/

Ein seltsames Paar

Roman | Friedrich Ani: Bullauge

Der 54-jährige Münchener Polizeihauptmeister Kay Oleander, vom Dienst freigestellt, weil er bei einem Einsatz gegen Demonstranten durch einen Flaschenwurf sein linkes Auge eingebüßt hat, glaubt, die Täterin auf einem Überwachungsvideo erkannt zu haben. Doch Silvia Glaser, 61 Jahre alt und seit einem Fahrradunfall, für die sie eine Polizeistreife verantwortlich macht, ebenfalls gehandicapt, bestreitet die Schuld. Stattdessen weiht die allein lebende Frau den Polizisten in ein von militanten Kreisen einer rechten Partei geplantes Attentat ein und bittet ihn, ihr zu helfen, den Anschlag zu verhindern. Zwei versehrte, einsame Menschen, die mit ihrem Schicksal hadern, sind die Helden in Friedrich Anis neuem Roman. Von DIETMAR JACOBSEN

Eine zerbrochene BierflascheAls ein sie auf Höhe einer die Fahrbahn einengenden Baustelle überholendes Polizeieinsatzfahrzeug plötzlich die Sirene einschaltet, verliert die 61-jährige Münchenerin Silvia Glaser die Kontrolle über ihr Fahrrad und stürzt schwer. Der Unfall verändert ihr Leben komplett. Fortan ist sie auf eine Gehhilfe angewiesen. Und weil es ihr nicht gelingt, nachzuweisen, dass die Polizei eine Mitschuld an ihrem Sturz und dessen Folgen trägt, treibt sie ihre Wut auf die Ordnungsmacht in die Arme der populistischen Neuen Volkspartei Deutschlands (NVD).

Doch eines Tages steht der vom Dienst freigestellte Polizist Kay Oleander vor ihrer Tür. Auch er ist ein Versehrter auf der Suche. In Silvia Glaser glaubt er die Frau gefunden zu haben, die ihn auf einer Demonstration mit einem Flaschenwurf um sein linkes Auge brachte. Was er aber in ihr findet, ist ein einsamer Mensch, der weiß, dass er weit von seinem Weg abgekommen ist und jemanden braucht, dem er sich anvertrauen kann.

Zwei Versehrte auf der Suche

Wer sich im Werk des vielfach ausgezeichneten Münchener Autors Friedrich Ani auch nur ein bisschen auskennt, weiß, dass die Ex-Apothekerin Glaser und der vom Dienst entbundene Polizeihauptmeister Oleander mit ihren sprechenden Nachnamen typische Figuren in dessen Romanwelt sind. Einsame Menschen in der Großstadt, denen Schlimmes widerfahren ist und die sich in einer Lebenskrise befinden, aus der sie allein nicht wieder herausfinden. Viele von Anis Helden haben den notwendigen Kampf um ihre Selbstbehauptung längst aufgegeben und sich in sich zurückgezogen. Und seine bekannteste, in bisher mehr als 20 Romanen auftretende Figur, Tabor Süden, der zunächst als Polizist, später als Angestellter einer kleinen Detektei mit seinem unglaublichen Gespür für komplexe menschliche Seelenwelten nach Vermissten sucht, während er selbst immer mehr in ein inneres Abseits gerät, stellt für sie alle eine Art Prototyp dar.

Sylvia Glaser und Kay Oleander jedenfalls haben seit jener ersten Begegnung vor ihrer Tür, die für den ehemaligen Polizisten eigentlich auch die letzte sein sollte – »Ich ging nur hin, weil ich das irgendwann an diesem eisigen Tag mit einem verkaterten Einäugigen ausgemacht hatte.« –, weiterhin Kontakt. Sie – dass sie die Flasche tatsächlich geworfen hat, obwohl sie es lange abstreitet, erfährt man gegen Schluss des Romans – quält wohl auch ihr zunehmendes Schuldbewusstsein, wenn sie ihm ins versehrte Gesicht schaut. Ihn interessiert diese Frau vor allem, weil er bei ihr einer ähnlichen Verlorenheit wie der, die er in sich selbst fühlt, begegnet. Also telefoniert man miteinander, trifft sich in Cafés und Kneipen – Orte, an denen Anis Figuren in vielen seiner Bücher noch die Wärme finden, die sie sonst überall vermissen –, geht spazieren und öffnet sich zunehmend dem anderen gegenüber. Bald duzt man sich, sie nennt ihn Kay, er darf Via zu ihr sagen.

»Der Wahn war Wirklichkeit und die Wirklichkeit normal.«

Doch eines Tages erzählt Silvia ihrem neuen Bekannten von Holger Kranich. Der Grundschullehrer war ihr letzter Freund. Als sie sich aus Verzweiflung, dass ihr nach ihrem Unfall keine staatliche Stelle Hilfe anbot, jenen zuwandte, die auf sogenannten »Spaziergängen« ihren Hass auf den Staat offen auslebten, hat sie ihn kennengelernt. Und bis zu dem Augenblick, als er ihr anvertraute, dass eine militante Gruppe innerhalb der NVD einen Anschlag auf einen deutschen Spitzenpolitiker plante, auch vertraut. Doch nun will sie raus. Nicht nur aus dieser ihr nicht mehr guttuenden Beziehung, sondern auch aus ihrem Engagement für eine Partei, in der Leute wie Holger und seine in dubiosen Hinterzimmern von Kneipen sich treffenden Kameraden den Ton anzugeben beginnen.

Rechtsradikalismus – auch in den Reihen von Polizei und Justiz – ist nicht nur in den letzten Büchern von Friedrich Ani zu einem beherrschenden Thema geworden. Bereits sein zweiter Tabor-Süden-Roman German Angst (2000) setzte sich mit Ausländerfeindlichkeit, blinder Gewalt aus der Mitte der Gesellschaft und dem Schweigen der Mehrheit auseinander. Unter den fünf Rechtsradikalen, die der Münchener Autor dort eine Frau entführen lässt, um die Ausweisung eines Nigerianers und seiner Tochter zu erpressen, findet sich auch ein Lehrer, ein Vorläufer sozusagen jenes Holger Kranich, von dem es an einer Stelle in Bullauge heißt:

»In der Wahrnehmung von Holger Kranich setzte sich die deutsche Gesellschaft aus geknechteten, manipulierten, bevormundeten und in die Irre geführten Arbeitssklaven und einer Handvoll mit einer internationalen Elite verbündeten Machthabern zusammen. […] Dagegen müssten alle guten Deutschen sich auflehnen.« Und genauso wie den brutalen Entführern in dem zwanzig Jahre älteren Roman kaum jemand entgegentritt, dürfen auch Kranich und seine Kumpane sich als »die Speerspitze […], die unerschrockene Vorhut, die Stimme der allgemeinen Stimmung« fühlen, weil ihnen viel zu wenige widersprechen.

Diesmal soll es anders sein

Aber diesmal soll es anders sein. Diesmal nehmen sich zwei Menschen vor, etwas zu tun gegen den Wahnsinn auf den Straßen und in den Köpfen jener, die überzeugt sind, »das Volk« zu sein und im Auftrag einer Mehrheit zu agieren, etwas zu tun, während der Staat nur redet. Aber ist Widerstand wirklich möglich, wenn man allein ist und dabei, der Welt für immer den Rücken zu kehren? Anis Helden versuchen es immerhin, indem sie sich auf die Suche nach Verbündeten machen. Doch zuerst finden sie niemanden, der ihnen Glauben schenkt, und dann den Falschen. So dass am Ende des Romans eine Tragödie steht. Oder doch nicht ganz – denn das Buch endet mit einem Lichtstrahl, einem »roten Leuchten im schwarzen Meer«. Und für einen Roman von Friedrich Ani ist das schon fast zu viel des Optimismus.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Friedrich Ani: Bullauge
Berlin: Suhrkamp Verlag 2022
267 Seiten. 23 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Friedrich Ani in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Amüsantes Zusammenraufen

Nächster Artikel

Scharfsinniger Sprachvirtuose

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Das Belfaster Schweigen

Roman | Adrian McKinty: Dirty Cops Mit seinem »katholischen Bullen« Sean Duffy befindet sich Adrian McKinty (geboren 1968 in Belfast) seit gut einem halben Dutzend Jahren auf der Überholspur. Der Detective Inspector beim Carrickfergus CID lebt inzwischen mit seiner jüngeren Freundin Elizabeth und ihrer gemeinsamen kleinen Tochter Emma zusammen in 113 Coronation Road, einer Adresse, die einem fast schon so vertraut ist wie die Baker Street 221 b. Als sein neuer Fall nicht nur ihn, sondern auch die beiden Menschen, die er am meisten liebt, in Lebensgefahr bringt, steht er vor einer schwierigen Entscheidung. Aber aufzugeben und ein skrupelloses Verbrechen

Niemand ist unschuldig

Roman | Don Winslow: Corruption Der deutsche Titel von Don Winslows neuem Roman – Warum die anglisierte Schreibweise, wenn es sich bei ›Corruption‹ doch nicht um den Originaltitel handelt? – sagt es sofort: Es geht um Korruption. Und die hat in diesem in New York spielenden Polizeithriller das ganze System erfasst. Sodass in Winslows 500-Seiter keine einzige der vielen auftretenden Personen – vom Streifenpolizisten bis zum Bürgermeister des »Big Apple« – ohne Schuld ist. Und doch wirft einer den ersten Stein. Denn der nächste könnte ihn selbst zum Ziel haben. Von DIETMAR JACOBSEN

Brigate Rosse und Vertuschungsversuche durch den Staat

Roman | Davide Longo: Die jungen Bestien

Davide Longo lässt in seinem neuen Roman ›Die jungen Bestien‹ Vincenzo Arcadipane in der Gegenwart und in der Vergangenheit ermitteln. Dabei gerät er natürlich immer wieder zwischen die Stühle und fast auch unter die Räder. Von GEORG PATZER

Mit Schirm, Charme und dem kaiserlichen Geheimdienst

Roman | Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp: Fabrik der Schatten

Als die Polizei nach der Kollision eines Güterzuges mit einem Pkw nahe der Stadt Bingen am Rhein feststellt, dass der Fahrer des Autos nach dem Unfall mit vier Schüssen geradezu hingerichtet wurde, mischt sich sofort der militärische Nachrichtendienst des Großen Generalstabs aus Berlin in die Angelegenheit ein. Man schreibt das Jahr 1910 und die militärische Elite des Kaiserreiches ist fest davon überzeugt, dass ein Krieg in der Luft liegt. Deshalb wittert man überall Spione und hat in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts alle Abteilungen, die sich mit der Strategie zukünftiger Siege sowie der Spionageabwehr beschäftigen, massiv aufgestockt. Das hat auch Major Albert Craemer, einst bei der Kriminalpolizei tätig, zu einem neuen Job verholfen. Als Leiter der Frankreich-Abteilung des Geheimdienstes, die von dem Zwischenfall in Bingen besonders betroffen ist, weil die Insassen des Pkw offensichtlich Franzosen waren, begibt er sich gemeinsam mit seiner jungen Mitarbeiterin Lena Vogel sofort vor Ort. Von DIETMAR JACOBSEN

Spannende Handlung, dicht sortiert

Film | Im TV: TATORT ›Château Mort‹ (SWR), 8. Februar In den letzten Monaten folgten wir schon einmal dem Versuch, Bildungsgut für den Sonntagabend fein aufzubereiten. Das ist leider schwieriger als gedacht. Neulich musste Shakespeare dran glauben, der mit Anklängen an einen Western in Szene gesetzt wurde. Man war verwirrt und dachte heftig darüber nach, ob das den Western beschädigte oder Shakespeare oder womöglich den ›TATORT‹. Von WOLF SENFF