//

Kein Bedarf

TITEL-Textfeld |Wolf Senff: Kein Bedarf

Das läßt sich nicht abstreiten, sagte Tilman, sie finden uns einfach nur langweilig.

Sicher?

Tilman nickte, stand auf und schenkte Tee nach.

Sterbenslangweilig, bekräftigte er, und sie haben ja recht, niemanden drängt es nach dieser Spezies.

Aber unser Planet, wandte Anne ein, unser Planet ist ein Paradies.

Tilman lachte. Dieser Planet war einmal ein Paradies, sagte er, der Mensch ist für ihn eine Heimsuchung. Wir leben in den Tagen der Vertreibung, spottete er, und haben das selbst zu verantworten.

Der Mensch will das Leben genießen.

Ich weiß, ich weiß, er preßt das Leben aus dem Planeten, wohin immer ihm sein Werkzeug reicht, er feiert Parties, er verbreitet gute Laune, seine Milliardäre genießen Narrenfreiheit, sie halten die Zügel, sie pflegen kostspielige Liebhabereien, das genügt ihnen nicht, sie residieren in illustren Regionen, besitzen exklusive Ländereien auf subtropischen Inseln, stille Refugien, das genügt ihnen nicht, sie investieren in Weingüter, sie lassen ihre Vermögen an der Börse verwalten, mehr mehr sprach der Häwelmann, und der Struwwelpeter ließ sich die Haare wachsen und die Fingernägel dazu, tut man das, sie lassen Wettbewerbe veranstalten, IOC, UEFA, FIFA, tut man das, Sommermärchen, Party, beim Lachen zeigen die Leute makellose Zähne, wie es euch gefällt, trickle-down-Amüsement für die prekären Schichten, ein gegliedertes Kartenhaus, für alles scheint gesorgt.

Eben, wandte Anne ein, das Leben auf dem Planeten ist straff organisiert.

Für eine Minderheit der reichen Nationen, sagte Tilman, ansonsten herrschen Hunger und Elend, die Verteilung des erwirtschafteten Reichtums ist eine Katastrophe, das treibt dir die Schamröte ins Gesicht.

Also äußerst lebendig, beharrte Anne, und auf keinen Fall langweilig.

Sie war noch immer untröstlich, weil Tilman vor wenigen Tagen über eine Schwelle gestolpert war und dabei eine der Ming-Tassen zerschlagen hatte, die einzige mit dem rostroten Drachenmotiv, ihnen blieben einstweilen nur die lindgrünen Drachen, doch Tilman hatte unverzüglich nachbestellt.

Wiedergutmachen lasse sich das sowieso nicht, hatte sie ihm noch verärgert nachgerufen, während er eilig in der Küche verschwand.

Sie lehnte sich zurück. Auch das Lindgrün ist eine schöne Farbe, weshalb nur hängt ihr Herz an dem Rostrot, sie faßte nach der Tasse und trank einen Schluck vom Tee.

Lebendig wohl, erwiderte Tilman, aber in aller angestrengten Bewegtheit dennoch auf eine abstoßende Weise erstarrt, das werde sie kaum bestreiten, eine Gesellschaft wie eine triumphalistisch designte Einbahnstraße, und niemand lasse eine Abzweigung zu, das herrschende System sei ohne Erbarmen, sehenden Auges würden die Millionen Menschen ignoriert, die durch die Verhältnisse in die Flucht getrieben würden, ja, millionenfaches Elend, und nirgendwo ein Ansatz, exakt diese Verhältnisse neu zu gestalten, verstehst du, Anne, das nenne ich langweilig, phantasielos, mag man auch noch so lärmende bunte Parties feiern, breit lächelnd gute Laune verbreiten und feine kulturelle Zirkel höflich pflegen – dünne Firnis, durch die die Eintönigkeit nie und nimmer verdeckt wird.

Also würdest du zustimmen.

Das Thema hat viele Facetten, Anne. Ein Außenstehender, der die Erde beobachtet wie einen Exoplaneten, würde sich vermutlich vor allem an grundlegenderen  Dingen stören. Es könne nicht sein, würde er sagen, daß eine selbstsüchtige Spezies sich zum Herrscher über einen Planeten aufschwinge, und mehr noch, daß sie sich dessen ursprüngliche Gastfreundschaft parasitär zunutze mache.

Schmarotzer.

Dein Wort, Anne, und falsch ist das nicht. Ein Planet wird geplündert, und wo immer sich verwertbare Beute erkennen läßt, wird sie für die Zwecke des Menschen genutzt, seine Raffgier zeichnet ihn aus.

Darüber gehen andere Spezies zugrunde, Tilman, das sechste große Artensterben setzt ein, und niemand kann vorhersagen, wer oder was überlebt.

Das ist die Art, wie sie denken, Anne, jeder will erster sein, Konkurrenz und Wettbewerb sind angesagt, Gegner müssen besiegt werden, das ist tief in uns Menschen verankert, auf keinen Fall Schwäche zeigen – für den außenstehenden Beobachter ist das einfach nur niveaulos, Machtkämpfe sind öde, sind langweilig, er wird müde abwinken, der Kontakt mit einer dekadenten Spezies ist nicht erstrebenswert.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kampf für soziale und menschliche Gerechtigkeit

Nächster Artikel

Sommerspaß pur!

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Zukunft II

TITEL-Textfeld | Wolf Senff:  Zukunft II

Doch, auch der Mensch, sagte Rostock, selbstverständlich.

Er werde es nur nicht beizeiten gemerkt haben, sagte Thimbleman.

Er werde es nicht wahrhaben wollen, sagte der Ausguck.

Wem falle es leicht, sagte der Rotschopf, den kritischen Blick auf sich selbst zu richten.

LaBelle hätte gern eine Kleinigkeit gegessen.

Touste starrte unverwandt auf die Sterne.

Die Nacht in der Ojo de Liebre war mild.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Eine Brache am Stadtrand

Kurzprosa | Judith Hermann: Lettipark Vor 18 Jahren hat sie mit ihren Debüterzählungen Sommerhaus, später gleich einen grandiosen Erfolg gefeiert. Der Band avancierte zum Bestseller – und der Name Judith Hermann galt fortan beinahe als Synonym für das Phänomen »Fräuleinwunder«. Als »Stimme ihrer Generation« wurde die Berlinerin gefeiert und ihren Texten ein »unwiderstehlicher Sog« attestiert. Vor zwei Jahren legte sie ihren mit großer Spannung erwarteten ersten Roman ›Aller Liebe Anfang‹ vor – ein unspektakuläres, etwas langatmiges Buch über eine Frau mittleren Alters, die eine Zwischenbilanz zieht. Nun präsentiert die inzwischen 46-jährige Autorin wieder einen Band mit 17 neuen Erzählungen – ›Lettipark‹

Märchenhafter Frauenversteher

Kurzprosa | J.M.G. Le Clézio: Der Yama-Baum und andere Geschichten Der Yama-Baum – neue Erzählungen von Nobelpreisträger J.M.G. Le Clézio. Von PETER MOHR

Rum und Ruinen

Kurzprosa | Frank Nihil: Essay oder Stirb ›Essay oder Stirb. Geschichten, Gedanken, Gedichte‹ heißt der Erstling des Karlsruher Musikers und Gelegenheitspublizisten Thomas Hauf, der unter dem Pseudonym Frank Nihil eine schonungslose Seismographie der eigenen, weitgehend als sinnlos empfundenen Existenz zu geben versucht. ALBERT EIBL über Schilderungen des Lebens.

Sut erzählt (5)

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sut erzählt (5)

Walfang ist todesmutiger Kampf, eine blutrünstige Angelegenheit – was hätte das mit Harmonie zu tun? Doch Sut wäre nicht Sut, wenn die Männer sich seinen Worten hätten verschließen können, der Schein trügt. Termoth, dem Hünen, der seinen Schwarzen der ›Marin‹ als Schutzpatron galt, standen Tränen in den Augen, sogar Eldin stellte seine Sorgen zurück.

Keesta, der als heilig verehrte Dorfälteste, führte, so heißt es, sagte Sut, den Walfang an. Der erste Grauwal war in den späten Herbstwochen der Vorbote der großen Wanderung zu den südlichen Lagunen, im ausgehenden Frühjahr kündigte er die Rückkehr ins Beringmeer an.