Nachwehen einer modernen Hexenjagd

Roman | Ian Rankin: Ein Versprechen aus dunkler Zeit

Das Verhältnis von John Rebus zu seiner Tochter Samantha war schon immer etwas kompliziert. Deren Lebensgefährten Keith Grant kennt er kaum. Und doch macht er sich sofort auf ins nordschottische Küstenstädtchen Naver, in dessen Nähe sich die beiden mit ihrer kleinen Tochter Carrie niedergelassen haben. Denn Keith ist verschwunden und Rebus schwant nichts Gutes, falls der Mann nicht wieder auftauchen sollte. Allein die Dinge entwickeln sich nach seiner Ankunft vor Ort für den Detective Inspector im Ruhestand alles andere als einfach. Und zuhause in Edinburgh arbeitet sein Ex-Team um Siobhan Clarke und den zur Hilfe von der übergeordneten Polizeibehörde in Gartcosh abkommandierten Malcolm Fox am Fall eines ermordeten saudischen Studenten, der immer mehr mit jenen Rätseln  zusammenzuhängen scheint, die John Rebus 260 Automeilen weiter nördlich den Schlaf rauben. Von DIETMAR JACOBSEN

John Rebus kommt zu spät, als er sich auf Bitten seiner Tochter Samantha von Edinburgh ins nördliche Schottland begibt, um die junge Frau bei der Suche nach ihrem Lebensgefährten zu unterstützen. Zwar findet er Keith Grant, der seit zwei Tagen vermisst wird, aber der Hobby-Historiker, der ein in der Nähe seines Wohnsitzes befindliches ehemaliges Gefangenencamp zusammen mit Freunden zu einem Dokumentationszentrum für Besucher ausbauen wollte, ist bereits tot. Rebus bleibt deshalb nichts weiter übrig, als die örtliche Polizeimaschinerie in Gang zu setzen, denn ganz offensichtlich hat man es hier mit einem Mord zu tun.

Dass sich der nach seinem Karriere-Ende als polizeilicher Berater tätige Mann immer wieder in die Ermittlungen des Teams vor Ort einmischt, kommt bei dessen Mitgliedern allerdings gar nicht gut an. Und auch Samantha freut sich zunächst wenig über den familiären Beistand, nachdem sie feststellt, dass selbst ihr Vater nicht sofort bereit ist, sie von der Liste der Verdächtigen zu streichen.

Eine Tochter in Not

Ein Versprechen aus dunkler Zeit ist der 23. Roman des 1960 geborenen Ian Rankin um eine Figur, die seit ihrem ersten Auftauchen 1987 inzwischen Kult-Status erreicht und ihren Erfinder zu einem der bekanntesten Autoren von Kriminalromanen weltweit gemacht hat. John Rebus ist ein Workaholic, dessen Besessenheit, beschäftigt er sich mit einem Fall, ihn für nichts anderes mehr Zeit finden lässt. Das hat den Stones-Fan und Single-Malt-Trinker seine Ehe gekostet und bringt ihn mit schöner Regelmäßigkeit auch in Konflikte mit Vorgesetzten und Untergebenen.

Allein sein unkonventionelles Vorgehen, das nicht nur einmal interne Ermittlungen gegen ihn zur Folge hatte, führt ihn auch immer wieder näher an die Lösung seiner Fälle heran. Seit ein paar Jahren im Ruhestand, hat er, den inzwischen gesundheitliche Probleme zum Kürzertreten zwingen, sich verstärkt mit sogenannten »Cold Cases« beschäftigt.

Ein siebzig Jahre zurückliegender Mordfall, für den damals ein Unschuldiger vor ein Erschießungskommando treten musste, spielt auch jetzt wieder eine Rolle, wenn Rebus sich in seinem alten Saab 900 an die schottische Nordküste begibt, um seiner Tochter zu helfen. Denn offensichtlich ist Keith Grant, dessen Verbissenheit, einer England nicht immer zu Ruhm gereichenden Vergangenheit ein Mahnmal zu setzen, nicht weit weg ist von Rebus‘ eigenem kriminalistischen Furor, bei seiner Erforschung der Vorgänge im Internierungslager 1033 auf Dinge gestoßen, über die die letzten noch lebenden Zeugen jener Tage immer noch lieber schweigen.

Camp 1033

Dass der gewaltsame Tod seines Schwiegersohns in spé mit einem Mord in einem jener Lager, in die während des Zweiten Weltkriegs Tausende von Ausländern gebracht wurden, die man im Verdacht hatte, mit dem Feind zu kooperieren, in Zusammenhang steht, erweist sich allerdings als These, die Rankins Held lange Zeit allein vertritt. Für die aus dem nordschottischen Inverness hinzugezogenen Kriminalbeamten um den hartnäckig seine eigenen Spuren verfolgenden Inspector Robin Creasey bietet sich nämlich eine einfachere Lösung an.

Er vermutet den Grund für das Verbrechen in familiären Konflikten des Opfers. Die scheint es tatsächlich gegeben zu haben, denn Samantha unterhielt ein Verhältnis mit dem Anführer einer esoterischen Sekte, die sich in der Nähe des Lagergeländes niedergelassen hatte. Viel Arbeit also für Rebus, der nicht so schnell daran denkt, sich von den örtlichen Beamten den Schneid abkaufen zu lassen, und dessen Ermittlungen immer wichtiger werden für das in Edinburgh an einem ganz anderen Fall arbeitende Team um seine Ex-Kollegen Siobhan Clarke und Malcolm Fox.

Ian Rankin hat auch in den dreiundzwanzigsten Fall für seinen pensionierten Edinburgher Detective Inspector wieder viel hineingepackt. Einen Helden, der in eine Parterrewohnung umziehen muss, weil ihm das Treppensteigen hinauf in sein geliebtes altes Domizil mit den Jahren immer schwerer fällt. Vater-Tochter-Konflikte, die Rebus auszuhalten hat, um wenigstens gelegentlich noch seine Enkelin sehen zu können. Den Umgang der Briten mit den dunklen Seiten ihrer jüngeren Geschichte, zu denen jene Internierungslager gehörten, in denen auch viele Unschuldige saßen. Den »Scheißbrexit«, wie es an einer Stelle mehr als deutlich heißt, und dessen Auswirkungen auf im Lande lebende ausländische Studenten und Arbeiter.

Das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart und den Umgang der Politik mit europäischen Entwicklungen, die auf der Insel die Gemüter beunruhigen. Dass der Autor das alles ohne größere Probleme unter einen erzählerischen Hut bekommt, darf sicher meisterhaft genannt werden. Und weil es offensichtlich Malcolm Fox ist, der das merkwürdige Verhältnis zwischen Edinburghs Gangsterboss Big Ger Cafferty und Rebus nun fortzusetzen beginnt, sorgt mit für die nötige Vorfreude auf Band 24 der Reihe. Auch wenn es danach aussieht, dass der finale Abschied von John Rebus mit dem vorliegenden Roman wieder ein Stück näher gerückt ist.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Ian Rankin: Ein Versprechen aus dunkler Zeit
Aus dem Englischen von Conny Lösch
München: Wilhelm Goldmann Verlag 2022
510 Seiten. 22 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Ian Rankin in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein anderer Blick in die Märchenwelt

Nächster Artikel

Auf der Suche nach…

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Bisse sind Küsse

Roman | Simone Lappert: Wurfschatten Der jungen Schweizer Autorin Simone Lappert ist eine besondere Lovestory gelungen. In ihrem Debütroman ›Wurfschatten‹ erzählt sie uns von der Ambivalenz von Liebe und Tod auf eine sehr erfrischend doppelsinnige, stellenweise sogar humoreske Art. Von HUBERT HOLZMANN

Das Grauen lauert im Alltäglichen

Roman | Heinz Strunk: Der gelbe Elefant

Wenige Schriftsteller vermögen den absurden täglichen Wahnsinn so gnadenlos abzubilden wie Heinz Strunk. Seine Geschichten – wie die im aktuellen Prosaband Der gelbe Elefant versammelten – bewegen sich jenseits aller Political Correctness und gern auch mal unterhalb der Gürtellinie. Nicht umsonst wurde Heinz Strunk einst von der Zeitschrift Visions zum »David Lynch des Humors« gekrönt. Von INGEBORG JAISER

Klavier spielen auf dem Cello

Roman | Natascha Wodin: Nastjas Tränen

»Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern.« So beschreibt die inzwischen 76-jährige Schriftstellerin Natascha Wodin die Protagonistin ihres neuen Romans Nastjas Tränen. Wodin, deren literarisches Werk durchgehend einen autobiografischen Background hat, war vor vier Jahren für ihren Roman Sie kam aus Mariupol mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Darin hatte sich die Schriftstellerin, die als Tochter russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter 1945 in einem Lager in Franken geboren wurde, in leisen Tönen dem Leben ihrer Mutter angenähert. Von PETER MOHR

Eisen weint nicht

Roman | Fernando Aramburu: Langsame Jahre Viele Schriftstellerbiografien könnten auch als reizvoller Romanstoff taugen. So auch die des wichtigsten zeitgenössischen baskischen Schriftstellers Fernando Aramburu, der seit 35 Jahren in Hannover lebt, aber literarisch immer wieder zu seinen Wurzeln ins Baskenland zurück kehrt. Fernando Aramburus Langsame Jahre gelesen von PETER MOHR

Aggression nach außen

Roman | Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia

»Liebster, ich bin mir sicher, dass ich wieder wahnsinnig werde, ich kann nicht länger dagegen ankämpfen«, lässt Michael Kumpfmüller in seinem neuen Roman seine Hauptfigur, die weltbekannte Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941) klagen. Der 58-jährige Erfolgsautor Kumpfmüller, der erst im Alter von fast vierzig Jahren mit seinem von der FAZ damals vorab gedruckten Romanerstling Hampels Fluchten debütiert und zuletzt mit Nachfolgewerken wie Die Erziehung des Mannes (2016) und Tage mit Ora (2018) respektable Erfolge gefeiert hatte, widmet sich künstlerisch nun zum zweiten Mal einer Lichtgestalt der Weltliteratur. Vor neun Jahren ließ er uns in Die Heimlichkeit des Lebens an seiner Annäherung an Franz Kafka teilhaben. Von PETER MOHR