Das Grauen lauert im Alltäglichen

Roman | Heinz Strunk: Der gelbe Elefant

Wenige Schriftsteller vermögen den absurden täglichen Wahnsinn so gnadenlos abzubilden wie Heinz Strunk. Seine Geschichten – wie die im aktuellen Prosaband Der gelbe Elefant versammelten – bewegen sich jenseits aller Political Correctness und gern auch mal unterhalb der Gürtellinie. Nicht umsonst wurde Heinz Strunk einst von der Zeitschrift Visions zum »David Lynch des Humors« gekrönt. Von INGEBORG JAISER

Kennen Sie Claudi und Andi? Ein etwas schlicht gestricktes, abgehalftertes Ehepaar, das jeden Freitagabend in seinem auserwählten Stammlokal hockt (»Gemütlichkeit, beim Griechen Kriterium Numero uno«) und die immergleiche Stavros-Platte vertilgt. Welch Wagnis, zu diesem ganz intimen Jour Fixe ein einziges Mal die Urlaubsbekanntschaften Olli und Melli mitzunehmen, denn bislang pflegte man »ausschließlich über Kurz- oder Sprachnachrichten – modern talking – zu kommunizieren«. Der vage Versuch einer Annäherung erweist sich als Katastrophe und wird rüde noch vor dem finalen Ouzo aufs Haus abgebrochen. Zurück bleibt ein schaler Geruch, »gallig und säuerlich, wie von umgekipptem Blut«. Die Pointe? Erst mal keine.

Kurz- und Kürzestgeschichten

Doch der Köder ist ausgeworfen und unweigerlich driftet man weiter, verschlingt fieberhaft eine Story nach der anderen, liest von innerem Zwang getrieben gar das ganze Buch an einem Stück. Alle 30 Kurzgeschichten, die zwischen minimalistischem Vierzeiler, klassischen Short Stories und tragikomischen Lebensdramen changieren, mit einigen splatterhaften Gruselgeschichten obendrauf. Auch wenn es etwas übertrieben erscheint, dass Amazon diesen Erzählband in der Kategorie »Horror (Bücher)« listet.

Exakt ein Jahr ist es her, dass der hochproduktive, multitalentierte Musiker, Schauspieler, Drehbuchschreiber, Entertainer und Schriftsteller Heinz Strunk seinen letzten Roman Ein Sommer in Niendorf veröffentlicht hat – wochenlang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und letztendlich auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Seinem einst schrägen Debüt Fleisch ist mein Gemüse (2004) sind noch zehn weitere Bücher gefolgt. Rangiert der aktuelle Prosaband – bei allen Bedenken gegenüber der offiziell als schlecht vermarktbar geltenden kleinen Form – gar als Fingerübung, Lückenfüller, Überbrückung bis zum nächsten großen Coup? Mitnichten.

Sozial- und Milieustudien

Doch die fröhliche Anarchie und Albernheit früherer Publikationen ist unterschwelliger Tristesse gewichen, einem desillusionierten Blick auf die Zukurzgekommenen und Vergessenen, auf unschön gealterte Randexistenzen und hoffnungslose Loser. Sie heißen Rüdiger, Roswitha oder Rene, sind selbstgefällige Key Note Speaker, achtfache Mutter oder Crack-Konsumenten. Allesamt missgestaltete Ausgeburten aus dem Strunkschen Horrorkabinett, mit denen nicht zimperlich umgegangen wird.

Den testosterongetriebenen Überfliegern und Selbstoptimierern droht ein grauenhafter Abgesang (Mensch vs. Taler, Eisengreis), den vermeintlichen Klugschwätzern das endgültige »Bücherwurmloch« (Der erledigte Experte), den restlichen Ungestalten Häme, Abscheu, Widerwillen. Man könnte ungeschützt der blanken Depression verfallen, wären die Szenerien nicht mit absurder Komik versetzt. Was es mit dem titelgebenden gelben Elefanten auf sich hat, soll nicht gespoilert werden. Dann schon eher dieser Flachwitz: »Wie nennt man einen Spanier ohne Auto? Carlos.«

Mehlig, schwammig, strähnhaarig

Der gelbe Elefant vermengt trostlose Milieustudien mit sarkastischer Stilisierung: Die Frauen, mal »fröhlich, putzig, spanferkelig«, mal »grauzähnig und strähnhaarig«, tragen eine »aufgeplusterte, weiche Eischneefrisur«. Daneben steckt ein »mottenzerfressener älterer Mann, sackhosig und kurzbeinig« im »güllefarbenen Anzug«. Fast verfolgen einen diese abgelebten Figuren mit ihren »nahtlosen Knetgummigesichtern« bis in die unruhigen Alpträume hinein. Getrieben von Fremdscham, Ekel, wundersamem Erstaunen und Ungläubigkeit versucht der Leser angesichts des ungeschützten Blicks in menschliche Abgründe wenigstens einen Rest an Mitgefühl aufzubringen. Denn manche Szenen bergen einen irritierenden Wiedererkennungseffekt. Hat nicht jeder eine Claudi, einen Andi in seinem Bekanntenkreis?

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Heinz Strunk: Der gelbe Elefant
Hamburg: Rowohlt 2023
208 Seiten, 22.- Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Heinz Strunk in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Jede Menge Buchstaben, die Sinn ergeben

Nächster Artikel

Bücher-Leidenschaft

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Urlaub auf der Body-Farm

Roman| Simon Beckett: Leichenblässe

Die eine Buchhandelskette schaltet zum Erscheinen Radiospots, der andere Filialist räumt den drei bis dato erschienen Bänden eine ganze Regalwand zur Präsentation ein und in den Bestsellerlisten gelingt ihm auf Anhieb der Sprung an den ›Biss‹-Büchern von Stephenie Meyer vorbei unter die ersten drei – die Rede ist von Simon Becketts drittem Thriller um den forensischen Anthropologen David Hunter mit dem schönen Titel ›Leichenblässe‹. Ist angesichts des großen Werbeaufwands der Roman tatsächlich die Mühe des Lesens wert? Nein, sagt BEATE MAINKA

Wenn das Schädeldach brennt

Roman | António Lobo Antunes: Ich gehe wie ein Haus in Flammen Alljährlich im Herbst, wenn das Rätselraten um die Nobelpreiskandidaten in die heiße Phase geht, wird seit rund 15 Jahren sein Name stets ganz hoch gehandelt. Der 74-jährige portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes, der viele Jahre als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Lissabon arbeitete, hat nun seinen 25. Roman Ich gehe wie ein Haus in Flammen vorgelegt, der sich wie eine Summe seines bisherigen Oeuvres liest. Von PETER MOHR

Von oben betrachtet

Roman | Max Annas: Der Hochsitz

Nach zwei Romanen über die Geraer Morduntersuchungskommission – Nummer 3 ist in Arbeit – nimmt der Autor seine Leser diesmal mit in die Eifel. Dort leben in einem kleinen Dorf nahe der luxemburgischen Grenze die 11-jährigen Mädchen Sanne und Ulrike. Man schreibt das Jahr 1978. Es sind Osterferien. Die Fußball-WM in Argentinien steht bevor. Aber noch sind bis dahin knapp zwei Monate Zeit. Dass es aufregende Monate werden, ahnen Annas' Heldinnen, als sie Zeuginnen eines Mordes werden und unversehens mitten in eine ebenso spannende wie politisch aufgeladene Geschichte geraten. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Hammer verändert die Welt

Roman | Hansjörg Schertenleib: Jawaka Der abwechselnd in Irland und im Kanton Aargau lebende Schriftsteller Hansjörg Schertenleib hat sich auf völlig neues literarisches Terrain begeben. Der 58-jährige Autor, der zuletzt die von der Kritik hoch gelobten, dem Realismus verpflichteten und in der Gegenwart angesiedelten Romane ›Das Regenorchester‹ (2008), ›Cowboysommer‹ (2010) und ›Wald aus Glas‹ (2012) vorgelegt hatte, gehört zu den renommiertesten Stimmen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Nun schickt uns Schertenleib auf ziemlich abenteuerliche Weise in die Zukunft: »Beim Schreiben merkte ich, dass mir die Welt, die ich da entwickelt hatte, viel besser gefällt als die Gegenwart.« – PETER MOHR hat seinen

Verrückt und vertraut

Roman | J.M.G. Le Clézio: Alma

»Hier auf dieser Insel haben sich die Zeiten, die Geschlechter, die Leben, die Legenden, die berühmtesten Abenteuer und die unbekanntesten Ereignisse, die Seeleute, die Soldaten, die Söhne aus gutem Hause, aber auch die Pflüger, die Arbeiter, die Dienstboten und die Besitzlosen miteinander vermischt.« Mit diesen Worten beschreibt der französische Schriftsteller J.M.G. Le Clézio die Insel Mauritius, den Handlungsschauplatz seines soeben erschienenen Romans ›Alma‹. Von PETER MOHR