Weltuntergang mit Happy End

Philippe »Zep« Chappuis: The End

Der Schweizer Comic-Zeichner Zep ist international für seine komische Comic-Reihe über den Jugendlichen Titeuf bekannt. Mit ›The End‹ veröffentlichte er eine Graphic Novel für Erwachsene, die einen aufrüttelnden Kommentar zur Klimakrise abgibt. Denn in dem Öko-Thriller setzt sich ein weltweites Netzwerk aus Bäumen mit tödlichen chemischen Stoffen gegen die Naturzerstörung der Menschheit zur Wehr. FLORIAN BIRNMEYER hat ihn gelesen.

The End2019 erschien der Science-Fiction-Comic ›Paris 2119‹ aus der Feder von Philippe Chappuis, in dem er eine Welt ersann, wie sie in 100 Jahren sein könnte. ›The End‹ greift diesen Gedanken in Teilen auf, modifiziert ihn aber auch. Denn die Handlung spielt in einer näheren Zukunft, sodass man sich beim Lesen unmittelbar betroffen fühlt. Wie der Titel bereits ankündigt, geht es um eine Endzeitgeschichte, nichts weniger als die (beinahe vollständige) Auslöschung der Menschheit, ausgelöst durch einen weltweiten Zusammenschluss der Bäume, die die Beseitigung ihrer Lebensgrundlage nicht länger dulden wollen.

Wer diese Geschichte liest, muss den Gedanken akzeptieren, dass Bäume denken, entscheiden, miteinander kommunizieren können. So verwundert es nicht, dass dem Comic ein Zitat aus dem Bestseller ›Das geheime Leben der Bäume‹ (2015) des deutschen Försters und Autors Peter Wohlleben nachgestellt ist: »Und wer weiß: vielleicht wird eines Tages tatsächlich die Sprache der Bäume entschlüsselt und damit Stoff für unglaubliche Geschichten geliefert.« Eine Aussage des Sachbuches lautet, dass sich Bäume über Duftstoffe verständigen, um sich vor Schädlingen zu warnen.

Die Natur bäumt sich auf

Aus diesem Warnsystem der Bäume hat Zep tatsächlich eine »unglaubliche« Geschichte gemacht, die fesselt, bewegt, zum Lachen bringt und zum Nachdenken anregt. Der Ton der Geschichte wird bereits zu Beginn gesetzt, wenn in den spanischen Pyrenäen plötzlich grundlos eine Gruppe von Menschen umfällt. Dann Ortswechsel in ein Naturreservat in Schweden: Der Praktikant Theodor kommt an seinen neuen Arbeitsplatz bei dem in Dauerschleife die Doors hörenden, etwas eigensinnigen, Professor Richard Frawley und seinen beiden wissenschaftlichen Mitarbeitern Moon und Sören. Das Team erforscht die Kommunikation der Bäume, indem es mithilfe von Sensoren den Ausstoß von Gasen misst.

Schon früh in der Geschichte erfahren wir von der Ansicht des Professors, Bäume entledigten sich ihrer natürlichen Feinde durch die Produktion giftiger Stoffe, wenn diese in zu großer Zahl auftreten und für die Bäume und die Erde zu gefährlich werden. So sei es mit den Kudus gewesen und auch mit den Dinosauriern. Doch dass es den Menschen ähnlich ergehen könnte, daran denkt zunächst niemand …

Weit verzweigt

Frawley hat an einem prähistorischen Ahornblatt herausgefunden, dass es in der DNA der Bäume eine Art »Codex arboris«, einen Kodex, geben muss, welcher das Tagebuch der Entstehung der Erde enthält und bis zu 4,5 Milliarden Jahre zurückreicht. Allerdings löschen die lebenden Bäume diese DNA-Spuren aus, sobald sich ein Mensch ihnen nähert, sodass der Kodex geheim bleibt. An dieser Stelle wird deutlich, dass Zeps ›The End‹ ein Werk mit fantastischen Science-Fiction-Elementen ist. Selbst im Comic wird Prof. Frawley wegen seiner unkonventionellen Ansichten in der wissenschaftlichen Community von manchen als »Bäumeflüsterer« verspottet.

In dem Naturreservat treten vorerst nur eigenartige unbekannte Pilze auf, die dem mit Pilzen vertrauten Praktikanten Theodor sofort ins Auge stechen. Zunächst verdächtigt er die Firma Pharmacorp, die sich als Pharmafirma selbstverständlich als Bösewicht eignet, die Natur zu vergiften. Dann ergibt eine Untersuchung, dass die Pilze eine Substanz aus Chemiewaffen enthalten. Außerdem werden die Forscher darauf aufmerksam, dass die Bäume eine flüchtige Substanz in die Atmosphäre absondern, die besonders weit reicht, als ob sie ein Signal senden wollten. Die wilden Tiere des Reservats haben zudem keine Scheu mehr vor den Menschen und laufen einfach in der Zivilisation herum, in Läden und Straßen. Irgendetwas Seltsames geht vor, doch der Professor und sein Team wissen trotz der zahlreichen Indizien noch nicht, was genau.

Etwas unnötig verästelt

In einer überflüssigen Nebenhandlung, die Krimi-Elemente enthält und nur retardierend wirkt, versucht Theodor mit seiner Mitarbeiterin Moon, aus dem Chef der Firma Pharmacorp Informationen über die Verseuchung der Umwelt zu erpressen. Dann kommt jedoch auf ganz legalem Wege der entscheidende Hinweis und Plot Twist: Ein Observatorium von Monte Zeballos in Argentinien hat die DNA einer Buche entschlüsselt und den gesuchten Kodex entdeckt. Die Analyse ergibt erstens, dass, wie vom Professor vermutet, vor 66 Millionen Jahren die Ausrottung der Dinosaurier im Kodex programmiert war. Die zweite, erschreckende Botschaft: Für die unmittelbare Gegenwart ist eine identische Auslöschung auf dem Kodex enthalten.

Kaum ist dieses Geheimnis gelüftet, sterben nicht nur die Forscherinnen und Forscher, sondern Menschen überall auf der Welt – auf dem Land, in den Großstädten. Damit ist die Ausrottung der zu schädlich gewordenen Feinde durch die Erde besiegelt. Allerdings bleibt Theodor verschont. Zuerst könnte man denken: als einziger. Doch dann trifft er auf ein kleines Mädchen und auf weitere Überlebende aus den verschiedensten Ländern und Kulturen. Zusammen wagen sie einen »Neuanfang in Demut«. Die warnende Botschaft dieses Öko-Comics, die ganz im Sinne der Klima- und Umweltbewegung ist:Vielleicht hatten wir so das Wesentliche begriffen. Wir sind nicht die Herrscher über die Erde. Wir sind ihre Gäste. Sie gibt uns eine zweite Chance.

›The End‹ ist ein Öko-Thriller und -Märchen, das zum Umdenken und Umlenken auffordert und damit in der Form einer Graphic Novel einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Klimadiskussion leistet. Dass es nicht immer wissenschaftlich zugeht, ist dem Science-Fiction-Genre geschuldet und darf man dem Buch nicht zur Last legen.

Ob die Menschheit jedoch auch im echten Leben vom Planeten Erde eine zweite Chance bekommt, ist fraglich. Wenn die Ressourcen einmal ausgebeutet sind, der Meeresspiegel gestiegen ist, die Artenvielfalt zurückgegangen ist und das Klima sich verändert hat, bleibt den Menschen nur noch der technische Fortschritt, die Anpassung an die veränderten Klima- und Umweltverhältnisse oder – für die Mutigen – die Suche nach einem neuen Planeten, auf dem Menschen leben könnten.

| FLORIAN BIRNMEYER

Titelangaben
Philippe »Zep« Chappuis: The End
Hamburg: Schreiber & Leser 2020
96 Seiten. 19,80 Euro.
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

1 Comment

Schreibe einen Kommentar zu Comic | Zep: Der ferne, schöne Klang | TITEL kulturmagazin Antwort abbrechen

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Ort voller Magie

Nächster Artikel

Vom Wald zum Märchenwald

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Witness the fitness

Comic | Alison Bechdel: Das Gehemnis meiner Superkraft

Sport ist Mord? Nicht bei Alison Bechdel. In ihrem neuen Comic ›Das Geheimnis meiner Superkraft‹, der in deutscher Übersetzung neu bei Kiepenheuer und Witsch erschien, setzt sie ihre Fitness-Vernarrtheit in Bezug zu den Biographien von Jack Kerouac, Margaret Fuller – und ihrer eigenen. Was in einer Kulturgeschichte populärer Einzelsportarten mündet und parallel noch viel mehr erzählt. Von CHRISTIAN NEUBERT

Max und Moritz-Preis 2018

Comic Spezial | Max und Moritz-Preis 2018 Im Zentrum des 18. Internationalen Comic-Salons, der vom vergangenen Donnerstag bis Sonntag in Erlangen stattfand, stand die Verleihung der Max und Moritz-Preise für Comic-Künstler im Markgrafentheater. Die Comic-Expertin Hella von Sinnen und der Juror Christian Gasser moderierten die Veranstaltung, mal mit Charme und Humor, mal mit peinlichen Plattitüden. Für Begleitmusik sorgte die fränkische Band Kapelle Rohrfrei. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Gala in dem nur halb gefüllten Theatersaal angesehen und berichtet über die Preisvergabe.

Verloren im Toten Meer

Comic | 18 Metzger (Text und Zeichnungen): Totes Meer Auch ein gestandener Comicrezensent muss nicht unbedingt von sich behaupten können, alle Preisträger des Max und Moritz Preises schon gelesen zu haben. Wenn aber einer darunter ist, von dem er noch nicht einmal etwas gehört hat, selbst wenn dieser auf den skurrilen Künstlernamen ›18 Metzger‹ hört, dann ist das natürlich ein Grund, sich schleunigst ein Rezensionsexemplar zu besorgen und diese Wissenslücke zu füllen. So ist BORIS KUNZ in den Genuss des Sammelbandes von ›Totes Meer‹ gekommen.

Bilder der Zerrissenheit

Comic | Ben Gijsemans: Aaron

Ben Gijsemans nimmt sich mit dem in der Edition Moderne erschienenen Comic ›Aaron‹ einem Tabu-Thema an: Pädophilie. Einfühlsam und mit gebührender Vorsicht erzählt er von einem jungen Mann, der entsprechende Neigungen bei sich feststellt. Seine Zerrissenheit, Scham und Angst wird überzeugend ausgearbeitet. Von BIRTE FÖRSTER

12 Tickets fürs Wunderland

Comic | Sascha Hommer, Kalle Hakkola (Hrsg.): Comic Atlas Finnland Kein weißes Kaninchen, sondern ein Nilpferd und ein Krokodil sitzen am Steuer des Flugzeugs auf dem Cover des ›Comic Atlas Finnland‹, mit dem der Verlag Reprodukt und die Finnish Comics Society den deutschen Leser in eines der nördlichsten Länder der Erde entführen wollen. Wer sich wie BORIS KUNZ auf die Reise einlässt, wird gemeinsam mit vielen kindlichen und adoleszenten Reisegefährten ein Land voller melancholischer Schönheit, absurder Traumlandschaften und düsterer Abgründe entdecken – und einiges über Art House Comics lernen.