Ausschweifende Ein-Mann-Expedition

Roman | Peter Handke: Die Ballade des letzten Gastes

Seit mehr als einem halben Jahrhundert scheiden sich die Geister an Peter Handkes Werk. Was Philologen und eine kleine, aber treue Fangemeinde als eine Art vollkommene Poesie feiern, stößt bei großen Teilen der literaturinteressierten Öffentlichkeit auf vornehme Zurückhaltung. Handkes ausgeprägter Subjektivismus, seine Affinität zur Selbstinszenierung und seine schon in jungen Jahren praktizierte Abkehr vom klassischen Erzählen führten zu einem selbstgewählten Außenseitertum. Von PETER MOHR

»Diese Begebenheit geistert, naturverwandelt, das heißt, ohne ein Zutun, von Anbeginn durch meine Bücher, meine epischen Exkursionen beziehungsweise Ein-Mann-Expeditionen«, heißt es im neuen (ohne Genrebezeichnung erschienenen) Band »Die Ballade des letzten Gastes«.

Als Peter Handke 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde, rühmte die Stockholmer Jury »ein einflussreiches Werk, das mit linguistischem Einfallsreichtum die Randbereiche und die Besonderheit der menschlichen Erfahrung erforscht.«

Handke liebt das Extreme. Mit seinem umfangreichen literarischen Werk und seinen spektakulären öffentlichen Auftritten hat er stets – und dies bewusst – polarisiert. Reichlich Aufsehen erregte er auch durch seine (kaum nachvollziehbare) Nähe zum serbischen Diktator Slobodan Milosevic.

Seine Kreativität (er hat die achtzig überschritten) ist nach wie vor beachtlich. Nach dem Nobelpreis hat Handke, der seit vielen Jahren in Chaville bei Paris lebt, sechs Bücher veröffentlicht: Dramen, Prosa und Tagebuchaufzeichnungen.

Im Mittelpunkt des im klassischen Sinn handlungsarmen Textes steht Gregor Werfer, der vielen Protagonisten aus Vorgängerwerken sehr ähnlich ist. Er kehrt heim zu seiner Familie, die irgendwo am Rand einer anonymen Großstadt lebt – mehr schlecht als recht. Er trifft auf seine Eltern und seine Schwester, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hat. Im Familienkreis fehlt allerdings Gregors deutlich jüngerer Bruder Hans, der als Fremdenlegionär gestorben ist.

Die Nachricht hatte Gregor auf seinem »Taschentelefonbildschirm« (welch eine Wortschöpfung!) erhalten. Der Protagonist ist innerlich zwiegespalten, hin- und hergerissen, ob er der Familie die Todesnachricht übermitteln soll.

Hier darf man durchaus Anleihen aus Handkes eigener Vita vermuten. Hans und Georg hießen die Brüder seiner Mutter, die kurz vor Kriegsende heimgekehrt waren und die (so Handkes Selbstbekenntnis) »sein gesamtes Schreiben begleitet haben«. Handke reichert seine Heimkehrer-Geschichte mit etlichen Homer-Zitaten an. Es wirkt leicht archaisch, wenn er Gregor Werfer durchs Land wandern lässt, wie eine Odyssee durch die moderne Zivilisation. Er schläft in dunklen Wäldern, schwimmt in geheimnisvollen Teichen und beklagt den Zustand der Natur. Das »Vieldörferland« seiner Kindheit hat sich in eine urbane »Agglomeration« verwandelt. Der aufmerksame Flaneur stellt fest, dass ihm viele einst vertraute Dinge völlig fremd geworden sind.

Werfers Gedankenreise enthält viele Motive aus vorangegangenen Handke-Werken und changiert zwischen linguistischen Spielereien und polterndem Pathos. »Ich habe nichts mehr zu suchen daheim, rein gar nichts!«, resümiert der Protagonist, der sich in der Einsamkeit »als der letzte Gast an einem wackligen Tisch« wohl fühlt.

Und zwischendrin übt sich Handke wieder einmal mit großem Furor als Provokateur: »Nie wieder Kino. Schluss mit den Filmen als Zuschauerrechtsverletzungen. Nieder mit der Demokratie, weg mit all den Alles-geht-Demokratien. Her mit einer Diktatur, einer neuen, einer, die verbietet, was verboten gehört.« Auf eine seltsame Weise stellt sich bei der Lektüre Mitleid mit dem Protagonisten ein – vereinsamt, entwurzelt und desillusioniert vom Leben. Peter Handke hat es seinen Lesern noch nie leicht gemacht. Und heute kann man – mehr denn je – sicher sein: Wo Handke draufsteht, ist ganz viel Handke drin. Das ist (wieder einmal) ganz schwere Kost.

| PETER MOHR

Titelangaben
Peter Handke: Die Ballade des letzten Gastes
Berlin: Suhrkamp 2023
185 Seiten. 24 Euro
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