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Die Erfindung der Sehnsucht

Sachbuch | Florian Illies: Zauber der Stille

Er gilt als Inbegriff des romantischen Malers, seine Gemälde haben ikonische Symbolkraft: Caspar David Friedrich. Wer kennt nicht seine ›Kreidefelsen auf Rügen‹, ›Das Eismeer‹ oder die ›Frau am Fenster‹? Im Vorgriff auf seinen 250. Geburtstag, der im kommenden Jahr gleich mit mehreren Sonderausstellungen gefeiert wird, beschwört Florian Illies erneut den ›Zauber der Stille‹ herauf. Von INGEBORG JAISER

Nein, die Natur scheint es nicht unbedingt gut mit ihm gemeint zu haben, mit diesem 1774 als Sohn ärmlicher Seifensieder in Greifswald geborene Caspar David Friedrich: blass, hellhäutig und sonnenempfindlich ist er wohl, mit rötlichem Backenbart, wirren »Krusselhaaren« und umwölktem Gemüt. Soziale Kontakte fallen ihm schwer, er gilt als sonderbarer Kauz und mag sich als ewiger Junggeselle erst im fortgeschrittenen Alter von 44 Jahren zur Ehe entschließen. Schon während seines Kunststudiums in Kopenhagen wird klar: er kann keine Figuren zeichnen. »Immer sind die Beine zu lang und der Oberkörper schlaff.« Und dieser merkwürdige Sonderling soll einmal zum Superstar der Romantik, zum »wilden Kunstrevolutionär« aufsteigen oder gar »den Anfang der abstrakten Malerei« einläuten – ganz nach jeweiliger Sichtweise?

Generation Romantik

Zum großen Jahrestag im kommenden Jahr könnte eine umfangreiche Biographie des lange vergessenen und später triumphal wiederentdeckten Künstlers lanciert werden. Doch das wäre Florian Illies sicherlich zu wenig. Nach seinem betörenden Epochenpanorama und Zeitmosaik ›1913: Der Sommer des Jahrhunderts‹ (2012), das mehr als 70 Wochen auf den Bestsellerlisten stand, bewegt sich der sowohl in Literatur als auch in Kunst(geschichte) gleichermaßen bewanderte Autor mit seinem ›Zauber der Stille‹ erneut in jenen Gefilden, die ihm am vertrautesten sind: in nachempfundenen Momentaufnahmen und Miniaturen, in pointierten Anekdoten und überraschenden Gleichnissen. Denn das Phänomen Caspar David Friedrich bedeutet mehr als Lebenslauf, Werkentstehung und Rezeptionsgeschichte, mehr als spröde Abfolge von Daten, Fakten und Bildern.

Um diesem in Greifswald geborenen und später in Dresden sesshaft gewordenen Ausnahmekünstler zu folgen, um die Faszination seiner Werke zu verstehen, hilft es immer auch, seinen Verehrern und Bewunderern über die Schulter zu schauen. Denn vielfältiger könnten die Beweggründe kaum sein. Wieso vermag das düstere Gemälde ›Mönch am Meer‹ den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen über den frühen Tod seiner Mutter Luise hinwegzutrösten, aber den schwermütigen Schriftsteller Heinrich von Kleist gleichsam zum Selbstmord zu verführen? »Ich kann bis heute den Mönch am Meer nicht ansehen, ohne zu denken, dass die Figur eine Pistole unter ihrer Kutte trägt,« gesteht Florian Illies.

Geschichte der Missverständnisse

Wie können die Friedrich’schen Landschaften und Ansichten sowohl den Stummfilmregisseur Murnau zu ›Nosferatu‹ inspirieren als auch die Zeichner von Walt Disneys ›Bambi‹? Selbst der Ankauf des poetischen Gemäldes ›Auf dem Segler‹ durch den russischen Großfürsten Nikolaj Pawlowitsch steckt voller Widersprüche. »Friedrich ist irritiert, wie schnell der Verkauf über die Bühne geht. Die Romantik ist auch eine Geschichte der Missverständnisse«, bemerkt Florian Illies trocken. Als großes Missverständnis kann auch die Vereinnahmung des Künstlers durch die Nationalsozialisten verstanden werden, die Caspar David Friedrich zu einem »germanischen Helden« deklarieren und in seinen Werken die »deutsche Innerlichkeit« feiern. Doch diese Vielschichtigkeit der Verehrung und Bewunderung soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Friedrich nach seinem Tod im Jahre 1840 rasch in Vergessenheit gerät, denn »in fast keinem öffentlichen Museum hängt ein Bild von ihm und auch in seiner pommerschen Familie gilt er nur noch als der skurrile malende Vorfahr, der einst aus der Hansestadt nach Sachsen geflüchtet ist, weil er zu tollpatschig zum Seifesieden und Kerzenziehen war.« Das und auch die sukzessive Wiederentdeckung des großen Künstlers der Romantik bringt Florian Illies pointiert auf den Punkt.

Vier Elemente

Dabei gleicht es einer Abfolge mehrerer Wunder, dass überhaupt ein Grundbestand an Friedrichs Werken überlebt hat, nach all den Feuersbrünsten, Brandschatzungen, Kriegswirren, Raubzügen, Verschleppungen und falschen Zuweisungen (Friedrich hat keines seiner Bilder signiert). Nicht umsonst spiegeln sich die vier Elemente in den Buchkapiteln wider: Feuer, Wasser, Erde und Luft, wobei das vernichtende Feuer den umfangreichsten Part einnimmt, gefolgt von der Ambivalenz des Wassers, das als Ostsee die Heimat verkörpert und doch als Todesquelle für den dramatisch verunglückten jüngeren Bruder steht.

Florian Illies fächert all diese Geschichten in atmosphärisch faszinierenden Vignetten und Momentaufnahmen auf, durchstreift drei Jahrzehnte und unzählige Schauplätze, um verblüffende Zusammenhänge, überraschende Querverbindungen und unzeitgemäße Gleichzeitigkeiten zu einer schillernden Collage zu vereinen. Hat er mit ›1913: Der Sommer des Jahrhunderts‹ einst ein eigenes Genre begründet, verfeinert er diese Technik nun in eleganter Manier. Der zauberhaften Suggestivkraft seiner szenischen Tableaus kann man sich kaum entziehen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Florian Illies: Zauber der Stille
Frankfurt am Main: Fischer, 2023
256 Seiten. 25,00 Euro

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