Ein wertvolles Erbe

Sachbuch | Sonya Osmy: Familienfotografie

»Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön.« Mit dem Fotografieren war es zu Goethes Faust-Zeiten noch so eine Sache, das erste richtige Foto gab es erst rund 20 Jahre nach Erscheinen von Goethes Faust. Man musste damals also jene besonderen Momente noch in unvergesslichen Worten festhalten. Heute, wo das Fotografieren immer leichter, schneller, einfacher und unkomplizierter geworden ist, da steigen aber auch die Ansprüche; ein ganz besonderes Bild soll es sein, erst recht das vom Nachwuchs, das von der Familie. Diesem Streben hilft das wunderbare Buch aus dem dpunkt.verlag auf die Sprünge, wie BARBARA WEGMANN meint.

Ein Lächeln für ein Leben

Ein kleines Kind posiert mit einem Boxhandschuh»Ein Foto ist dir gut gelungen, wenn du beim Betrachten etwas spürst. Wenn du es anschaust und den Blick gar nicht mehr abwenden möchtest. Wenn du vielleicht jetzt schon ahnst: Dieses Bild wird dich begleiten, bis du alt und schrumpelig bist…« Ums Fotografieren der Familie drehen sich die 268 Seiten, aber seien wir ehrlich, es sind die Kinder, die hier die Hauptrolle spielen, mal mit der Mama, mit dem Papa, den Großeltern, dem Haustier, aber eben Kinder im Mittelpunkt. In jedem Alter, in unzähligen Situationen. Ihr Leben begleitet man, ihre Entwicklung, ihre Geschichte erzählt man mit Fotos, und nicht selten sind es Bände. »Du kannst deinem Kind in vielen Jahren nicht nur zeigen, wie es aussah und was es gemacht hat. Du kannst ihm zeigen, wie du es gesehen hast. Ihm einen Blick durch deine liebenden Augen ermöglichen. Ein mit Achtsamkeit, mit Wertschätzung und Ruhe aufgenommenes Foto hat die Macht, deinem Kind später ein Gefühl für deine nicht in Worte fassbare Liebe zu vermitteln.« Fotos werden zum Kommunikationsmittel innerhalb der Familie, ein Zeitdokument, vielleicht ein Album. Hand aufs Herz, wer Kinder hat, der hat auch viele Alben mit Fotos zu Hause, oder nicht? Aber oft sagt man sich, die Bilder hätten etwas besser werden können, das Licht hätte ein anderes, die Komposition eine andere sein sollen. All das und viel mehr wird aufgearbeitet in diesem umfangreichen Buch, das sich an Einsteiger*innen wendet.

Man könne Liebesbriefe mit Fotos schreiben, behauptet die Autorin, die seit vielen Jahren als Familienfotografin tätig ist und viele Workshops zum Thema veranstaltet. Solch ein Workshop ist dieses Buch auch. Es bietet Grundlagen, Workshops zu verschiedenen Situationen, von Babyfotos bis zu Weihnachts- und Urlaubsbildern und schließlich eine »Kleine Fotoschule«. Insgesamt eine runde Sache. Wie war das? Liebesbriefe mit Fotos schreiben? Sonya Osmy lädt dazu ein. »Ich zeige dir gern, wie.«

Das Allerwichtigste: das Motiv, die Situation muss mit »uns sprechen«, und »uns berühren«. »Offenheit, um Berührendes wahrzunehmen.« Ein schlafendes Kind, ein spielendes Kind, versunken in einer so verträumten und fantasiereichen Welt, entrückt. Diesem Kind wird niemand sagen, bitte lächle doch einmal jetzt für ein Bild, denn das würde die Seele des Bildes in einer Sekunde zerstören. »Wir wollen keine Kinder, die beim Fotografiert werden brav Befehle befolgen.«

Sonya Osmy doziert nicht, sie erzählt, gefühlvoll, auch aus eigenem Leben und Erfahrungen, sie vermittelt Nähe, man lernt auf Augenhöhe, ihre Ratschläge, Tipps und Anregungen haben Hand und Fuß, überzeugen und regen schnell zum Nachahmen an, so fotografiert man von Kapitel zu Kapitel bewusster. Natürlich steht bei der Profi-Fotografin die Kamera im Vordergrund als Arbeitsmittel, und die bietet natürlich weitaus mehr Möglichkeiten bei Aufnahme und Bearbeitung, als es bei einem Handy möglich ist. Dennoch, so sagt sie, können Selfies mit dem Handy beispielsweise auch viel Spaß machen. »Sie sind also keinesfalls nur als Stilmittel für selbstverliebte Teenies oder komplette Fotobanausen zu betrachten.« Dennoch bleibt ihr Plädoyer für eine Kamera. Denn in den Zustand »ungeteilter Aufmerksamkeit« komme man eben nicht so schnell, wenn man ein Handy in der Hand halte. »Für mich ist eine Kamera wie der Gong, der eine Meditation einleitet … dann begibt sich dein Bewusstsein dadurch automatisch in den Zustand der Entspannung … Diesen Effekt übt meine Kamera bei mir aus.«

Alle Arbeits- und Lernschritte – begleitet von vielen Fotografien – jedes einzelne Kapitel ist so verständlich geschrieben, sodass jeder Anfänger bestens damit umgehen kann. Ein in der Tat sehr anwendbares Buch, ein Begleiter für jede Familiensituation. Und auch ein sehr persönliches Buch.

Bilder von der Familie seien ein wertvolles Erbe, gibt die Autorin mit auf den Weg. Natürlich weiß sie um die Flut, die sich gerne ansammelt, weil man Kinder nicht oft genug fotografieren kann. Aber: Man sollte das Erbe in würdiger und gepflegter Form hinterlassen. »Wenn du nie ein Foto löschst, dann hinterlässt du deiner Familie einen Haufen Müll…. Was für ein trauriger Gedanke.« Dieses Buch schafft garantiert Abhilfe.

| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Titelangaben
Sonya Osmy: Familienfotografie
Das Lern- und Praxisbuch für Eltern
Heidelberg: dpunkt.verlag 2021
268 Seiten, 29,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Freiheit leben, ohne die des anderen zu verletzten

Nächster Artikel

Wenn ein Kochbuch zum Kunstwerk wird

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Ein Mensch voller Ambivalenzen und Widersprüche

Sachbücher | Goethe und die Juden / Goethe. Porträt eines Lebens, Bild einer Zeit

Goethe wurde in den letzten 200 Jahren zur wichtigsten identitätsstiftenden Figur der deutschen Kultur. Er wurde zu einer Institution, es entstanden Gesellschaften und Vereine, sein Werk wurde zur Pflichtlektüre in den Schulen, an den Universitäten entstand die Goethephilologie. Mit der Eröffnung des Goethe-Nationalmuseums in Weimar im Jahr 1885 wurde die Stadt selbst zum Goethe-Denkmal. Für die 1885 gegründete Goethe-Gesellschaft war der Weimarer Dichter bereits vor der »Machtergreifung« 1933 weniger der aufgeklärte Humanist und vielmehr der konservative Nationalist. Danach propagierte sie sogar das Bild eines »braunen Goethe« und nutzte es für Regimezwecke. Dies beschreibt W. Daniel Wilson bereits in seinem Buch ›Der faustische Pakt‹ aus dem Jahr 2018. Von DIETER KALTWASSER

Für ein Leben in Selbstbestimmung und Freiheit

Gesellschaft | Natalie Amiri und Düzen Tekkal: Die mutigen Frauen Irans

Niemand weiß, wie sich die Proteste gegen das Mullah-Regime weiterentwickeln. Doch die mutigen Iranerinnen haben mit ihrem Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung schon viel bewirkt. Von DIETER KALTWASSER

Wider die Tyrannei des einzigen Blickpunkts

Kulturbuch | Daniel Tammet: Die Poesie der Primzahlen Savants, autistische Menschen mit einer sogenannten Inselbegabung, waren lange Zeit nur Objekt der wissenschaftlichen Begierde. Erst in den 80er Jahren erregten sie die amüsiert-gerührte Neugier von Normalbegabten durch Oliver Sacks‘ »Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte« und Barry Levinsons »Rain Man«. Ihre Tauglichkeit als Popfiguren wurde ab 2005 getestet, als die TV-Serie »Numbers« ein mathematisches Superhirn mit den typischen weißen Flecken auf der sozial-emotionalen Landkarte als sexy (männlich) Rätsellöser für die heile Law-and-Order-Welt rekrutierte. Und seit Stieg Larssons Lisbeth Salander scheint Autismus regelrecht zum Glamourfaktor mutiert: genialisch-unheimlich plus sexy (weiblich)

Pubertär und halbstark

Gesellschaft | Tuvia Tenenbom: Allein unter Amerikanern »Hier ist alles Attrappe«. Hm. Das, finde ich, geht zu weit, wenn man über die USA redet. Wenngleich es wieder zu passen scheint, sofern man an den gegenwärtigen Wahlkampf denkt, die Welt ist irreführend sortiert. Ganz in diesem Sinne ist die Beobachtung, dass »Marketing […] einer von Amerikas bedeutendsten Beiträgen zur Menschheit, wenn nicht der bedeutendste« ist. Hm. Gut zu wissen. Von WOLF SENFF

Geliebtes Almschi

Menschen | Susanne Rode-Breymann: Alma Mahler-Werfel Alma Mahler-Werfel gilt gemeinhin als exaltierte Persönlichkeit und Muse zahlreicher schöpferischer Männer. In einer neuen Biographie entzaubert Susanne Rode-Breymann manch gängigen Mythos und zeigt ein höchst außergewöhnliches Frauenleben auf. Von INGEBORG JAISER