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Idolatrie

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Idolatrie

Nichts, sagte Termoth, das nicht seine Grenze hätte. Die Anzahl an Bildern, sagte er, sei begrenzt, sagte er, sie sei endlich. Das sei, konzedierte er, schwer zu verstehen, er wisse das, dem Menschen erscheine zu Anfang alles endlos. Doch sobald jemand die Anzahl seiner Bilder aufgebraucht habe, werde es keine weiteren Bilder geben.

LaBelle zuckte zusammen.

Sanctus wurde bleich.

Crockeye faßte sich ans Ohr.

Was redete er – die Männer erschraken.

Sei das denn so unvorstellbar, fragte Termoth erstaunt. Jedes Bild sei eine oberflächliche, blasse Kopie von Wirklichkeit, und alles, wiederholte er, alles sei begrenzt, jedes Leben verfüge über eine begrenzte Anzahl an Atemzügen, versteht ihr, die Anzahl von Worten sei ihm vorgegeben, sagte er, die Welt kenne eine strikte Ordnung.

Der Anzahl meiner Herzschläge sei eine Grenze gesetzt, fragte Bildoon.

So wird es sein, armes Kind, spottete der Ausguck, du mußt haushalten mit deinem Herzen, und lächelte. Nichts, das nicht eine Grenze hätte, wiederholte er Termoths Prinzip, stand auf und nahm drei Schritt Anlauf für einen Salto.

Auch die Anzahl deiner Salti, rief ihm Bildoon zu, ist begrenzt, vergiß das nicht.

Der Ausguck lachte. Wichtig sei, den Salto auszukosten.

Die Fotografie sei eben erst erfunden, die Anzahl der Bilder werde sich exponentiell steigern, sagte Termoth, der Mensch werde Bildsequenzen produzieren, ein langer Weg stehe bevor, Filme, zahllose Filme, die sich von der Wirklichkeit nähren, versteht ihr, die Bilder und Filme fressen sie auf und lassen nichts übrig, sie darf abtreten.

Wie wir uns das vorstellen sollen, Termoth, fragte LaBelle.

Unsinn, sagte Crockeye.

Schräg, oder, sagte LaBelle.

Das passe hinten und vorne nicht, sagte der Rotschopf.

Die Dinge sind, wie sie sind, sagte Termoth, wie solle er sie erklären. Der Prozeß, der sich während des Konsums von Filmen abspiele, sei kompliziert. Ein Bild appelliere an den Betrachter, höchst aggressiv, versteht ihr, und kitzle seine Gefühle hervor, oder anders gesagt: Der Zuschauer entäußere sich seiner Gefühle, sie würden von den Bildern gierig aufgesogen, versteht ihr, er werde zum Opfer der Bildsequenzen.

Wie können wir das verstehen, Termoth, fragte nun sogar Pirelli, wir haben noch nie Filme gesehen, aber gut möglich sei, so verstehe ich dich, daß die Gefühle eines Zuschauers vereinnahmt und beherrscht werden.

Punktgenau, sagte Termoth und lachte. Der Zuschauer sei nicht länger bei sich, er erkenne sich nicht wieder, sei weder Herr seiner Gefühle noch seiner Seele, versteht ihr. Sein Körper verharre bewußtlos im Kinostuhl, seine Seele sei fortgerissen auf die Leinwand.

Die Männer schwiegen. Das schien ihnen starker Tobak in dieser weltfernen Lagune.

Er rede über die Zukunft, erklärte Termoth, dem Menschen stünden bewegte Zeiten bevor.

Mahorner lauschte auf das Flüstern des Ozeans.

Bildoon staunte über die Eleganz der Salti, und nun zeigte der Ausguck ihnen sogar einen Flickflack, woher hatte er das.

Eldin faßte nach der Schulter, die bei jeder Bewegung noch immer leicht schmerzte, eine Schulter ist eigenwillig und will geschont sein.

Thimbleman genoß die subtropischen Temperaturen, er liebte die sanfte Brise, die ihm wohltuend über die Haut strich.

So verhalte es sich mit der Wirklichkeit, sagte Termoth, sie werde uns entrissen.

Und der Mensch lasse das zu, fragte Crockeye entrüstet.

Termoth stockte. Und werde dabei selbst eine Hauptrolle spielen, sagte er, der Mensch sei Täter und Opfer in eins, er sehe mit an, wie ihm die Wirklichkeit verlorengehe unter der Flut ihrer Abbildungen, er werde übersättigt und lasse es geschehen.

Habe er nicht die Bilder selbst erfunden, stelle er sie nicht her, erinnerte Bildoon, sei er nicht stolz auf seine Filme.

Er schreibe Preise aus, sagte Pirelli.

Ob wir uns so die Zukunft vorstellen müssen, fragte Thimbleman.

In digitalisierten Formaten, sagte LaBelle.

Darauf könne er verzichten, rief der Rotschopf entsetzt, null, rief er, und die Männer nickten.

Wir unterliegen einem anhaltenden Prozeß technologischer Revolutionen, sagte Termoth, der uns suggeriere, er sei bruchlos fortzusetzen, zu steigern gar, hochleistungsfixiert, ein Fortschritt ohne Ende, er kolonisiere den Menschen, und der Mensch werde zurechtgestutzt, daß er sich nicht wiedererkenne.

Stromlinienförmig, ergänzte Crockeye.

Ob wir uns so die Zukunft vorstellen müssen, wiederholte Thimbleman.

Termoth lächelte. Noch sei es nicht so weit, sagte er, jedoch sei der Wandel von den anmutigen Windjammern zur Dampfschiffahrt ein erster Schritt.

Welcome to hell, höhnte der Rotschopf.

| WOLF SENFF

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