Klavier spielen auf dem Cello

Roman | Natascha Wodin: Nastjas Tränen

»Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern.« So beschreibt die inzwischen 76-jährige Schriftstellerin Natascha Wodin die Protagonistin ihres neuen Romans Nastjas Tränen. Wodin, deren literarisches Werk durchgehend einen autobiografischen Background hat, war vor vier Jahren für ihren Roman Sie kam aus Mariupol mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Darin hatte sich die Schriftstellerin, die als Tochter russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter 1945 in einem Lager in Franken geboren wurde, in leisen Tönen dem Leben ihrer Mutter angenähert. Von PETER MOHR

Auch in ihrem neuen Roman reichen die Wurzeln wieder nach Osteuropa. Hauptfigur Nastja stammt aus der Ukraine, hat in Kiew studiert und einen Abschluss als Bauingenieurin in der Tasche, als sie 1992 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit einem Touristenvisum nach Berlin kommt.

Für die Hauptfigur geht es ums nackte Überleben. Sie heuert als Putzfrau bei einer neureichen Russin an, die in einer fürstlichen  Altbauwohnung im Dunstkreis des Kurfürstendamms residiert und die sie schikaniert und gnadenlos ausbeutet. Viel gegensätzlicher hätte man das Bild von Gewinnern und Verlierern der Wende in Osteuropa nicht »malen« können.

Hier geht es um Entwurzelung, um ein erzwungenes Kappen der eigenen Biografie und um ein Leben in einem neuen, völlig fremden Kulturkreis. Demgegenüber steht ein ausgeprägtes Heimweh, hier in Wodins Schilderung weit mehr als nur eine kitschige Vokabel. Trotz des alles andere als glücklichen Lebens in der Ukraine: »Annähernd dreißig Jahre lebte Nastja so, eine Zeit, die ihr vorkam wie ein endloses, nie stillstehendes Rotationsband, ein nie abreißender Strom aus grauem, betäubendem Einerlei.«

Natascha Wodin evoziert ein beklemmendes Gefühl der Fremdheit, des Nichtdazugehörens, des gnadenlosen Außenseitertums. Nastjas  schmerzliches Empfinden von Zweitklassigkeit (eine Akademikerin als Putzfrau oder Haushaltshilfe) trübt ihre Wahrnehmung und lässt sie kurzzeitig in einer Beziehung zum harleyfahrenden Kranführer Achim stranden.

Schlussendlich landet Nastja im Haushalt der Ich-Erzählerin, die (keineswegs zufällig) der Autorin Natascha Wodin nicht unähnlich ist. Aus dieser Konstruktion resultieren allerdings einige kleine Unebenheiten im ansonsten geschliffenen Romanprofil. Das Helfersyndrom des Erzähl-Ichs und die aufopferungsvolle Selbstlosigkeit wirken an einigen Stellen schlicht etwas zu dick aufgetragen. Jedenfalls gelingt es der Ich-Erzählerin, Nastjas Abschiebung in die Ukraine zu verhindern.

Im Zusammenleben der beiden Frauen entstehen Sequenzen von großer Emotionalität. Nastja bricht in Tränen aus, als sie eine Platte mit ukrainischen Volksliedern hört. Es ist vor allem diese so authentisch klingende innere Zerrissenheit der Nastja-Figur, die den Leser gefangen nimmt: »Sie behielt die russische Tonart bei und brachte das Kunststück fertig, auch dann Russisch zu sprechen, wenn sie Deutsch sprach. Sie spielte, sozusagen, Klavier auf einem Cello.«

Natascha Wodin hat Nastjas Schicksal eindrucksvoll und ohne aufgesetzte Mitleidsattitüde beschrieben. Fragmentarisch tauchen noch etliche ähnlich gelagerte Lebenswege von Nebenfiguren auf. Das Fremdsein, das Gefühl der Entwurzelung steht im Zentrum – so wie im Text von Schuberts Winterreise: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus.«

| PETER MOHR

Titelangaben
Natascha Wodin: Nastjas Tränen
Hamburg: Rowohlt Verlag 2021
189 Seiten. 22.- Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Barrieren

Nächster Artikel

Ein Schatzkästchen

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Feindliche Übernahme

Roman | Dominique Manotti: Kesseltreiben Dominique Manotti gilt als Expertin in Wirtschaftsfragen. Und, weil sich in ihren Romanen profundes ökonomisches Wissen, ein wiedererkennbarer Individualstil und das Gespür für spannende Plots verbinden, auch als eine der besten und aufregendsten Thrillerautorinnen, die Europa zurzeit hat. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Die Geschichte geht weiter

Roman | Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman ›Der Gefangene des Himmels‹. Gelesen von PETER MOHR

Die Sogkraft der Tiefflieger

Roman | Jochen Rack: Menschliches Versagen Dem kurzen Traum von Glück folgt oft unweigerlich ein böses Erwachen. Ungewiss und rätselhaft ist das menschliche Schicksal, diese Lebensweisheit bestätigt Jochen Rack in seinem Debütroman Menschliches Versagen. Von HUBERT HOLZMANN PDF erstellen

Summer of 69

Roman | Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter In seinem neuesten Roman zeichnet der Autor Ulrich Woelk ein berührendes und rückwirkend leicht melancholisch anmutendes Zeitpanorama der 1960er Jahre. Der Sommer meiner Mutter enthüllt eine Stimmung zwischen Bigotterie und dem aufkeimenden Wunsch nach Selbstverwirklichung, zwischen technischem Fortschrittsglauben und menschlichem Unvermögen. Eine Besprechung von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Die Putzfrau und die Snobs

Roman | Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest Martin Mosebach gehört nicht zu den schrillen Stimmen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Der 62-jährige Frankfurter pflegt einen altbackenen, detailverliebten Erzählstil und kokettiert überdies gern mit dem ihm verliehenen Attribut des »Erzkonservativen«. Der Georg-Büchner-Preisträger legt seinen neuen Roman Das Blutbuchenfest vor. Von PETER MOHR PDF erstellen