Der gute Cop sucht nach dem guten Killer

Roman | Scott Thornley: Der gute Killer

Detective Superintendent Iain MacNeice bekommt es in Der gute Killer – dem zweiten ins Deutsche übersetzten Roman des kanadischen Autors Scott Thornley – mit einem Psychopathen zu tun, der seine Opfer nach dem Vorbild bekannter Gemälde arrangiert. Opfer, mit denen niemand Mitleid hat, weil sich der Täter offenbar Zeitgenossen für seine blutigen Arrangements aussucht, die ihm aufgrund ihres sich gegenüber anderen in der Öffentlichkeit äußernden unsympathischen Charakters aufgefallen sind. Als MacNeice endlich hinter das Geheimnis der verwirrenden Tatorte gekommen ist, beginnt der Mörder ein Spiel mit ihm und seinem Team, in dem er hofft, immer das kleine Stück voraus zu sein, welches ihm seiner letzten tödlichen Choreographie näher bringt. Das könnte fast gelingen, denn der Polizist hat sich zur gleichen Zeit noch um den Fall eines ermordeten Kollegen zu kümmern. Und auch der war alles andere als ein Gutmensch. Von DIETMAR JACOBSEN

Iain MacNeice ist das Mastermind der Mordkommission von Dundurn am Ontario-See. Der Mann ist Witwer, Grappa-Trinker und ein bisschen merkwürdig. Denn er berät sich nicht nur ständig mit seiner seit zehn Jahren toten Frau, sondern weiß auch Vögel nicht nur zu unterscheiden, sondern auch zu verstehen. Als Ermittler ist er jedenfalls so unersetz- wie unangreifbar und im Kriminalistendoppel mit seiner jüngeren, iranischstämmigen Kollegin Fiza Aziz noch einmal ein bisschen besser. Bei den Fällen, die er mit seinem kleinen Team zu lösen hat, muss er das aber auch sein.

Von Daumier bis Michelangelo

Der Serienmörder, den es diesmal so schnell wie möglich zu stoppen gilt, hat ein Faible für Kunstwerke. Von Daumier bis Michelangelo, vom Spanier Goya bis zum Engländer Walter Sickert lässt er sich beim Arrangieren seiner Leichen inspirieren. Und – Merkwürdigkeit Nummer 2 – er bringt nur Menschen um, die es in seinen Augen nicht verdient haben weiterzuleben. Also tatsächlich ein »guter Killer«, der die Welt von Egoisten, Emporkömmlingen und Misanthropen befreit – Kollateralschäden leider nicht ausgeschlossen?

Auf jeden Fall scheint ihm das Spiel, das er mit MacNeice und den Seinen spielt, von Mal zu Mal besser zu gefallen. Und sollte es ihm gelingen, die Fotografien von seinen Tatorten tatsächlich einer von zwei Frauen geführten Pariser Galerie für eine spektakuläre Ausstellung anzubieten, hofft er, nicht nur in die Kriminal-, sondern auch in die Kunstgeschichte einzugehen.

Wer seinen Gegnern freilich zu viel von sich preisgibt, macht sich auch angreifbar. Und so kommt das Team um MacNeice dem Gesuchten Schritt für Schritt näher. Allerdings scheint der das in seinem teuflischen Plan durchaus einkalkuliert zu haben. Denn er hat sich auf einen Showdown vorbereitet, der sich ins Gedächtnis der Menschen einbrennen soll. Dass Thornleys Held den äußerst bleihaltigen Schluss der Geschichte überhaupt noch erlebt, hat er zum Teil seinem kleinen Team, aus dem die Halbiranerin Fiza Aziz wieder besonders heraussticht, vor allem aber einer gehörigen Portion Glück zu verdanken. Denn parallel zu der Jagd auf den seine PTBS aus dem Iran-Krieg blutig auslebenden Ex-Militär – »niemand, zumindest in Militärkreisen, hatte ihnen beigebracht, wie sie überleben konnten, wenn sie es schafften heimzukommen« – muss er sich noch mit den explosiven Folgen des Seitensprungs eines ehemaligen Kollegen auseinandersetzen.

Ein Seitensprung und dessen fatale Folgen

Scott Thornleys vierter MacNeice-Roman – in deutscher Übersetzung greifbar sind bisher die Bände 2 und 4 der Reihe – ist nicht immer schlüssig. Ob es die Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung des Täters sind – von der kleinen Einheit, der der Mann in Afghanistan angehörte, haben nur zwei das Land am Hindukusch lebend wieder verlassen – oder tatsächlich künstlerische Ambitionen als Mordauslöser dienen – man weiß es am Ende nicht so genau.

Und auch der Handlungsstrang um einen ermordeten Polizisten mit fragwürdigem Charakter wird, je weiter der Autor an diesem für den Kommissar und sein Umfeld hochgefährlichem Nebenkriegsschauplatz bastelt, eher zur Belastung für einen Roman, dem dieses Jonglieren mit unterschiedlichen Stoffen am Ende nicht wirklich bekommt, auch wenn er mit durchaus interessanten Figuren aufwartet.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Scott Thornley: Der gute Killer
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Berlin: Suhrkamp Verlag 2022
400 Seiten. 16,95 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Scott Thornley in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Vom Klimawandel, Großeltern, Monstern und Mädchenrechten

Nächster Artikel

Wahre Freundschaft

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Große Erwartungen

Jugendbuch | Antonia Michaelis: Nashville oder das Wolfsspiel Eine neue Stadt erobern, den nächsten Schritt in einem spannenden Studienfach zu machen, Menschen kennenlernen und die Liebe, vielleicht sogar die große, kann es für junge Menschen mit achtzehn, neunzehn Jahren etwas Aufregenderes geben? Mit großen Erwartungen marschieren sie in das Leben. Aber der Weg ist voller Stolpersteine und Fallen und sie zeigen sich früher, als man es gedacht hat. Antonia Michaelis schickt in Nashville oder das Wolfspiel ihre junge Heldin auf einen Weg, der mehr Schrecken birgt, als diese je erwartet hätte. Von MAGALI HEISSLER

Junger Mann ohne Eigenschaften

Roman | Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd Spätpubertierende Studenten, unerfüllte Liebe und ein antriebsloses Hippopotamus vermengt der österreichische Autor Arno Geiger zu einem trägen Sommerroman. Gelangweilt kämpft sich INGEBORG JAISER durch ein fahles Selbstporträt mit Flusspferd.

»Ecce homo« oder Endstation Lamento

Roman | Michel Houellebecq: Serotonin Bestimmten Autoren und ihrem Werk wurden immer wieder seherische Qualitäten zugesprochen, seien es Philosophen, die den Fortschritt in der Geschichte der Menschheit beschreiben, oder Poeten, die das Endzeitgrauen von drohenden Kriegen prophezeien. Michel Houellebecq hat in dieser Hinsicht mit seinen Romanen Plattform (2001), in dem er einen islamistischen Anschlag auf einen fernöstlichen Urlaubsort beschreibt, und mit Unterwerfung (2015) zwei Volltreffer erzielen können. Ihn deswegen gleich zum Wiedergänger von Nostradamus küren zu wollen, würde jedoch zu kurz greifen. In seinem neuesten Roman Serotonin, in dem der Franzose in gewohnter Weise dystopisch auf seine Umwelt herabschaut, dichtet

Saharagelber Mantel in der Sommerhitze

Roman | Johanna Sebauer: Popóm

Philosophische Versuchsanordnung, trügerisches Vexierbild oder gar eine literarische Zeitreise? Johanna Sebauers zweiter Roman Popóm stellt existentielle Lebensfragen vor dem Hintergrund moderner Identitätskrisen – mit sehr viel doppelbödigem Witz. Von INGEBORG JAISER

Der aufrechte Gang begann im Allgäu

Roman | Volker Klüpfel/Michael Kobr: Affenhitze

Wer hat den Paläontologen Professor Brunner getötet? Vor dieser Frage stehen Interims-Polizeipräsident Adalbert Ignatius Kluftinger und sein Team in ihrem zwölften Fall. Der sie dorthin führt, wo wissenschaftlich Sensationelles stattgefunden hat, nämlich die Entdeckung des ältesten Menschenaffen der Welt. Bescheiden hat ihn der Professor nach sich selbst benannt: Udo. Und damit nicht nur Teile der Fachwelt gegen sich aufgebracht. Aber überrollt man den ungeliebten Kollegen deshalb gleich mit einem Bagger? Kluftinger ermittelt, wie man das von ihm inzwischen gewohnt ist, auch in Affenhitze etwas chaotisch, aber letzten Endes mit scharfem Blick für das Wesentliche. Und auch an Nebenkriegsschauplätzen verwüstet er wieder einige. Von DIETMAR JACOBSEN