//

Mauern wachsen, Mauern fallen

Bühne | Ballett: Beethoven. Unerhört. Grenzenlos

Als ein Stück, »das ständig im Werden ist«, stellen es Dramaturgin Alexandra Karabelas, Guido Markowitz, Ballettdirektor am Theater Pforzheim, und Pastoralreferent Tobias Gfell der Katholischen Kirche Pforzheim beim »Theologischen Café« in der Auferstehungskirche dem Publikum vor. ›Beethoven. Unerhört. Grenzenlos‹ heißt das Tanzstück von Guido Markowitz und Damian Gmür, bei dem im wahrsten Sinne des Wortes Mauern eingerissen werden. Nicht nur das: Soundkompositionen und -scapes von Fabian Schulz und Travis Lake sowie bildlich ausgetragene Emotionen innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen machen das Ganze zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Von JENNIFER WARZECHA

Machten sich konstruktiv Gedanken über Gesellschaft, die Kraft der Liebe, christliche Werte und dem Wert der Freiheit (von links): Pastoralreferent Tobias Gfell der Katholischen Kirche Pforzheim; Dramaturgin Alexandra Karabelas und Guido Markowitz, Ballettdirektor am Theater Pforzheim in der Auferstehungskirche Pforzheim.
Treffend benennt es Guido Markowitz mit »Jeder Choreograph arbeitet anders. Beethoven selbst hätte sicherlich auch mit Elektronik gearbeitet.« Wie ist es um den Zustand der Gesellschaft und der Welt bestellt? Das fragt man sich angesichts der aktuellen Ereignisse und immer wieder dann, wenn man einen kritischen Blick auf die Ego-Gesellschaft, wie sie einst der Soziologe Ralf Dahrendorf definierte, wirft. Was macht Gesellschaft aus? Wie groß darf der Grad der Individualität sein, inklusive des Freiheitsdrangs des Einzelnen, ohne dass er dem anderen schadet?

Die Mauern im Stück symbolisieren die Unterschiede hinsichtlich Meinungen, Ansichten und Denkarten – wie sie gerade angesichts der Corona-Krise und des Ukraine-Kriegs offenbar wurden und immer wieder werden. Auch im Tanzstück reißen die Tanzenden die Mauern ein, weil sie die Kraft der Gemeinschaft stärkt. So sehen es die Gesprächsteilnehmenden. Aber ist es das wirklich? Am Ende ist es lediglich eine Tänzerin, die vor dem Orchester steht und sich als Einzelne behauptet. Währenddessen erklingt eine elektronische Stimme aus dem Off – ein Zeichen dessen, dass Proben und Vorarbeiten zum Stück coronakonform abgelaufen sind.

Mauern gibt es unterdessen immer mehr und auch mehr als wie wieder eingerissen werden, wie man durch das Begleit-Gespräch oder durch das Programmheft erfährt. 70 Mauern an der Zahl sind es aktuell. Wie Guido Markowitz sagt und wie auch an den teils wütenden und entrüsteten Gesichtern der Tanzenden oder anhand ihrer Schreie zu merken ist, ist die Mauer in den Köpfen teils dicker und unüberwindbarer als man denkt – gerade in Situationen, in denen man aufeinander zugehen und einander begegnen sollte.

»Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die des anderen beginnt« lautet ein kluger Spruch, den man sich aktuell in einer Gesellschaft und Politik, die sich immer mehr in die Rechte des anderen einmischt, ohne ihnen mehr Hilfestellung zu geben, damit umzugehen, wieder mehr zu Herzen nehmen sollte. Oder wie es Tobias Gfell ausdrückt: »Es handelt sich momentan um eine Gesellschaft, die unfähig ist, den anderen anzuerkennen und dementsprechend beziehungsunfähig ist.«

Auch bei den Tanzenden ist die Zerrissenheit zu spüren, nähern sie sich doch einmal einander an, dann wieder entfernen sie sich tanzend voneinander oder schreien sich an; die egoistische Liebe dominiert. Möglicherweise sind es auch die Mauern der Aufklärung und wissenschaftlichen Erkenntnisse, die uns zu sehr einengen und die gerade dann das Mitmenschliche und die Liebe füreinander und für die Menschen zerstören? Wären aber gerade die nicht sinnvoller als so manche Corona-Maßnahme oder Waffenlieferung an die Ukraine? Auch Beethoven selbst oder Friedrich Schiller, der die »Ode an die Freude« komponierte, übten Kritik an der Aufklärung und an gesellschaftlichen Verhältnissen wie die der Französischen Revolution.

Beethoven selbst hörte ganz zum Schluss seine Stücke gar nicht mehr bzw. kaum und ist doch bis heute ein Komponist von bedeutender Tragweite – dessen Leiden und Schaffen beweisen, dass man mit Gottes Hilfe vieles bewirken kann. Das Stück und dessen Choreographie sind beeindruckend, ausgefallen und regen zum Nachdenken an, was der nicht loslassenwollende Applaus des Publikums beweist.

| JENNIFER WARZECHA
| Foto: Andrea Aquino

Titelangaben
Beethoven. Unerhört. Grenzenlos

Badische Philharmonie Pforzheim
Musikalische Leitung – Robin Davis
Choreografie und Inszenierung – Guido Markowitz, Damian Gmür
Bühne – Philipp Contag-Lada
Kostüme – Erika Landertinger
Dramaturgie – Alexandra Karabelas

Besetzung
Tänzerinnen:Marta Allocco, Mei Chen, Fabienne Deesker, Elise de Heer, Stella Covi, Eunbin Kim, Mikaela Kos, Eleonora Pennacchini, Sara Scarella (a.G.)
Tänzer: Charles Antoni, Mirko Ingrao, Dominic McAinsh, Willer Gonçales Rocha, Emanuele Senese, Tse-Wei Wu
Urban Theater Pforzheim Lab 2: Philipp Raiss, Maren Wittig, Sergej Kalyukh, Donya Ahmadifar
Solistinnen und Solisten: Jina Choi, Stamatia Gerothanasi, Dirk Konnerth, Paul Jadach

Weitere Termine:
So. 15.05.2022, Beginn: 15 Uhr; Mi. 01.06.2022, Beginn: 20 Uhr; Mi. 15.06.2022, Beginn: 20 Uhr

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von dem Problem, nicht müde zu werden

Nächster Artikel

Ein singulärer Aufbruch in die Moderne

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Graf von Krolock bittet erneut zum Ball

Bühne | Musical: Tanz der Vampire ›Tanz der Vampire‹ ist seit vielen Jahren ein wahrer Dauerbrenner auf sämtlichen Bühnen Europas. Die schaurig-amüsante Geschichte von Michael Kunze verbindet den Reiz des Mystischen und Unerklärlichen mit einem Hauch (Homo-)Erotik. Und neuerdings überrascht es mit wahrhaft gruselig-schönen Tanz-Choreographien. ANNA NOAH ist fasziniert von der aktuellen Version.

Rocky aus der Röhre!

Theater | Richard O’Brien’s THE ROCKY HORROR SHOW – Deutsches Theater Göttingen Neben den ganzen erwartungsvollen und schon beim Ersten Klingeln vor Begeisterung zitternden Menschen in der Lobby, musste ich beinahe kühl oder reserviert wirken. Vielleicht lag es daran, dass ich zwar gerne ins Theater ging, aber noch nie The Rocky Horror Show gesehen hatte. Es war mein erstes Mal. So wie bei den meisten ersten Mals konnte man unmöglich wissen, was passieren würde. Und am Ende kam dann sowieso alles anders. Von SVEN GERNAND

Der perfekte Moment

Bühne | Konzert: Max Raabe Max Raabe, neulich erst zur »fahrradfreundlichsten Persönlichkeit 2019« gekürt, tourt derzeit unter dem Titel seines jüngsten Albums ›Der perfekte Moment … wird heut verpennt‹. Mit dabei seine Klassiker: ›Kein Schwein ruft mich an‹ oder ›Küssen kann man nicht alleine‹, natürlich im Stil der 1920er und 1930er Jahre. Diese Lieder brachten ihm internationalen Durchbruch. Auf der Bühne begeistert er mit Satire und Wortwitz, jedoch auch mit einzigartigem Raabe-Charme. ANNA NOAH staunt über eine vielseitige Darbietung.

Liebe, Verwicklungen und Umwege

Bühne | Smetanas ›Die verkaufte Braut‹ Die Protagonistin Marie ist hin und hergerissen in der Wahl ihres Liebsten zwischen dem, den sie liebt und den, den sie heiraten soll. Diverse Personen möchten sie noch dazu hingehend ihrer Liebesentscheidung beeinflussen. Es erklingt das Lied mit den Zeilen »Ob Du ›ja‹ oder ›nein‹ sagst, such‘ Dein Glück« im sehr gut besuchten Großen Haus des Stadttheaters Pforzheim. Alle Besucherinnen und Besucher im Saal verfolgen gespannt die Premiere ›Die verkaufte Braut‹, eine komische Oper von Bedřich Smetana (Uraufführung am 30. Mai 1866 in Prag sowie Erstaufführung der Rezitativfassung 1871 in St. Petersburg). Von JENNIFER

Wenn das Spiel des Lebens zum Lebensspiel wird

Bühne | Der Spieleabend

Theater zum Anfassen, nicht im wörtlichen, aber übergreifend sprichwörtlichen Sinne, das findet sich kurz zusammengefasst im Jakobus-Theater im zentral gelegenen Theaterhaus in der Karlsruher Innenstadt. Auf gleich drei Bühnen bietet sich dem Publikum ein breites und vielfältiges Programm. Im kleinsten Saal des Theaterhauses, gegenüber vom Sandkorn Theater gelegen, haben die Schauspielerinnen und Schauspieler Großes vor. Nicht nur das: Es kommt einfach authentisch und echt rüber. Von JENNIFER WARZECHA