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Doppelbödig

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Doppelbödig

Nein, so verhielt es sich nicht, weiß Gott nicht, Ramses konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

Was bildeten sich diese Leute nur ein, diese Walfänger, und gab es nicht diese aufdringlichen fremden Gelehrten, die die Grabruhe störten, vor wenigen Jahren anläßlich einer preußischen Expedition nach Ägypten, wie nannten sie sich, Archäologen, sie begründeten hochtrabend eine Ägyptologie und waren keinen Deut besser als jene Grabräuber, gegen die er einen aufsehenerregenden Prozeß hatte führen lassen, also bitte.

Wer hatte überhaupt die Erzählung in die Welt gesetzt, daß er zerstückelt worden sei, davon kann keine Rede sein, er sei, so wird erzählt, von seinem Bruder Seth, dem gewalttätigen Gott und Rivalen um die Krone, nicht nur getötet worden, sondern grausam zerteilt, und Ramses war darüber über alle Maßen erbost, ein Jack the Ripper, sagte er, ja, gewiß, der habe im fernen London gewütet, man wolle bitte die Kirche im Dorf lassen, und daß herausgeschnittene Organe des Osiris und restliche Glieder in den Nil geworfen und durch die Strömung weithin verteilt worden seien – welch blühender Unsinn, eine Räuberpistole.

Spannend, lobte Crockeye.

Voll modern, sagte Thimbleman,

Ob es um Ägypten gehe, wollte Harmat wissen.

Sie hatten dort ihre eigenen Götter, konstatierte Pirelli, sonst ist uns eher die Welt der griechischen Götter vertraut.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ausguck überlegte, einen Salto zu schlagen, er hatte einfach keinen Draht zu diesem Ägypter, Ramses IX., aufdringlich war er, einer der Pharaonen während der Blüte der Religion und Kultur in der achtzehnten Dynastie und der folgenden Ramessidenzeit der neunzehnten und zwanzigsten Dynastie, lange her, was verschlug ihn in die Ojo de Liebre, hatte ihn überhaupt jemand eingeladen, doch was soll man tun, er war nun einmal da.

Nein, so verhielt es sich nicht, weiß Gott nicht, bekräftigte Ramses, man muß die Texte lesen und verstehen, nein, eine Nachwelt bereite jede Nachricht nach ihrem eigenen Gutdünken auf, da werde viel Wind entfacht, wie werde das enden.

Bereits im Altern, sagte er, äußere sich der Zerfall der vom Herzen gewährten Lebendigkeit, und der Tod widerspiegele nur die endgültige Ermüdung des Herzens: Mein Herz, so lesen wir in einem der Königsgräber, es erschafft meine Glieder, mein Fleisch gehorcht mir und richtet mich auf.

Der Tod zerreiße aber diesen robusten Zusammenhang des Lebens, in dem das Blut als das Medium einer beseelten Einheit pulsiere, so müsse man die Rede verstehen, nein, Osiris sei zwar ermordet, jedoch keineswegs im Wortsinne zerstückelt worden, es handle sich um eine uneigentliche Rede, die lediglich seinen Tod konstatiere als einen abgründigen Riß, Archäologie begreife die Doppelbödigkeiten der Sprache nicht, wie könne man so ignorant sein.

Welch ein Snob, dachte der Ausguck.

Doppelbödigkeit der Sprache, fragte McAlister.

Im übertragenen Sinn zu verstehen, sagte Rostock.

Wir leben in einer Informationsgesellschaft, sagte Eldin, da sei jeder doppelte Boden unerwünscht, und jemand wie Ramses habe denkbar schlechte Karten.

Beileibe nicht, widersprach Rostock.

Die nackten Tatsachen zählen, wandte Mahorner ein, und zerstückelt meint eben zerstückelt.

Was sonst, sagte Harmat.

Der Ausguck stand auf, und nach wenigen Schritten verschluckte ihn die Dunkelheit.

Isis, die Schwester und Gattin, heilte den Bruder, indem sie erneut zusammenfügte, vereinigte, verknüpfte, das Herz erneut einverleibte, damit in allen Adern der Herzschlag seine mächtige Stimme erhöbe, sie absolvierte eine Fülle von Handlungen, mit deren Hilfe sie den physischen Körper wiederherstellte, wir müssen das verstehen, sagte Ramses, Osiris verkörpert den Triumph des Lebens über den Tod, und er verblieb im Jenseits, in der Duat, wurde durch das Totengericht zum Herrscher über das Totenreich berufen und begleitet den Sonnengott Re auf dem Weg durch die zwölf Stunden der Nacht, in Re und Osiris vereinigen sich Anfang und Ende, so formiert sich die unerschütterliche Ordnung unserer Kultur, schloß Ramses, neigte den Kopf und blickte erschöpft in die Flammen.

Schwierig, sagte Bildoon.

Man hatte zu viel Ägypten, fand Rostock.

Wie um alles in der Welt solle sich denn ein Pharao zur Ojo de Liebre fügen, ob das nicht von vornherein absurd sei, fragte London.

Es sei nun einmal eine andere Kultur, sagte Thimbleman.

Man lerne dazu, sagte Harmat, und Bildoon freundete sich mit dem Gedanken an, den Atlantik zu überqueren, Ägypten war weit, jedoch nicht das Ende der Welt.

Gramner empfand diese Abende als eine hervorragend genutzte Zeit, eine Ablenkung waren sie allemal, bis man wieder dem Grauwal nachsetzen würde, hatte nicht sogar Termoth aufmerksam zugehört, und er könne sich ohne weiteres vorstellen, daß andere Besucher einträfen, weshalb nicht, jemand wie dieser hüftschwingende Rock-Sänger zum Beispiel, der nach seinen frühen Erfolgen so jämmerlich adipös geworden sei, wie war gleich sein Name, es gäbe zahlreiche eitle Selbstdarsteller, die Kultur der Industriegesellschaft breite sich überaus aggressiv aus, ihr Lärm sei erstickend, oder der sechste Patriarch, gar ein Politiker, es wäre vieles möglich, die Walfänger seien ein aufgeschlossenes Publikum.

Ramses schwieg, er hatte sich einige Schritte abseits gesetzt und verharrte im Halbdunkel zwischen der Nacht und den lodernden Flammen.

Der Ausguck schälte sich aus dem Dunkel der Nacht.

| WOLF SENFF
| Titelbild: Unbekannter Urheber: Rama, Jewel Osiris family-E 6204-IMG 0641-gradient, Crop, CC BY-SA 3.0 FR

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