Wie die Farbe ins Leben kommt

Kinderbuch | Nicola Davies: Ein Baum ist ein Anfang

Das, worum es in diesem tollen Bilderbuch geht, das gab es in diesen Wochen mehr als reichlich: Eicheln. Nachts hörte man sie auf Autodächer fallen, die Bürgersteige waren übersät davon, achtlos zertreten lagen sie da, eine Unmenge. Früher haben wir mit Eicheln und Kastanien gebastelt, dieses Kinderbuch zeigt einen ganz anderen Aspekt auf. Von BARBARA WEGMANN

Da ist ein kleines Mädchen, das in einer tristen Stadt lebt: graue Häuser, hohe Häuser, nirgendwo sieht man jemanden, niemand lacht, niemand, der Freude empfindet. Häuser ohne Farbe. Eine „schäbige, hässliche und heruntergekommene Stadt“. Überall in diesem Meer aus Beton nur anonyme Wohnungen, Straßen und Straßenschluchten. „Kein Grün. Alles kaputt. Keine Freude“. Schwarz und Grau bestimmen diese ersten Seiten, die Tristesse könnte nicht größer sein. Wer will da schon wohnen, wer muss da wohnen? Die Menschen, so beschreibt es das kleine Mädchen, waren wie die Stadt selbst genauso „hässlich, heruntergekommen und schäbig“. Ihre Gesichter ausdruckslos, ohne Regungen, ohne Hoffnung oder Zuversicht.

Das Mädchen ist ganz offensichtlich arm, lebt davon, zu stehlen. In der Hoffnung auf Geld oder Essen stiehlt es eines Tages einer alten Frau im Park die Handtasche. Die aber wehrt sich heftig, sagt dann schließlich: „Wenn du versprichst, sie zu pflanzen, lasse ich los.“ Das Mädchen hat keinen Schimmer, was die alte Frau wohl meint, stimmt aber letztlich zu. So erbeutet sie die Handtasche. „Doch als ich sie öffnete, waren nur Eicheln darin. Ich starrte die Eicheln an. Sie waren so grün, so vollkommen, so viele und ich begriff das Versprechen, das ich gegeben hatte. Ich hielt einen Wald in den Armen und wurde zu einem anderen Menschen.“ Das Mädchen vergisst Hunger und Durst und beginnt zu pflanzen, hier, dort, überall… Hinter leblosen Mauern, an Bushaltestellen, um Wohnblocks herum, an Cafés.

Spätestens an dem Punkt berührt das Buch sehr und es macht gleichzeitig nachdenklich. Mit der Beute hält man einen Wald in den Armen. Wie einfach wäre es doch, graue Städte neu zu gestalten, wie einfach wäre es, Farbe in Städte zu bringen, selbst in Viertel, in denen ärmere Menschen wohnen, wie einfach wäre es, die Natur, jeden Baum in der Stadt zu hüten wie einen Schatz. Wie einfach wäre es, der Natur in unserem Umfeld stets den wichtigsten Platz zukommen zu lassen, weil die Natur es ist, die unser Lebensumfeld lebenswert macht.

Für Nicola Davies und Laura Carlin war es nicht die erste Zusammenarbeit. Dass beide, für Texte und Illustrationen bereits Preise erhalten haben, lässt das Bilderbuch schnell erkennen. Ein Text, nicht sehr lang, aber voller Kraft und Aufbruch, klar und plakativ, wie die Zeichnungen, die an Ausdruckskraft sowohl im schlechten wie im guten Sinne nichts zu wünschen übrig lassen. Einfache Strichführung, keine großen Schnörkel, oft Andeutungen, Vieles wird gerade durch die grau-schwarze Farbe zu Beginn auch ohne Worte so beklemmend deutlich. Fast wie eine Skizze, fast lieblos dahingezeichnet. Zu den einfachen Formen schließlich dann die Kraft der Farbe. Wie viele wundervolle Farben es gibt, erkennt man so klar nach den anfänglichen tristen Seiten. Sie leuchten, machen gute Laune, ermutigen, bringen Leben und Freude.

„Das Grün verbreitete sich in der Stadt wie ein Lied, es stieß seinen Atem in den Himmel und sog den Regen herab wie einen Segen.“

Zwar sollte man eine alte Dame nicht ihrer Handtasche berauben. Es ist aber ja auch nur eine Geschichte. Eine Geschichte, die für ein Mädchen zur Mission wird und eine Geschichte, in der sich vieles plötzlich zum Positiven verändert. Ein wunderbares Bilderbuch, das ein Ziel sicher nicht verfehlen wird: es sensibilisiert für Natur und Grün und Blumen in unserem Umfeld und es wird dafür sorgen, dass kleine Leser Eicheln oder Kastanien mit ganz anderen kindlich neugierigen Augen sehen werden: „Ich hielt einen Wald in den Armen“.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Nicola Davies: Ein Baum ist ein Anfang
(The Promise, 2014)
Illustriert von Laura Carlin
Aus dem Englischen übersetzt von Uwe- Michael Gutzschhahn
Stuttgart: Aladin 2022
48 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Nicht mehr weggucken

Nächster Artikel

Die Rache des Phantoms

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Wem gehört das Wasser?

Kinderbuch | John Kilaka: Schneller Hase   Für wen ist eigentlich das Wasser da? Nur für den Stärkeren? John Kilaka verpackt ein ernstes Thema in ein buntes und spannendes Bilderbuch, in eine farbenprächtige Fabel. Von BARBARA WEGMANN

Sommerfeeling pur

Kinderbuch | Judith Burger: Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer

Asta steckt voller Vorfreude auf einen wundervollen Sommer. Ringo, ihr bester Freund, wartet wie jeden Sommer auf sie. Und sie wird sich einen großen Traum erfüllen und endlich auf der Bühne stehen. Von ANDREA WANNER

Mit dem linken Fuß aufgestanden?

Kinderbuch | Henrike Lippa: Kleine Socke, was fehlt dir? Es gibt sie, diese Tage, die sich schon beim Aufwachen mies anfühlen. Falsch. Verkehrt. Nichts ist so, wie es sein soll. Warum? Schwierige Frage. Aber im Fall der kleinen Socke kommt man dem Problem im Laufe der Geschichte auf die Spur. Von ANDREA WANNER

Ein tolles Motto: »Jetzt geht’s los!«

Kinderbuch | Philip Waechter: Jetzt geht’s los!

Wie wird ein Tag zum guten Tag? Einfach mal machen! Wie das geht, verrät Philip Waechter in seinem fröhlichen Wimmelbilderbuch, für das man sich viel Zeit nehmen sollte, rät ANDREA WANNER.

Einbruch in die Komfortzone

Kinderbücher | T. Hussung: Der Brückentroll und die Zugbrückentrollwohngemeinschaft; M. Orths, K. Meyer: Der reichste Junge der Welt Da hat man es sich endlich gemütlich gemacht und dann geschieht etwas, das alle Gemütlichkeit wegwischt. Wie soll man mit dem Schreck umgehen? Thomas Hussung und Markus Orths erzählen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, was im Leben wirklich zählt. Von MAGALI HEIẞLER