Hella wird’s nicht

Roman | Ronja von Rönne: Ende in Sicht

Nach oft selbstverliebten Selbstdarstellungen zwischen Pose und Provokation wagt sich die Berliner Schriftstellerin und Journalistin Ronja von Rönne in ihrem zweiten Roman an ein eher ernstes Thema, auch wenn hinter der Tragik viel Komik aufblitzt. Denn angesichts all der Umwege und Hindernisse ist für die beiden lebensmüden Protagonistinnen lange noch kein Ende in Sicht. Von INGEBORG JAISER

Es wird wieder viel durch die Gegend gefahren in der neuen deutschen Literatur. Gerne generationenübergreifend mit einer exzentrisch-dementen Mutter oder einem allzu aufgeweckten Filius. Auch die Anti-Heldinnen aus Ronja von Rönnes neuem Roman wären nie aufeinandergestoßen (im wahrsten Wortsinn) ohne einen altersschwachen VW Passat und die A33 Richtung Süden, kurz vorm Bielefelder Kreuz. Verschwommen unterm fiesen Nieselregen. Trister, grauer, trostloser geht es kaum.

Toter Winkel

Den klapprigen, zugemüllten Passat lenkt eine fast Siebzigjährige mit schlecht korrigierter Sehschwäche und helllila Strähnchen, mal nach einem Siemens-Klapphandy aus den frühen Nullerjahren, mal nervös nach einer E-Zigarette wühlend. Hella Licht ist ihr (Künstler)Name. Trotz aufkommender Müdigkeit nimmt sie noch den schmalen Körper wahr, der hinter einer Wildbrücke auf den Asphalt knallt.

Das ist Juli, 15 Jahre alt, die ihren unglückseligen Suizidversuch überlebt, nur leicht verletzt, doch reichlich verstört. Geistesgegenwärtig fährt Hella auf den Standstreifen, wirft die Warnblinkanlange an und rettet den Teenager vor den vorüberdonnernden LKWs. Fortan setzen die beiden Frauen ihre Reise gemeinsam fort, durch das Schicksal ungewollt zusammengeschweißt, doch mit ähnlichem Ziel, wie sich bald herausstellen wird. Eine ziemlich verfahrene Situation.

Abfahrt ins Nirgendwo

Was das abgetakelte Ex-Schlagersternchen und die depressive Schülerin verbindet, ist ihre gemeinsame Todessehnsucht. Während Hella längst die sogenannten besten Zeiten hinter sich gelassen hat und nicht als abgehalfterter C-Promi bei Möbelhaus-Eröffnungsfeiern verheizt werden will, leidet die einsam bei einem überarbeiteten Vater aufwachsende Juli unter Panikschüben, zu der sich »Selbsthass, Verzweiflung, Machtlosigkeit« gesellen. Irgendwann bemüht sich das Mädchen nur noch, »so viel wie möglich vom Tag zu verschlafen, bis irgendwann Tag und Nacht kontrastlos ineinander übergingen«.

14Gelogen wird auf beiden Seiten. Während Juli vorgibt, sich wahlweise auf Klassenfahrt oder auf dem Weg zur Mutter in Süddeutschland zu befinden (um in Wirklichkeit ihrem Leben ein Ende zu setzen), hat sich Hella mit gefälschten Befunden einen Termin bei einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz erschwindelt. Doch bis dahin ist es noch weit. Es folgt ein schräges Roadmovie mit skurrilen Stopps in einem Senioren-Spaßbad, einem Pflegeheim mit »Deutschlands ältestem MTV-Zuschauer«, einem Feuerwehrfest in der fränkischen Provinz – mit einer Showeinlage, die zu den komischsten, aber auch traurigsten Szenen dieses Buches gehört. Zwischendrin wird es schon mal zäh. Denn Ronja von Rönnes Sprachwitz und Wortverliebtheiten zünden am ehesten in kurzen, knappen Formaten, in Blogbeiträgen und Tweets, verpuffen jedoch leicht bei einem Roman von 250 Seiten. Doch selbst wer zwischendurch als Leser mit Ermüdungserscheinungen zu kämpfen hat, mag angesichts eines versöhnlichen Endes mit wieder aufflackernder Nachsicht das Buch zuklappen.

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne

Ronja von Rönnes eigene Depression ist hinlänglich bekannt und publik gemacht worden. Lange galt die 1992 geborene Autorin und Journalistin als It-Girl der Popliteratur. Schrieb für Die Welt und die ZEIT – und wurde gerne missverstanden. Räkelte sich lasziv auf einem Video der österreichischen Band Wanda, (t)rotzte beim Klagenfurter Wettlesen ihren Text schnoddrig dahin, dank Bubikragen und Schmollmund mit dem Fräuleinwunder-Image kokettierend. Der Absturz war fast vorauszusehen.

»Das eklige an der Depression ist, wie wenig originell sie ist«, schreibt von Rönne in ihrem Blog Sudelheft. Prinzipiell ist davor zu warnen, die Krankheit romantisierend als Berufsqualifikation für schöpferisch Tätige zu sehen. Oder, wie es die Autorin in einem pointierten, publikumswirksam eine Woche vor dem Erscheinungstermin ihres Romans veröffentlichen Artikel auf ZEIT ONLINE übertitelt: »Weltschmerz ist noch keine Kunst«. Aber, alle Achtung! Es gehört eine Menge Disziplin dazu, »nicht wegen, sondern trotz dieser Scheißkrankheit«, über alle Zweifel und Schreibblockaden hinweg, der Depression einen Roman abzuringen. Auch wenn es vielleicht zwischendrin unmöglich schien, jemals zum Ende zu kommen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Ronja von Rönne: Ende in Sicht
München: dtv 2022
250 Seiten, 22 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Lauter kleine »Wutköpfe«

Nächster Artikel

Abenteuer auf dem Containerschiff

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Nur die Hand halten

Kurzprosa | Melitta Breznik: Mutter

»Als sie mir sagte, sie könne das Bett kaum mehr verlassen, machte ich mich ohne weiteres Zögern auf den Weg hierher«, heißt es in Melitta Brezniks schmalem Abschiedsbuch Mutter. Die Mutter hat die neunzig überschritten und ist unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Über die letzten sieben Lebenswochen, in denen sich Mutter und Tochter sehr nahe kamen, aber oft auch völlig fremd fühlten, berichtet die 59-jährige, in der Steiermark geborene und seit vielen Jahren in der Schweiz lebende Melitta Breznik. Von PETER MOHR

Kalt – sonst ohne Eigenschaften

Roman  | Robert Schindel: Der Kalte Robert Schindel legt seinen zweiten druckfrischen Roman Der Kalte vor: ein Monumentalwerk zur Zeitgeschichte Österreichs der Jahre 1985 bis 1989, Jahre der Aufarbeitung der Shoa, aber auch ein Roman, in dem sich Opfer und Täter aufs Neue begegnen. Schindel setzt hier fast 30 Jahre später ein neues Denkmal am und für Heldenplatz – findet HUBERT HOLZMANN.

An der französischen Atlantikküste

Porträt | Interview mit Jean-Philippe Blondel über seinen Roman ›Direkter Zugang zum Strand‹ Mit ›6 Uhr 41‹ gelang dem französischen Schriftsteller Jean-Philippe Blondel hierzulande ein Bestsellererfolg. Sein zweiter ins Deutsche übersetzte Roman ›Direkter Zugang zum Strand‹ ist wie ein Puzzle, das sich vor dem Hintergrund des Meers entfaltet. BETTINA GUTIÉRREZ hat ihn hierzu befragt.

Nicht lesen, sondern dechiffrieren

Roman | Reinhard Jirgl: Oben das Feuer, unten der Berg Reinhard Jirgl, Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2010 und damals wegen seines avantgardistischen Schreibgestus‘ gerühmt, hat einen gewaltigen Erzählbrocken vorgelegt. Ein Buch, das nicht gelesen, sondern dechiffriert werden muss. Oben das Feuer, unten der Berg – gelesen von PETER MOHR

Als die Clubs noch Disco hießen

Roman | Johann von Bülow: Roxy

»Muss man ein Leben lang der sein, als der man geboren wurde?« Oder kann man seine Herkunft, seine Wurzeln hinter sich lassen und einfach neu beginnen? Diese Fragen stellt Johann von Bülow in seinem Debütroman Roxy, einer detailverliebt und wortgewandt erzählten Coming-of-Age-Geschichte. Wer könnte eher eine Antwort darauf finden als ein Schauspieler, der es gewohnt ist, in fremde Rollen zu schlüpfen und ein anderes Leben nachzuempfinden? Von INGEBORG JAISER