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Licht, Lektüre und Latrinen

Kulturbuch | Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern

Irene Vallejos beeindruckendes Mammutwerk ›Papyrus‹ ist eine leidenschaftliche Hommage an die Welt der Bücher – und an die Menschen, deren Wirken untrennbar mit ihnen verbunden ist: Autoren, Dichter und Kopisten, Buchhändler und Bibliothekare, Philosophen und Wissenschaftler, Kaiser und Feldherren – und nicht zuletzt Leser. Eine spannende Kulturgeschichte über das Schreiben, Lesen und Bewahren in vergangenen Epochen. Von INGEBORG JAISER

Das Bild zeigt eine gezeichnete PapyruspflanzeDer Echte Papyrus wächst an den Ufern des Nils, wobei seine Halme eine Höhe von bis zu sechs Metern und den Durchmesser eines menschlichen Armes erreichen können. Als im dritten Jahrtausend vor Christus die Ägypter entdecken, dass sich die Stängel seines Marks – übereinandergelegt und gepresst – als Beschreibmaterial eignen, kommt dies einer revolutionären Erfindung gleich. Löst doch über Jahrhunderte hinweg die flexible Papyrusrolle die bislang starren Trägermaterialien wie Stein, Ton oder Holz ab. Dem Land am Nil verschafft es zudem eine wichtige Monopolstellung: »Außerhalb Ägyptens war die Pflanze überaus selten, und so wurde sie zu einem strategischen Gut, vergleichbar dem Tantal in unseren Smartphones.«

Bücherräuber und Bibliothekare

Mit diesen Ausführungen hätte Irene Vallejos ›Papyrus‹ beginnen können. Doch die 1979 in Saragossa geborene Autorin ist eine talentierte Geschichtenerzählerin, gebildet, belesen, mit überbordender Fantasie und Vorstellungskraft. So verwandelt sie ihr grandioses Sachbuch über die Erfindung des Buches in der Antike bis zu seinen Auswirkungen in die Gegenwart (mit dem poetischen Originaltitel ›El infinito en un junco‹) zu einer farbenprächtigen Abenteuerreise. Und lässt in einem filmreifen Prolog wild entschlossene Reiter durch die Straßen Griechenlands galoppieren, auf der Suche nach einem kostbaren (Beute-)Gut: Bücher. Für die sagenumwobene erste Universalbibliothek der Welt in Alexandria, mit einem geschätzten Bestand von über 400.000 Schriftrollen.

Zusammen mit dem benachbarten Museion kann man sich das Areal wie den antiken Vorläufer eines Forschungsinstituts vorstellen, in dem der Bibliotheksleiter zudem noch die Sprösslinge des Königs unterrichtet. Eine immense Demonstration von Macht und Wissen. Was an Büchern auf den Märkten nicht legal gekauft werden konnte, wurde konfisziert oder geliehen und kopiert (doch zuweilen nie zurückgegeben).

Wo der Litterator lehrt

Irene Vallejos Streifzug durch die frühe Buchkultur führt durch das antike Griechenland und das Römische Reich, mit vielen lebendigen, fast romanhaften Passagen. So wird der Leser staunender Zeuge weitreichender Entwicklungen: das erste Alphabet, das erste Buch, das erste Wort der abendländischen Literatur, der erste Bibliothekar, der erste Buchhändler, der erste Lektor.

Vieles liest sich wie eine schillernde Erzählung von Jorge Luis Borges, der seinen phantastischen Bibliotheken vor allem Grundlegendes andichtete: »Licht, Lektüre und Latrinen«. So wandern wir als Leser durch Zeit und Raum, träumen uns in den Alltag eines Papyrusschneiders, an den Hof Kleopatras, in die Gedankenwelt Sokrates.

Die pure Überdosis an geballten Informationen bricht die Altphilologin Vallejo durch gekonnte Links in die Gegenwart auf ein konsumierbares Maß herunter. Vergleicht die Sammlungsräume der Großen Bibliothek in Alexandria mit den unterirdischen Magazinen der Oxforder Universitätsbibliothek, die individuelle Signatur eines Buches mit der URL einer Internetressource, die korrigierenden Kopisten des Altertums mit den Editoren von heutigen Werkausgaben, die Nähe des Lehrers in der Antike (im Lateinischen »litterator«) zu unserem Verständnis von Literatur. Zahlreiche Parallelen und Verweise entführen in Kunst, Kino und Alltagsleben, wie wir es heute kennen – detailverliebt, anekdotenreich und lebensprall.

Manche Entdeckungen überraschen, wie die Rolle der zahlreichen kreativen Frauen im literarischen Kosmos der Antike (sozusagen Sapphos Schwestern im Geiste). Andere Erkenntnisse wirken offensichtlich, wenn doch ungleich schmerzlicher: Was nicht beständig kopiert oder in das nächsthöhere Medium konvertiert wurde, wird wohl für immer verloren sein. So wie die einstigen Papyrusrollen der Feuchtigkeit und der Gefräßigkeit von Insekten zum Opfer fielen, so wird heutzutage wohl keiner mehr seine Dateien auf einer 3,5-Zoll-Diskette lesen können.

Opulentes Mammutwerk

Die Lektüre des üppigen 750-Seiten-Werks erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Zeit, sehr viel Zeit sogar. Darüber können auch Dünndruckpapier, ein überraschend handliches Format, sowie das einladende, geschmack- und kunstvoll gestaltete Cover mit einem stilisierten Papyrushalm nicht hinwegtäuschen. Kaum vorstellbar, welch immense Rechercheleistung hinter diesem Opus Magnum liegen muss. Allein die 80 Seiten an Quellenverzeichnissen und Bibliographien lassen die jahrelangen Mühen und den Aufwand erahnen, den die studierte Altphilologin und Bibliomanin Irene Vallejo auf sich genommen hat – neben ihren wöchentlichen Kolumnen für ›Heraldo de Aragón‹ und ›El País Semanal‹.

In Spanien hat sich die Originalausgabe von ›Papyrus‹ längst zum Megaseller entwickelt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mit welch sprühender Leidenschaft Irene Vallejo als Botschafterin für das Medium Buch wirbt und auftritt, davon kann sich ihre wachsende deutsche Fan-Gemeinde bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überzeugen. Zusammen mit Antonio Muñoz Molina wird Irene Vallejo am 18. Oktober die Festrede zur offiziellen Eröffnung halten.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Irene Vallejo: Papyrus
Die Geschichte der Welt in Büchern
Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby
Zürich: Diogenes, 2022
745 Seiten, 28 Euro
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