Einladungen zur Reise

Sachbücher | Atlanten

Irgendwie hat José Luis González Macías etwas von Karl May, der ja für seine Romane bekanntlich nie vor Ort recherchierte. Macías, Grafikdesigner und Autor ist bekennender Atlas- Fan. »Mir spukte eine Idee im Kopf herum, die jene Bücher hinterlassen haben, die ich ganz besonders liebe- mit poetischen Karten illustrierte Atlanten voller flüchtiger Geschichten, mit der Fähigkeit, uns in ferne Weltgegenden reisen zu lassen, während wir gemütlich zu Hause im Sessel sitzen«.

Aussterbende Wachposten

Der Spanier deckt sich ein mit Karten, Bildern, Zeichnungen und Texten. Es dauert nicht lange und seine Fantasie fängt Feuer. »Ich betrachtete einen Leuchtturm nach dem anderen und konnte nicht aufhören, sie zu bewundern.« Herausgekommen sind Geschichten und Mythen rund um 34 Leuchttürme auf der ganzen Welt, an den abgelegensten und gefährlichsten Orten, die meisten erbaut im 19. Jahrhundert. Eine Reise in die Vergangenheit ist es vielfach, denn längst schon lassen viele Leuchttürme ihre beschützenden und Schiffe auf hoher See warnenden Lichtstrahlen nicht mehr über die See gleiten.

Aber das Buch ist alles andere als eine sachliche Beschreibung dieser alten Bauwerke. Es sind magische Geschichten, die von jenen steinernen Mahnmalen an hoher See erzählen; sie sind ein Denkmal, das Macías ihnen setzt mit wundervollen Illustrationen, sehr poetischen und gefühlvollen Texten. Mit kurzen, menschelnden Geschichten, schlägt er für jeden Leuchtturm eine Seite aus alten Zeiten auf, lässt schroffe Landschaften, unzugängliche Küsten, Zeiten voller Armut, Not, so vielen Widrigkeiten, denen jeder Leuchtturmwärter ausgesetzt war, wiederaufleben. Seine Darstellungen werden zu einem ganz persönlichen Bild: Sie schildern voller Empathie die Arbeit der Leuchtturmwärter und das Ende ihres Berufsstandes, und auch den Untergang der Bedeutung all dieser Leuchttürme, die »manchmal tröstlich und manchmal furchteinflößend« wirken. Etwas Schönes und Wildes läge in den Bauwerken, so schreibt der 1973 geborene Autor. »Vielleicht, weil wir intuitiv wissen, dass es sich um Wesen handelt, die im Sterben liegen. Ihre Lichter erlöschen, ihre Körper zerfallen.« Neue Technologien der Kommunikation sorgen auf See schon lange dafür, dass ihre Funktion mehr und mehr entbehrlich werde. »Die Schiffe sind auf den romantischen Schutz nicht länger angewiesen.«

Ganz schnell wird einem klar, noch bevor man die erste Geschichte gelesen hat, warum das Buch 2020 vom spanischen Kulturministerium als »Schönstes Buch Spaniens« ausgezeichnet und schon in 14 Sprachen übersetzt wurde. Aber es ist auch ein Merkmal des wunderbaren mareverlags, genau solche Bücher treffsicher ausfindig zu machen. So, wie auch das im vergangenen Herbst erschienene Buch »Flaschenpost«, ist auch dieses Buch alles andere als einfach nur ein Buch!

Da gibt es Geschichten von einem Leuchtturmwärter, der mit Familie in völliger Abgeschiedenheit neben dem Leuchtturm von Martinicus Rock in Nordamerika lebte. Abbie, die Tochter, die mehr und mehr die Arbeit im Leuchtturm übernimmt, wird Jahre später den neuen Leuchtturmwärter einarbeiten, der mit seinem Sohn auf die Insel kommt. »Zwischen Abbie und Isaac entspann sich eine Romanze, stürmisch wie die See«. Sie heirateten und bekamen vier Kinder. Im Jahr 1892 starb Abbie, die stets Sorge hatte, ob sich nach ihrem Tod ihre Seele weiterhin um den Leuchtturm kümmern werde.
Es ist eine wunderbare Balance zwischen sachlicher Darstellung und den Fakten sowie der Stimmung, der Atmosphäre, die diese auslösen. Es ist ein schillerndes Wechselspiel von überlieferten Berichten, Anekdoten und Legenden, aus so längst vergangener Zeit, und dann wieder technischen Daten, Koordinaten und nüchternen Stichworten zur Bauweise der Türme. Macías schöpft aus einem enormen Recherchefundus.

Manchmal wird ein Leuchtturm auch zur Inspiration für Schriftsteller, so der Leuchtturm von San Juan de Salvamento am südlichsten Zipfel Argentiniens. »Es war dieser kleine, 13 000 Kilometer von Amiens – der Heimat von Jules Verne – entfernte Leuchtturm, der den Schriftsteller, zu einem seiner letzten Romane inspirierte, ›Der Leuchtturm am Ende der Welt‹«. In einer Bibliothek in Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens, liegt heute noch »eines der beiden letzten erhaltenen Exemplare der Erstausgabe von Jules Vernes Roman.«

Und welche Gedanken hat man am Ende des Buches? Irgendwie ist es doch schade, dass mittlerweile Satelliten und Sonar und Radar die Arbeit der Leuchtturmwärter übernommen haben, das stimmt etwas sentimental angesichts all der über 30 Geschichten, die man im Laufe des Buchs immer mehr schätzt. »… auch wenn diese Lebensweise im Begriff ist, das Zeitliche zu segnen, bleiben uns immer noch ihre Geschichten. Überreste in Gestalt von Worten aus einer Zeit, in der Technik und Heldentum ein und dasselbe waren.«

Ausflug, Abstecher oder Auszeit

Gäbe es für Bücher Fleißkärtchen zu verteilen, dieses Buch hätte auf jeden Fall eines verdient, was für eine Fülle an Anregungen, Vorschlägen und Tipps. Rund 1000 sind es und entsprechend schwer ist das Buch. Wie heißt es in der Unterzeile: »Inspiration für ein ganzes Leben«. Na ja, ok, wir wollen es auch nicht übertreiben, aber Klappern gehört zum Handwerk. Dennoch: Egal ob es aus den Bereichen Natur, Citys oder Kultur und Geschichte ist, ob es Abstecher zu »Einmaligen Erlebnissen« sind oder Genießertipps, das Angebot ist einfach groß und sehr übersichtlich gegliedert. Und mögen Umfang, Gewicht und Fülle der Kapitel auch zunächst erschlagend wirken, beginnt man erst einmal zu blättern, dann erwischt es einen: Auffällig klein und kurz sind Abschnitte und Kapitel, dazu übersichtlich und kompakt, nett bebildert mit kleinen Illustrationen und vielen Fotografien. Also so eine Art Reise-Petit-Fours, für zwischendurch, mal hier und da, Appetit anregend eben und vor allem: Für jedes Interesse ist etwas dabei.

Bei der City-Tour durch Deutschland geht es natürlich vornehmlich durch die Großstädte wie München, Berlin, Hamburg, Köln, Dresden, Bremen, Stuttgart, Leipzig, Frankfurt. Ich will gerade schon verzweifelt sagen: ach, wie immer, wieder nur die ganz Großen, aber, nein, es folgen noch diverse kleinere Städte in kleineren Porträts, so auch Münster. Ich bin beruhigt. Ist Münster doch nicht nur die Stadt der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens 1648, sondern es hängen ja auch noch seltsame Käfige an der Lambertikirche. Dort wurden 1536 die Leichen der Anführer der Wiedertäufer zur Schau gestellt. »Womit sich der Kreis zum Tatort schließt. Denn in Münster rechnet man eigentlich immer damit, dass gleich Professor Börne und Kommissar Thiel um die Ecke kommen …«

Wenn das Buch einem Kapitel den Titel »Deutschland unterirdisch« gibt, dann ist das wahrlich kein Qualitätsmerkmal, keineswegs unterirdisch: Haben sie schon einmal etwas von Konzerten im Kronleuchtersaal in der Kölner Kanalisation gehört? Oder hätten sie vielleicht Interesse an einer Führung durch die Berliner Unterwelt mit Bunkeranlagen, Gängen und Tunneln? Oder einem Besuch der Eishöhle nördlich von Berchtesgaden in 1570 Meter Höhe?

Also, es gibt recht spannende Dinge zu entdecken, zu erfahren oder zu lernen, wie immer man den Atlas gebrauchen möchte. Eine gute Möglichkeit, einfach mal zu blättern, nachzuschlagen, etwas aufzustöbern. Ein Atlas, wie ein Überraschungsei, da ist für jeden etwas dabei. Für den Preis wird man – versprochen- lange etwas von dem Buch haben.

Ist das Kapitel »Kaufrausch« auch wenig attraktiv, schließlich verschwinden immer mehr kleine, für Städte charakteristische Läden und machen Markthallen und Einkaufspassagen mit immer gleichen Ladenketten Platz, so gibt es aber zum Beispiel das Kapitel »Schaurige Orte«, das alles schnell wettmacht. Ich gestehe, von einem Ukleisee in Schleswig-Holstein hatte ich noch nie gehört. Dieser See »soll es im wahrsten Sinne des Wortes in sich haben.« Ein Ritter wollte einst ein Bauernmädchen heiraten, er betrog sie aber und heiratete eine Gräfin. Aus Kummer verstarb das Mädchen und an dem Tag als der Ritter und die Gräfin getraut wurden, brach ein verheerendes Gewitter los, und die Kapelle versank samt Hochzeitsgesellschaft in den Fluten des Unwetters. Man soll angeblich heute noch beim abendlichen Gang um den dunklen See die Kirchenglocken hören …

Schließlich lernt man auch auf sehr unterhaltsame Weise, dass beispielsweise in Triberg die größte Kuckucksuhr der Welt steht: der Kuckuck misst sagenhafte 4,50 Meter Größe und ist 150 Kilo schwer. Beachtlich, was durchaus auch auf das gewichtige Buch zutrifft!

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
José Luis González Macías: Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt
(2020, Breve Atlas de los Faros del Fin del Mundo)
mareverlag, Hamburg 2023
160 Seiten, 36 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Atlas der Reiselust. Deutschland
Inspiration für ein ganzes Leben
Ostfildern: DUMONT Reise-Verlag 2023
320 Seiten, 39,90 Euro
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