Nicht mehr weggucken

Kinderbuch | Kein Bett in der Nacht

In Deutschland gibt es viele Zehntausende obdachloser Menschen. Sie alle haben keine Wohnung, schlafen irgendwo, in geschützten Ecken und Nischen, unter Brücken, irgendwo im Freien oder in Notunterkünften. Ihre Zahl steigt. Das Hauptproblem: fehlender, bezahlbarer Wohnraum. Dass diese Thematik in ein Kinderbuch einzieht ist sicher ungewöhnlich, aber, wie dieses Buch zeigt, hervorragend zu lösen. Von BARBARA WEGMANN

„Als ich sehr jung war, sah ich zum ersten Mal Menschen auf der Straße schlafen“, so beginnt der Erzähler die Geschichte. Diese Menschen, die dort bei Wind und Wetter sich aufhielten, würden sicherlich gern den Sternenhimmel anschauen, so habe er es immer als Kind vermutet und interpretiert, schreibt er, denn er selbst konnte von seinem Zimmer aus keine Sterne sehen. „In meinen Augen waren sie Glückspilze.“ Seine Mutter wird dem kleinen Jungen erklären, dass diese wohnungslosen Menschen traurig sind. „Sie haben kein Haus, das sie vor Regen, Hitze oder Wind schützt. Sie haben kein Bett, auf dem sie sich nach einem langen Tag ausstrecken können. Sie haben niemanden, der sie in den Arm nimmt oder ihnen hilft.“

Das alles berührt den Jungen. Und ein paar Jahre später, mittlerweile etwas älter geworden, beschließt er, etwas für diese Menschen ohne Zuhause zu tun. Er organisiert Kleidung und Essen und beschenkt zu Weihnachten Obdachlose. Und dabei lernt er auch Herrn Antonio kennen. Studiert hatte er einmal, und eine Arbeit hatte er gehabt, aber dann war das Leben irgendwie umgekippt und nun lebt er seit „mehr als dreißig Jahren auf der Straße“.

Sensibel und sehr einfühlsam hat sich die portugiesische Journalistin und Kinderbuchautorin Maria Inés de Almeida dieses Themas angenommen, motiviert und inspiriert hat sie dazu ihr Sohn. So wurde der gleich in die Geschichte und das Buch mit aufgenommen und verwoben. Nach Gesprächen mit den Eltern geht der Sohn mit plötzlich viel offeneren Augen durch die Straßen. Und begegnet oft vielen traurigen Gesichtern. Das Bild spiegelt es wider: Menschen, die gehetzt ihres Weges gehen, kein Blick für ihr Umfeld, dick angezogen, es wird Winter, es ist kalt, ungemütlich, niemand redet mit niemandem, niemand hat für niemanden Zeit, die Gesichter sind leer und traurig, nur selten ein Lächeln.

Der kleine Junge hat keine Angst auf Menschen zuzugehen, zu fragen, sich für sie zu interessieren, mit der Ehrlichkeit und Naivität, die dem Alter so eigen ist und die Welt und ihre Menschen entdecken lässt. „Nach solchen Gesprächen dachte ich immer wieder, dass Obdachlose ganz normale Menschen sind wie du und ich. Dass sie sich nur eine Wohnung wünschen, eine Arbeit, ein neues Leben.“ Er lernt, dass es etwas gibt, das genauso wichtig ist wie „ein geborgenes Heim“, nämlich die Freundschaft. Ein Lernprozess, der ihn prägt, den Blick für gesellschaftliche Nöte schärft.

Erwachsenwerden, so resümiert die Mutter, das heiße leider auch, dass manchmal Ideale von einst „die Wirklichkeit nicht überleben“. Genau das wolle der Junge aber nicht, er wolle sich dafür einsetzen, dass Obdachlose eines Tages den Sternenhimmel von einem eigenen Zuhause aus betrachten können.

Tatsächlich ein sehr berührendes Plädoyer für mehr Miteinander, ein sanftes Heranführen an eine nicht leichte Thematik, klar und plakativ und mit kräftigen Farben illustriert und untermalt. Ein kindgerechter Aufruf, nicht wegzuschauen, sondern sich zu interessieren, neugierig zu sein, zu fragen, Anteil zu nehmen, zu verstehen. Ein Anfang, soziale Missstände zu sehen und sich für deren Behebung einzusetzen. Zwar eine Geschichte, aber sehr realistisch.

Mutter und Sohn wünschen sich, so der letzte Absatz des Buches, dass „dieses Buch immer mehr an Aktualität verlieren möge, da es dann immer weniger Menschen gäbe, die auf der Straße leben müssen“. Ein schöner Wunsch, aber dann eben doch wieder nur eine Geschichte.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Maria Inés Almeida & José Almeida de Oliveira: Kein Bett in der Nacht
(Sem Abrigo, 2019). Mit Illustrationen von Cátia Vidinhas
Aus dem Portugiesischen von Sarah Pasquay
München: Knesebeck 2021
32 Seiten, 14 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Introiten

Nächster Artikel

Wie die Farbe ins Leben kommt

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Lecker!

Kinderbuch | Isabel Pin: Mein Butterbrot

Ein Butterbrot. Banal? Kein bisschen. Wer mag, kann die lecker belegte Stulle aufklappen und nachschauen. ANDREA WANNER lässt es sich schmecken.

Gleich und gleich gesellt sich gern?

Kinderbuch | Selim Özdoğan: Die Ameise und der Frosch

Ein Frosch wird beim Sonnenbaden von einer Ameise gestört. Ganz schön lästig, wie er findet. Was sich daraus entwickelt, verblüfft dann aber doch, findet ANDREA WANNER

Die Macht der Buchstaben

Kinderbuch | Hassan Zahreddine: Zin

Wer ein Buch in Händen hält, für den sind Buchstaben und Lesen meistens eine Selbstverständlichkeit. Hassan Zahreddine führt uns mit seiner Geschichte in den Libanon der 1940er Jahre und zeigt, welche Macht der Schrift innewohnt. Von ANDREA WANNER

»Das Leben ist ein Gänsespiel« (Johann Wolfgang von Goethe)

Kinderbuch | Anne-Ruth Wertheim: Das Gänsespiel

Das Gänsespiel ist ein traditionelles Brettspiel und eines der ältesten Brettspiele Europas, das man in vielen Ländern kennt und das als eine Art Prototyp vieler moderner Würfel- und Laufspiele gilt. Anne-Ruth Wertheim spielt es als Kind während des Zweiten Weltkriegs im japanischen Internierungslager in Indonesien. Von ANDREA WANNER

Wie die Farbe ins Leben kommt

Kinderbuch | Nicola Davies: Ein Baum ist ein Anfang

Das, worum es in diesem tollen Bilderbuch geht, das gab es in diesen Wochen mehr als reichlich: Eicheln. Nachts hörte man sie auf Autodächer fallen, die Bürgersteige waren übersät davon, achtlos zertreten lagen sie da, eine Unmenge. Früher haben wir mit Eicheln und Kastanien gebastelt, dieses Kinderbuch zeigt einen ganz anderen Aspekt auf. Von BARBARA WEGMANN