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»…was bleibet aber, stiften die Dichter« (Hölderlin)

Jugendbuch | Stephanie Jaeckel: Hölderlin leuchtet

Hölderlin leuchtet. Und ein ganz besonders Buch schafft es, ihn wirklich zum Leuchten zu bringen. Nicht nur für die, die Germanistik studiert und sich in sein Werk vertieft haben. ANDREA WANNER findet, er leuchtet tatsächlich für alle.

Hölderlin leuchtetIch war skeptisch. Sehr. Hölderlin ist schwierig, die Eigenwilligkeit seines Satzbaus fordert heraus, kann dazu führen, dass man sich gar nicht erst auf seine Sprache einlässt, sondern die Texte – Gedichte in erster Linie aber auch den Roman ›Hyperion‹ oder das unvollendete Drama ›Der Tod des Empedokles‹ schnell beiseitelegt. Schiller nannte Hölderlins Gedichte »subjektivistisch«, »überspannt« und »einseitig« und Goethe riet ihm, »kleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen.« Also gut, wenn schon Hölderlin, dann erklärt von einer Expertin oder einem Experten.

Auch da bin ich vorbelastet. Meine Ausbildung zur Buchhändlerin machte ich nicht nur in der Hölderlinstadt Nürtingen, sondern auch unter dem strengen Auge eines promovierten Germanisten, der – man ahnt es – ein ausgesprochener Hölderlinfan war. Was ich damals erlebte, reichte, um mir Hölderlin näherzubringen – und felsenfest davon überzeugt zu sein, dass Hölderlin in einfacher Sprache nicht geht.

Sandra Potsch, Leiterin des Museums Hölderlinturm in Tübingen, greift diesen vorhersehbaren Einwand ganz am Ende des Bandes auf. Hölderlin in einfacher Sprache meint sie, sei ein Oxymoron und erklärt dann den Begriff: »So nennt man Wörter, die eigentlich nicht zusammen passen. Sie widersprechen sich.« Aber da ist man beim Lesen bereits auf Seite 111 und längst vom Gegenteil überzeugt.

Stefanie Jäckel nähert sich Hölderlin biografisch. Sie erzählt von seiner Geburt in dem ganz besonderen Sommer 1770, als jener Komet der Erde so nah kommt, »daß es aussah, als wolle er uns mehr etwas im Vertrauen sagen, als aus der Ferne verkünden«, wie Lichtenberg schreibt. Sie berichtet von seiner Familie: der Schwester Rike, dem Halbbruder Karl, der Mutter Johanna Christiana, vom frühen Tod des Vaters und dem des Stiefvaters, der Friedrich und Rike wie seine eigenen Kinder liebt. Hölderlin muss frühe Verluste verkraften – und schon sind wir mittendrin im Leben und Verarbeiten, im Denken und Schreiben des Dichters. »So viele Abschiede« ist das kurze Kapitel, wie alle Texte im Buch wie ein Gedicht angeordnet, überschrieben. Ganz behutsam schleicht sich das erste Hölderlingedicht dazwischen, »Der Spaziergang«. Es holt die Leserinnen und Leser ab, wo sie die Trauer und den Schmerz des jungen Mannes gut nachvollziehen können und der »Stachel im Herz« für alle spürbar wird.

Schritt für Schritt folgen wir den Spuren des Genies. Seinen Lieben, seinen Hoffnungen, seinen Enttäuschungen. Warum manches nicht gleich verständlich ist, wird begreiflich gemacht:

»Ein Gedicht ist ein Kunst-Werk«, sagt Jaeckel und beschreibt, dass es nicht genügt, Wörter und Sätze aneinanderzureihen, sondern dass Gedichte komponiert werden.

Die Illustrationen von Henriette von Bodecker unterstreichen das. Sie bestehen aus sorgsam zusammengefügten Formen, die ein Bild ergeben. Spielerisch umtanzen sich die Elemente, ziehen sich an und scheinen sich abzustoßen: Dabei hat jedes seinen Platz, von dem es nicht wegzudenken ist, wie die Worte in Hölderlins Gedichten. Und ganz behutsam lassen sich solche Gebilde auch wieder zerlegen. Der Blick fällt auf Einzelnes, Isoliertes und macht den Sinn deutlich, den es im Gesamtgefüge hat. Perspektivenwechsel, Fragen, die beantwortet werden und solche die offenbleiben, Rätselhaftes, das entschlüsselt wird: Seite um Seite zieht das kleine Buch in seinen Bann – und in den des Dichters. Wir folgen, fast atemlos. Bis zu seinem Zusammenbruch, bis zum Ende. Und bis darüber hinaus, denn »… was bleibet aber, stiften die Dichter«.

Informationen über Hölderlin, seine Texte und die Bilder wechseln sich ab, beflügeln sich gegenseitig, machen das Ganze rund und helfen dem Verstehen näherzukommen. Wer dann noch mag, ergänzt das Buch durch einen Besuch der digitalen Ausstellung auf der Seite des Hölderlinturm Museums.

Eine schönere Art Hölderlin kennenzulernen, als mit diesem kleinen Kunstwerk, kann man sich eigentlich nicht vorstellen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Stephanie Jaeckel: Hölderlin leuchtet
Ein Lese-Buch über Friedrich Hölderlin in einfacher Sprache
Illustriert von Henriette von Bodecker
Hrsg. von Sandra Potsch, Museum Hölderlinturm Tübingen
Berlin: Passanten Verlag 2020
116 Seiten. 14,50 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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