Immer einen Schritt voraus

Roman | Zhou Haohui: 18/4. Der Hauptmann und der Mörder

18 Jahre sind vergangen, seit ein kaltblütiger Killer, der sich Eumenides nannte und Menschen tötete, die sich schuldig gemacht hatten, ohne für ihre Taten bestraft worden zu sein, vergeblich von einer Spezialeinheit der Polizei gejagt wurde. Nun ist er wieder da und Hauptmann Pei Tao, der damals zwei der ihm liebsten Menschen verlor, schließt sich der wiedergegründeten Sondereinheit »18/4« an, um den ihn quälenden Albtraum endlich zu beenden. Doch auch diesmal ist der Mörder seinen Jägern ein ums andere Mal voraus. Und was noch schlimmer ist: Er scheint seine Verfolger besser zu kennen, als denen lieb sein kann, und immer genau über ihre nächsten Schritte im Bild zu sein. Von DIETMAR JACOBSEN

Indem er den Namen, unter dem er in der Öffentlichkeit auftritt, von den Eumeniden, den drei griechischen Rachegöttinnen Alekto, Megaira und Tisiphone, herleitet, lässt der raffinierte Killer im ersten Teil der 18/4 – Trilogie des chinesischen Autors Zhou Haohui keinen Zweifel an seinen Absichten. Er ist auf einer Vergeltungsmission und sucht diejenigen heim, die sich auf irgendeine Art schuldig gemacht haben, dafür aber nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Ob Mörder oder Betrüger, Vergewaltiger oder Diebe, korrupte Staatsdiener oder Angehörige krimineller Organisationen – in einem gut besuchten Internetforum der chinesischen Millionenstadt Chengdu hat Eumenides dazu aufgerufen, ihm bei der Identifizierung von ihrer verdienten Strafe bisher entgangenen Menschen zu helfen. Und sein »Aufruf zu Gerechtigkeit« ist nicht echolos geblieben.

Rückkehr nach 18 Jahren

Eine Sonderkommission muss deshalb schnell her. Und warum soll diese nicht wieder »18/4« heißen nach jener Spezialeinheit, die im April vor 18 Jahren gegründet wurde, als der Mann, der als Richter und Henker in einer Person auftritt, schon einmal blutig zuschlug? Doch was damals nicht gelang, weil man die Öffentlichkeit konsequent aus den Ermittlungen heraushielt, um keine Panik zu verbreiten, soll unter Mitwirkung der genialen Psychologin Mu, des ein wenig sorglos wirkenden Computerspezialisten Zheng und des Mannes, der damals wie kein Zweiter in den Fall verwickelt war und inzwischen als Polizist in der Provinz arbeitet, unbedingt gelingen.

Doch ist Hauptmann Pei Tao auch der Richtige für diesen Fall? Und weiß er nicht mehr über den Täter, der damals seinen besten Freund und seine Geliebte getötet hat, als er eigentlich wissen dürfte? Zumindest scheint es richtig zu sein, dass er nach seinem überraschenden Auftauchen in der Provinzhauptstadt von den dortigen Einsatzkräften erst einmal beargwöhnt wird. Denn er selbst und die schöne Meng, seine Geliebte, waren es, die, kurze Zeit bevor der 18/4-Mörder das erste Mal zuschlug, als Studenten der Polizeiakademie darin wetteiferten, betrügerischen Kommilitonen das Handwerk zu legen, indem sie deren Taten unter dem Decknamen Eumenides in der Öffentlichkeit bekanntmachten und damit für ihre Bestrafung sorgten.

Morde mit Ankündigung

Der 1977 geborene Zhou Haohui hat sich nach einem Studium der Umwelttechnik, das er 2003 abschloss, ganz auf das Schreiben konzentriert. Neben zahlreichen Kurzgeschichten und -romanen sowie Arbeiten für Kino und Fernsehen erschien ab 2014 in gedruckter Form seine ihn später auch international bekannt machende Reihe 18/4 über einen teuflischen Serienmörder, dessen Nachfolger und den Mann, der sich am besten in die Täter hineindenken kann, Hauptmann Pei Tao. Mit Der Hauptmann und der Mörder liegt deren erster Band nun in einer Übersetzung aus dem Englischen von Julian Haefs auch in deutscher Sprache vor. Die beiden weiteren Titel der Serie werden noch 2022 folgen.

Von einem riesigen Aufgebot an Polizei- und Sicherheitskräften lässt sich der hochintelligente Täter jedenfalls nicht abschrecken. Im Gegenteil: Er scheint das Katz-und-Maus-Spiel geradezu zu genießen, in das er seine Gegner verwickelt, stellt ihnen Fallen, führt sie in die Irre und lässt sich von seinen ersten angekündigten Morden durch nichts abbringen. Immer scheint er seinen Jägern ein entscheidendes Stück voraus, ahnt, was sie vorhaben, und vereitelt es mit eigenen ausgeklügelten Strategien. Ein Phantom, das auftaucht, seinen Racheplan in die Tat umsetzt und spurlos wieder verschwindet. Und wenn das Opfer noch so gut geschützt wird – Eumenides findet einen Weg, das Todesurteil, das er vor seinen Taten immer schriftlich an das Opfer und die Polizei schickt, zu vollstrecken.

Nichts ist, was es zu sein scheint

Dass das Wiederauftauchen von Eumenides nach 18 langen Jahren, in denen man nichts mehr von dem geheimnisvollen Rächer gehört hat, viel mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun hat, ist Hauptmann Pei Tao schnell bewusst. Deshalb hat er sich aufgemacht aus dem Provinzstädtchen Longzhou nach Chengdu, um endlich einen Schlussstrich unter die alte Geschichte zu ziehen. Aber erst, als er die Ermordung seines Freundes und seiner Geliebten in Verbindung bringt mit der ebenfalls vor fast zwanzig Jahren erfolgten Zerschlagung einer Rauschgiftbande durch die Polizei, beginnt er zu ahnen, dass sich hinter dem, was ihm selbst damals geschah, noch ganz andere Mächte verbargen, die ihn als Spielball für ihre Interessen bis in die unmittelbare Gegenwart benutzen.

18/4. Der Hauptmann und der Mörder ist ein spannender, gut geschriebener Roman. Zhou Haohui versteht sein Handwerk und lockt seine Leser lustvoll auf eine falsche Fährte nach der anderen. Nichts ist, was es zunächst scheint in diesem Buch: nicht einzelne Figuren, nicht deren Interessen und Beweggründe, nicht ihre Taten in Vergangenheit und Gegenwart. Ganz nebenbei gelingen dem Autor auch noch ein paar kritische Seitenhiebe auf das Leben in einem autoritär regierten China, in dem Frauen an ihren traditionellen Doppelrollen verzweifeln, die neuen Reichen so handeln können, als würden sie dem für alle geltenden Rahmen der Gesetze nicht unterliegen, und Korruption in allen gesellschaftlichen Bereichen an der Tagesordnung ist.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Zhou Haohui: 18/4. Der Hauptmann und der Mörder
Aus dem Englischen von Julian Haefs
München: Wilhelm Heyne Verlag 2022
398 Seiten. 13 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Traum muss kein Traum bleiben

Nächster Artikel

Identitätssuche

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Die Zukunft war damals meine Sehnsucht

Roman | Arnold Stadler: Am siebten Tag flog ich zurück

Am siebten Tag flog ich zurück, berichtet Arnold Stadler und eröffnet damit ein autofiktionales Spiel um Erinnerungen, Betrachtungen, (Kindheits)Träume. Im Mittelpunkt seines neuen Romans steht eine Reise zum Kilimandscharo, dem höchsten Bergmassiv Afrikas. Doch sind die schönsten Ziele nicht die, die man niemals erreicht? INGEBORG JAISER ist in Gedanken mitgereist.

Die Haut der Wörter

Roman | Thomas Stangl: Die Regeln des Tanzes Also gut, es geht nicht anders! Beginnen wir mit dem Zitat, dass fast alle Rezenten benutzt haben, weil es einfach genial ist: »Zwei bösartige Gnome wie aus einem schlechten Märchen haben mit einer Bande von Faschisten und Gaunern die Macht im Land übernommen«. Dieses Statement bezieht sich auf die politische Situation in Österreich im Februar des Jahres 2000 und ist die Ausgangslage von Thomas Stangls Roman Die Regeln des Tanzes. Rezensiert von WOLFGANG HAAN.

Der Stör hatte einen leichten Stich

Roman | Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan Das kann kein Zufall sein: Pünktlich zum75. Geburtstag des legendären Musikers erscheint Die Köchin von Bob Dylan. In Markus Berges‘ zweitem Roman – halb aus weiblicher, halb aus männlicher Sicht erzählt – erfährt man Erstaunliches über die skurrilen Macken Bobbys, über die lukullischen Köstlichkeiten der Krim und die wechselvolle Geschichte der Schwarzmeerdeutschen. Anton Tschechow kommt auch ins Spiel. Von INGEBORG JAISER

Der Tod zweier Brüder

Roman | Christoffer Carlsson: Wenn die Nacht endet

Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoffer Carlsson in seiner schwedischen Heimat Bestseller. Auch in Deutschland beginnt sich das langsam herumzusprechen. Mit Wenn die Nacht endet liegt auf Deutsch jetzt der siebente Roman des 1986 geborenen promovierten Kriminologen vor. Es ist der dritte, in dem der Halstader Ermittler Vidar Jörgensson eine Hauptrolle spielt, auch wenn er diesmal erst nach etwas mehr als 200 Seiten den Schauplatz betritt. Und wie seine beiden Vorgänger baut auch Wenn die Nacht endet vor allem auf die Beziehungen zwischen dem halben Dutzend junger Menschen, die im Mittelpunkt des Buches stehen, statt auf krachende Action. Von DIETMAR JACOBSEN

Aus der Bahn getragen

Roman | Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null

»Manche Menschen wirken auf den ersten Blick wie Verlorene. Als hätte ein Ereignis in ihrem Leben sie aus der Bahn getragen und als hätten sie trotz aller Bemühungen nicht wieder Fuß gefasst«, lautet der einleitende Satz im neuen Roman Die Erfindung der Null des Alfred-Döblin-Preisträgers Michael Wildenhain. Von PETER MOHR