//

Introiten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Introiten

Wurde Zeit, sagten sie eilig, wurde höchste Zeit, und ließen dennoch keine Freude erkennen, ich hätte von ihnen durchaus ein Danke erwartet, nicht wahr, ich kann euch jederzeit wieder entfernen, mahnte Farb, so lästig wie ihr euch aufführt, euer unablässiges Geschwätz ist nicht lange zu ertragen, und rufe Heimito von Doderers Roman No. 7 in Erinnerung, in dem er Fini und Feverl, die ihm den letzten Nerv raubten, ich erwähnte es anderenorts, kurzerhand expedierte, es geht, also bitte.

Die Ojo de Liebre, so hörte ich die Introiten vielstimmig reden, sagte Farb, erstens, sei kein beziehungsweise ein bedingt geeigneter Schauplatz, weshalb, fragten sie, sie liege weitab jeglicher Zivilisation, die Sonora sei als Wüste kartiert, wie solle man da einen Konflikt inszenieren, der die Gemüter bewege, unmöglich, das auftretende Personal sei heutzutage eigenwillig, sie könnten das gut nachempfinden, und sträube sich dagegen, derart entlegene Orte überhaupt aufzusuchen.

Die aufgeklärte Moderne, versicherten sie, gestatte dem Menschen ein selbstbestimmtes Leben, und das, behaupteten sie forsch und ungeachtet aller bedrückenden Realität, sei gut so, ein gecastetes Personal ziehe vor, sich besser nicht in trostloser Einöde aufzuhalten, es hänge mit Herzblut an den Metropolen und ihrem stimulierenden Niveau.

Schön und gut, lenkten die Introiten ein, sie könnten Kompromisse eingehen, man komme einander entgegen, und es sei letztlich denkbar, wenngleich mühsam, den Beginn einer Erzählung in diese Lagune zu verlegen, schließlich benötige jede Erzählung einen Beginn, das sei unstrittig, in die Ojo de Liebre, wohlgemerkt den Beginn, und dann werde wie von selbst alles gut, denn jeder Anfang führe unweigerlich in den Bereich des Daseins, den Bereich des Geschaffenen und ziehe eine Linie der Ereignisse in die gestaltete Welt.

Jede Erzählung folge zweifellos einer linearen Ordnung, sie sei ein getreues Abbild des Lebens, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, denn auch das Leben verlaufe linear, was reden sie für einen Unsinn, wie überhaupt jegliches Geschehen linear verlaufe, und selbstverständlich habe das Leben einen Anfang, jedes Leben habe einen Anfang und beschreibe dann, wer wisse das nicht, eine Fieberkurve, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, die ihre Klimax im vierten oder fünften Jahrzehnt erreiche.

Anschließend stürze die Linie mehr oder weniger steil ab, dem Ende entgegen, und jeweils in der Ausgestaltung, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, erweise sich das Geschick des Erzählers, das klassische Drama verlaufe quasi identisch, es kenne die Katastrophe, mit der sich die Spannung löse, im Grunde, hörte ich sie weiterreden, würden die Abläufe des Lebens erzählerisch abgebildet, denn das Leben selbst, sobald ihm die Kraft schwinde, flache nach seinem Höhepunkt ab und strebe seinem unstrittigen Ende entgegen, und vor diesem Hintergrund sei kompromißlos abzulehnen, daß man jemandem wie Termoth über Gebühr Platz einräume, der sich als Erzähler in den Spelunken der Barbary Row ein nicht unerhebliches Ansehen verschafft habe, nein, ich muß gestehen, daß ich die Introiten nie verstanden habe, ich lasse sie generös zu Worte kommen, sagte Farb, doch wovon reden sie, sie sind lästig, nicht wahr, sie sind unleidlich, schwer zu ertragen.

Man dürfe aber, sie griffen den Faden wieder auf, nicht zulassen, daß wirre Erzählkonzepte unter den Leuten Verbreitung fänden, der Anfang einer Erzählung sei unverzichtbar und müsse in einem, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, fein balancierten Spannungsbogen behutsam dem Ende zugeführt werden, doch dieser Navajo aus den Spelunken, fahre er nicht sogar auf Scammons Schiffen, ignoriere die Regeln.

Ob ich ihn kenne, fragten sie, ich sei ihm, antwortete ich, nie begegnet.

Er male Bilder, Bilder in den Sand mit kleinen Steinen, ob ich davon wisse, mit trockenem Gestrüpp lege er Formen, das sei ihnen fremd, die wenige Tage Bestand hätten und vom Wind wieder verweht würden, als hätte es sie nie gegeben, weshalb male er sie dann, und den Episoden, die er erzähle, fehle jeglicher Höhepunkt, und nein, auch spannend seien sie nicht. Alles sei gegenwärtig, jederzeit, behaupte jener Termoth, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, und es existiere, wie könne er!, weder ein Anfang noch ein Ende.

Ähnliches hätten sie nie zuvor vernommen, das sei ein grundlegend fehlerhaftes Konzept, umstürzlerisch gar, denn wie könne jemand abstreiten, daß es Anfang wie Ende gebe, nein, das ginge nicht in ihre Köpfe.

Er erzähle, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, keine Episoden im eigentlichen Sinne, nein, er liefere so etwas wie Mosaiksteine, Gedankensplitter, die er den Leuten darbiete, gleichsam, und sie müßten sich abmühen, damit etwas anzufangen, ja, anzufangen, genau, also bitte.

Nein, sie hätten ihn nicht darauf angesprochen, sie wollten ihn nicht unnötig aufwerten, in der Barbary Row sei er überaus populär, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, dieser Termoth, unerklärlich, sagen sie, und seine Mosaiksteine würden von zahlreichem Publikum sehnlichst erwartet, ja, wer ihm zuhöre, gebe sich Mühe nachzudenken, sich die Zusammenhänge herzuleiten, meine Güte, dürfe man sein Publikum einem Ratespiel aussetzen, wo solle das hinführen, nein, sie würden das strikt ablehnen, sie hätten sich an die Peripherie der Stadt zurückgezogen und fänden dort ein intimes, dankbares Publikum.

Jede Erzählung müsse sich doch dem Geschmack und den Gewohnheiten des Publikums anschmiegen, nicht wahr, sie müsse Themen aufgreifen, mit denen das Publikum vertraut sei, nicht wahr, eine Erzählung müsse zeitgemäß sein und, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, wem müsse man das noch erklären, sie müsse einen Anfang haben und ein Ende, Punkt.

Nein, sie wollten über einen etablierten Erzähler nicht schlecht reden, keineswegs, doch dieser Termoth sei unausstehlich, er verweigere sogar, man stelle sich das vor, nicht nur der Erzählung ihren Anfang und das Ende, sondern dem Leben ebenso. Diese Auffassung verbreite er unter den Leuten der Barbary Row! Sei das Leben vielleicht ein Mosaik? Wie stelle er sich das vor? Unfaßbar! Sie redeten sich die Köpfe heiß, sie waren erzürnt.

Ein Mosaik habe weder einen Anfang noch ein Ende und sei folglich, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, keineswegs einer Erzählung vergleichbar, geschweige denn dem Leben, was wolle bloß dieser Termoth, hörte ich sie aufgebracht fragen, ein Mosaik kenne keine zeitlichen Abläufe und könne deshalb nicht erzählend sein, unmöglich.

Ich hätte den Introiten jetzt gern ihre wohlverdiente Ruhe gegönnt, sei’s drum, irgendwann würden sie ja erschöpft sein, nicht wahr, jedem geht einmal die Luft aus, doch sie können es nicht lassen, ihre eiligen Worte möge verstehen, wer will, sie sind ohne Ende geschwätzig und wissen doch nicht, wovon sie reden, Opfer eines verheerenden Kapitalismus, der immer schon die niederen Instinkte für seine Zwecke nutzte.

Schon gar das Leben, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, wie könne das Leben ein Mosaik sein, wie stelle er sich das vor, dieser Navajo, wie laute gleich sein Name, er scheine wie aus der Zeit gefallen. Keinen Anfang, kein Ende, wie stelle er sich das vor, die Dinge wachsen, sie verändern sich, die Dampfmaschine werde erfunden, und die Eisenbahngleise werden bis hin zum Pazifischen Ozean gelegt, das sei der technische Fortschritt, die Dampfschiffe lösten die Segelschiffahrt ab, so sei der Lauf der Dinge, wer wolle den aufhalten, hörte ich sie reden, sagte Farb, unablässig weiterreden, daher bilde sich die aufgeklärte Moderne heraus, sagten sie, die auf den Errungenschaften menschlicher Intelligenz beruhe, ich werde ihrem Geschwätz einen Riegel vorschieben, das bedeute das Ende der Segelschiffahrt, sagten sie, und ob der erwähnte Navajo das ebenfalls abstreiten wolle, doch nein, er sehe ja selbst, sage er, die Abgase, die toxischen Hinterlassenschaften der Moderne, den erstickenden Smog des Maschinenwesens – diese seuchenerregenden Substanzen, behaupte der Navajo, würden sich in die Atmosphäre mischen, weil höhere Wesen zu Tode kämen.

Und was das denn wohl sei, die Leere, die er erwähnt habe, hörte ich sie weiterreden, sagte Farb, kein Begehren, kein Ergreifen, kein Haften an äußeren Dingen, wie sei das zu verstehen, fragten sie empört, er positioniere sich in einen krassen Gegensatz zum Geist von Wachstum und Fortschritt, hörte ich sie reden, sagte Farb, ununterbrochen, in schriller Tonlage, ich werde dem Geschwätz einen Riegel vorschieben, und zu unser aller Glück, sagten sie, sei die Kultur der Navajo erledigt, am Boden zerstört, nur hier und dort begegne man einem harmlosen Irren wie diesem Termoth, der orientierungslos in verwahrlosten Vierteln der Stadt herumlungere, bis er erneut auf seinem Walfänger anheuere, hörte ich sie reden, sagte Farb, sie werden pausenlos weiterreden, diese Leute sind nicht aufzuhalten, ich werde hier abbrechen, sagte Farb, es reicht.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Heimat wehrt sich in uns

Nächster Artikel

Nicht mehr weggucken

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Storys, die Narben hinterlassen

Kurzprosa | Laura Hird: Nägel-Stories

Das ist schon heftige Kost, die einem da präsentiert wird: eine ungewöhnliche Autorin mit ungewöhnlichen Erzählungen. Laura Hird, Jahrgang 1966, geboren in Edinburgh, ist nach eigenem Bekunden nur dreimal so richtig von Zuhause weg gewesen. Dafür, das belegen die Geschichten, hat sie eine überwältigende Phantasie. Von BARBARA WEGMANN

Die Maus

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Die Maus

Er erinnere sich an die Kleine Fabel jenes Versicherungsangestellten aus Prag, sagte der Pharao, in der eine Maus in eine ausweglose Situation gerate.

Es war spät geworden, die Walfänger saßen um das verklingende Feuer, die Ojo de Liebre war rundum in schwärzeste Nacht getaucht, von fernher rauschte das Meer, die Temperaturen waren mild, vor einigen Minuten war Termoth mit seinen Leuten zur ›Marin‹ aufgebrochen.

Ein Versicherungsangestellter?, fragte Harmat.

Zwanzigstes Jahrhundert, erklärte London, man könne sich gegen Risiken versichern, auch eine Fracht könne gegen Havarie oder andere Unglücksfälle finanziell abgesichert werden.

Leben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leben

Ob das schwer zu verstehen sei.

Gut gefragt, Farb.

Doch sei das nicht jedem bekannt.

Das sollte man annehmen.

Der Mensch müsse sich ändern, Tilman, grundlegend ändern, nicht nur daß er seine Energieversorgung neu gestalte, nein, er müsse sich in seinem Umgang mit dem Planeten neu orientieren, er tue sich schwer damit und habe die Tragweite dieser Umwälzung längst nicht hinreichend verarbeitet.

So wird es sein, Farb.

Abschied

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Abschied

Die finalen Feierlichkeiten sind eröffnet.

Das hat aber niemand bemerkt?

Du sagst es, Annika, das fällt kaum besonders auf, niemand faßt mehr einen klaren Gedanken. Die große Abschlußsause tobt, Bilder leuchten in allen erdenklichen Farben, Lärm und Getöse sind unsäglich, jeder Pulsschlag null auf hundert, weshalb, ein Event jagt das andere.

Pausenlos.

Corona

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Corona

Ihr merkt davon nichts, bei euch kommt die Seuche nicht an? Unmöglich. Du nimmst mich auf den Arm, Krähe. Tröpfcheninfektion, Lungenentzündung, und erzähl mir nicht, ihr hättet keine Lunge. Na also.