst.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Axel Ellerhorst (Landschaftsfotograf) / Axel Pinck (Autor und Journalist): Sagenhafte Nordsee
Eine Reise zu mythischen Orten und Landschaften an Deutschlands Küste
München: Verlag Frederking & Thaler 2023
192 Seiten, 45 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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