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Perspektivenwechsel

Kinderbuch | Martin Baltscheit & Anne Becker: Selma tauscht Sachen – Opaleben

Die Alten sind stur und miesepetrig, die Jungen rücksichtlos und frech: Generationenübergreifende Begegnungen sind nicht immer einfach. Die Graphic Novel von Baltscheit & Becker verfolgt einen spannenden Ansatz, findet ANDREA WANNER.

Ein Großvater in bunter Kinderkleidung sitzt mit seiner Enkelin, die Rentnerkleidung und eine dicke Brille trägt, auf einer Bank. Der Großvater isst freudestrahlend ein Eis. Die Enkelin hält die Arme verschränkt und schaut grimmig.Die erste Begegnung zwischen Selma und Werner Messemer steht unter keinem guten Stern. Dabei ist nicht Selma die rücksichtlose Radfahrerin, sondern ihr Vater, der sie im Lastenfahrrad transportiert. Auf dem Fußweg. Die Straße findet er zu gefährlich. Der alte Mann explodiert förmlich vor Wut. Und das Wiedersehen vor dem Supermarkt kurz darauf geht genauso daneben. Selmas Vater ist auch nicht gerade hilfreich. Auf die Frage seiner Tochter, wahrum der alte Mann so böse gewesen sei, antwortet er nur: »Ach, der ist schon als blöder Hund geboren«, und tituliert ihn als Blödmann und alten Sack mit Meckeritis. Ob das nicht ein bisschen zu kurz greift?

Zum Glück verfügt Selma über eine ganz besondere Fähigkeit: sie kann Sachen tauschen. Das hat sie schon im ersten Band, als sie Hunde ganz schrecklich fand und Mama meinte, sie müsse sich nur in sie hineinversetzen. Und so tauscht Selma mit einem Pudel: in ›Hundeleben‹ wird sie der Hund und der Hund wird Selma. Und jetzt steht der Tausch mit dem Meckeropa an. Das geht ganz schnell und schmerzfrei. Schwupps – und Selma findet sich im alten Körper von Werner Messemer wieder und der steckt in dem von Selma.

Das führt zu jeder Menge Verwicklungen. Schon das aussteigen aus dem Lastenfahrrad wird für Werner alias Selma zur Herausforderung: »Das ist zu hoch! Und nicht barrierefrei. Und schlecht ist mir auch!«, mault er und der Vater hilft ihm respektive ihr aus dem Gefährt. Und da kommt es zum ersten Konflikt, als der Vater die unangenehme Begegnung seiner Frau aus seiner Sicht schildert: »Nix passiert, nur ein alter Sack mit Meckeritis.« Nun sitzt ausgerechnet der alte Sack mit am Tisch und protestiert aufs heftigste. Für die Eltern ist klar: »Sie spielt den Opa.«

Merkwürdig wird es allerdings, als ihnen ihre vermeintliche Tochter eine Schwarzwälderkirschtorte zaubert, das Gesellenstück von Werner Messemer. Und der entdeckt, wie toll es ist, einen jungen Körper zu haben und rutscht das Treppengeländer runter. In der Zwischenzeit hat sich Selma in der Wohnung des Alten vom ersten Schock erholt, sich ein in ihren Augen dringend nötiges Vollbad gegönnt und die Wohnung auf Vordermann gebracht. Und dann ruft sie als Werner dessen Tochter Marie an, zu der er so ewig keinen Kontakt hatte. Die ist ebenso irritiert wie besorgt und kann das, was ihr Vater ihr erzählt, nicht einordnen. Er habe seine Tabletten zu spät genommen und Herzklopfen bekommen. Sein Freund Paul habe ihn nach Hause gebracht, wo alles so schmutzig gewesen sei und er erst einmal aufgeräumt, die Blumen gegossen und sich dann frische Sachen angezogen habe, inklusive der Fliege, die er bei Maries Hochzeit getragen habe. Marie legt entnervt auf.

Nein, das ist noch nicht das Ende der genialen Graphic Novel von Baltscheit und Becker. Einfühlsam spüren sie in den Panels den Gefühlen ihrer beiden Figuren nach, zeigen sie geschockt, überrascht, wütend, ratlos – und zufrieden und glücklich. Ist es wirklich so, wenn man alt ist? Selma denkt sich ein paar Verbesserungen aus, muss aber auch feststellen, dass sich nicht alles ändern lässt. Wie meint Selmas Mutter zu Werner, als sie noch denkt, dass sie mit ihrer Tochter spricht: »Ja, es ist immer hilfreich, sich in andere hineinzuversetzen.«

Nach einem Hund und einem Senioren darf man gespannt sein, mit wem Selma beim nächsten Mal tauscht und sich darauf freuen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Martin Baltscheit & Anne Becker: Selma tauscht Sachen – Opaleben
Hamburg: Kibitz Verlag 2022
88 Seiten, 15 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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