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Der aufrechte Gang begann im Allgäu

Roman | Volker Klüpfel/Michael Kobr: Affenhitze

Wer hat den Paläontologen Professor Brunner getötet? Vor dieser Frage stehen Interims-Polizeipräsident Adalbert Ignatius Kluftinger und sein Team in ihrem zwölften Fall. Der sie dorthin führt, wo wissenschaftlich Sensationelles stattgefunden hat, nämlich die Entdeckung des ältesten Menschenaffen der Welt. Bescheiden hat ihn der Professor nach sich selbst benannt: Udo. Und damit nicht nur Teile der Fachwelt gegen sich aufgebracht. Aber überrollt man den ungeliebten Kollegen deshalb gleich mit einem Bagger? Kluftinger ermittelt, wie man das von ihm inzwischen gewohnt ist, auch in Affenhitze etwas chaotisch, aber letzten Endes mit scharfem Blick für das Wesentliche. Und auch an Nebenkriegsschauplätzen verwüstet er wieder einige. Von DIETMAR JACOBSEN

Eine paläontologische Grabungsstelle mit Menschenknochen, Spaten und Meterstock. Im Hintergrund liegt ein Nadelwald.Eigentlich ist es Udo Lindenberg, nach dem die Tübinger Paläontologin Madelaine Böhme ihren Sensationsfund in der Tongrube Hammerschmiede im Ostallgäuer Pforzen benannte. Denn genau am 70. Geburtstag des Rockers, dem 17. Mai 2016, soll der Professorin und ihrem wissenschaftlichen Team die Bedeutung der Knochenfunde bewusst geworden sein, die bei ihren Grabungsaktivitäten nach und nach zum Vorschein gekommen waren: »Udo« Danuvius guggenmosi ging lange vor seinen afrikanischen Verwandten, die diese Fähigkeit bisher für sich reklamierten, auf zwei Beinen. Sprich: Der Weg des Menschen durch die Geschichte begann im Ostallgäu.

Das muss den beiden überzeugten Allgäuern Volker Klüpfel und Michael Kobr mehr als nur gut gefallen haben. Und deshalb schicken sie ihren Kommissar und Interims- Polizeipräsidenten Adalbert Kluftinger zu Beginn seines zwölften Falles auch genau dorthin, an die Wiege der Menschheit nahe der Zweieinhalbtausend-Einwohner-Gemeinde Pforzen. Und kaum steht Kluftinger im aufgeweichten Lehm, da hat er auch schon wieder einen gewaltsam zu Tode Gekommenen am Hals.

Ermittlungen an der Wiege der Menschheit

Denn natürlich nimmt das Autorenduo Klüpfel/Kobr die ganze Aufregung um die – wissenschaftlich übrigens nicht unumstrittene – These, dass der Mensch seine Tour um die Welt von Mitteleuropa aus begann, zum Anlass, auf geschickte Art und Weise kriminalistische Fiktion in nachprüfbare Realität einfließen zu lassen und so genau jenen literarischen Sog zu erzeugen, für den die beiden inzwischen bekannt und geschätzt sind. Eine Leiche muss also her und wer eignete sich besser für diese Rolle als Udo. Der in Affenhitze allerdings weder Lindenberg – von dem ist überhaupt keine Rede – noch Guggenmosi heißt, sondern Brunner und als solcher verantwortlich zeichnet für den ganzen Hype um den »Affen« mit den X-Beinen.

Dass Professor Udo Brunner den 37 Knochen des Danuvius guggenmosi, wie das entdeckte Exemplar wissenschaftlich korrekt heißt, zusätzlich seinen eigenen Vornamen verpasst hat, könnte übrigens mit dazu beigetragen haben, dass der Mann nun selbst wie seine geliebten Knochen aus der Grube ausgegraben werden muss, erschlagen und mit einem Bagger untergepflügt. Die Konkurrenz schläft eben nicht. Aber auch bei anderen war der eitle Wissenschaftler nicht unbedingt beliebt. Da ist zum Beispiel ein pensionierter Lehrer und leidenschaftlicher Hobby-Paläontologe, der die Tübinger Wissenschaftler erst auf die Idee gebracht hat, hier zu graben, und anschließend von Brunner mit einem Betretungsverbot belegt wurde. Oder jener Unternehmer, der in der Grube Ton abbaut und perspektivisch aus dem Standort gerne ein für ihn äußerst lukratives Atommüll-Endlager machen würde. Ganz zu schweigen von der esoterische Seminare anbietenden und slawische Gottheiten verehrenden Sekte »Gemeinschaft der Söhne und Töchter unserer lieben Frau«, die sich in der Nähe des Grabungsorts niedergelassen hat und sowohl mit den Tübinger Wissenschaftlern als auch dem örtlichen Unternehmer Martin Swoboda über Kreuz liegt.

Auf Haupt-, Neben- und Schleichpfaden

Viel Arbeit also für Kluftinger und die Seinen. Doch wer die Krimireihe kennt, weiß dass der Kommissar neben seiner Mörderjagd stets auch noch von einer Reihe anderer Probleme umgetrieben wird. Das fängt bei der modernen Technik an und hört noch lange nicht bei Fragen der Kleinkinderziehung auf. Denn da ist auch noch ein Flohmarkt zugunsten der Flüchtlingshilfe, für die sich Kluftingers Frau Erika engagiert, zu managen, eine Pizzabestellung für die Familie per Telefon gerät zum veritablen Desaster und in Fragen der Männermode hat der Kommissar ja sowieso einen ganz eigenen Geschmack. Gerade aber dass der Mann vieles erst beim zweiten Mal versteht und das, was ihm auf Anhieb gar nicht in den eigensinnigen Kopf will, dennoch meistens mutig abnickt, macht ihn dem Leser so sympathisch. Und wenn er gegen Ende gar noch zum Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, kann Kluftinger einem in seiner Hilflosigkeit fast leid tun.

Vielleicht sind es diesmal bei rund 550 Seiten der Nebenschauplätze ein paar zu viel geworden, wird allzu oft vom Hauptpfad der Ermittlung abgewichen, um auch ja noch die leidigen Impfgegner, das Gendern, die sozialen Medien und den Run auf trendig-gesunde Kost im Roman unterzubringen. Aber wer will das einem Mann schon übelnehmen, der es bei aller Schusseligkeit und dem ausgeprägten Hang, kein Fettnäpfchen auszulassen, doch immer wieder fertigbringt, seine Fälle zu aller Zufriedenheit zu lösen. Und dessen Erfinder in ihrem zwölften Kluftinger-Buch auch noch Zeit für ein bisschen Selbstironie finden, wenn sie ihren Helden beim Stöbern in der öffentlichen Bibliothek etwa auf »die Allgäu-Krimis eines ortsansässigen Autorenduos, zu allem Überfluss auch noch signiert« stoßen lassen, was die Bibliothekarin zu dem Kommentar veranlasst: »Tatsächlich ein wenig überschätzt.«

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Volker Klüpfel/ Michael Kobr: Affenhitze
Kluftingers neuer Fall
Berlin: Ullstein Verlag 2022
554 Seiten. 24,99 Euro
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