/

Kampf gegen das Vergessen

Menschen | 100. Geburtstag von Jorge Semprún

»Nichts könnte mich emotional mehr bewegen, wenn ich an mein Leben und an meine Illusionen für die Zukunft denke, als einen Preis für Europäische Literatur in Salzburg empfangen zu dürfen, der Heimat von Wolfgang Amadeus Mozart, Weltbürger des aufgeklärten Europas«, bekannte der spanische Schriftsteller Jorge Semprún 2006 in seiner Dankesrede zur Verleihung des österreichischen Staatspreises für europäische Literatur. Ein Porträt von PETER MOHR

Seine Biografie prädestiniert Semprún zum Vorreiter einer großen europäischen Union: »Ich bin nicht vaterlandslos, ich habe mehrere Heimatländer zugleich.“ Semprun wuchs zweisprachig auf, ging in Spanien, Frankreich und Holland zur Schule, überlebte später als bekennender Anti-Faschist das Konzentrationslager Buchenwald, arbeitete als Übersetzer für die Unesco in Paris, kämpfte im Untergrund gegen die Franco-Diktatur, und Ende der 80er Jahre wurde er unter Felipe Gonzalez spanischer Kulturminister.

Seinen ersten Roman ›Die große Reise‹, in dem er seine Erfahrungen als KZ-Häftling beschrieb, verfasste er Anfang der 60er Jahre, als er wegen einer zweiwöchigen Polizeirazzia ein Versteck in Madrid nicht verlassen konnte. Unter dem Namen Federico Sanchez war Semprún geistiger Führer der spanischen Untergrund-KP und einer der meist gesuchten politischen Gegner des blutigen Franco-Regimes. Semprún konnte sich in seine lebenslange Zweitheimat Paris absetzen, sein Nachfolger in der spanischen KP, Julian Grimau, wurde im Frühjahr 1963 in einem Madrider Vorort hingerichtet.

Jorge Semprun, der am 10. Dezember 1923 in Madrid als Sohn eines liberalen Juraprofessors geboren wurde und später an der Sorbonne Philosophie studierte, ist nie politische Kompromisse eingegangen und hat für seine Ideale auch das eigene Leben aufs Spiel gesetzt. Als er 1964 (wegen liberaler Tendenzen) aus der spanischen KP ausgeschlossen wurde, widmete er seine ganze Energie dem Schreiben, das zumeist stark autobiografisch gefärbt war. Neben Drehbüchern für die Regisseure Alain Resnais und Costa Gavras erschien 1969 der selbstkritische Roman ›Der zweite Tod des Ramon Mercader‹, in dem er mit dem Kommunismus abrechnete und seine eigene Rolle kritisch hinterfragte.

Als sein zweiter Buchenwald-Roman ›Was für ein schöner Sonntag‹ (1980) erschien, bekannte Semprun, der das Gros seiner Bücher auf Französisch geschrieben hat: »Ich bin kein echter Spanier und kein echter Franzose. Ich bin weder Schriftsteller noch Politiker. Ich bin nur ein Überlebender von Buchenwald.«

Mit kleinkariertem nationalstaatlichen Denken wurde Semprun immer wieder konfrontiert. Als seine Aufnahme in die Academie francaise anstand, wurde ihm sein spanischer Pass vorgehalten, und als ihn Felipe Gonzalez 1988 zum Kulturminister ernannte, stellte sein Vorgänger, der spätere Nato-Generalsekretär Javier Solana die provokante Frage: »Bist du überhaupt Spanier?«
»Ich bin immer noch Spanier, und jetzt fällt es mir umso leichter, Spanier zu sein. Aber ich werde deshalb meine Beziehung zu Frankreich nicht aufgeben, wo ich schon so lange lebe und dessen Sprache, dessen Kultur, das Wichtigste eines Landes, ich mir angeeignet habe«, hatte Semprún nach Francos Tod erklärt.

Der politisch geläuterte, ideologiekritisch gewordene Autor, der 1994 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2003 mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurde, hielt es nur drei Jahre im Gonzalez-Kabinett aus. Seinen endgültigen Rückzug aus der Politik beleuchtete Semprun 1993 in seinem Roman ›Federico Sanchez verabschiedet sich‹.

Seitdem lebte Semprún abwechselnd in Madrid und Paris, wo seine einstige Wohnung am Boulevard St. Germain jahrelang ein beliebter Treffpunkt linker Intellektueller war. Der große Erinnerungskünstler, der 1983 auch eine lesenswerte Biografie über seinen Freund Yves Montand verfasste, hat sich in seinem letzten Roman ›Zwanzig Jahre und ein Tag‹ (dt. 2005, wie alle wichtigen Semprún-Werke im Suhrkamp Verlag) abermals literarisch der Aufarbeitung der Franco-Zeit gewidmet. Seinem eindrucksvollsten Roman ›Was für ein schöner Sonntag‹ hatte Semprún einst ein Motto von Milan Kundera vorangestellt, das sein gesamtes Oeuvre präzise auf den Punkt bringt: »Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen.«

Jorge Semprún, einer der ganz großen europäischen Schriftsteller, ist am 7. Juni 2011 in Paris im Alter von 87 Jahren gestorben.

| PETER MOHR
| Titelfoto: Dinkley, Jorge Semprun 2009, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Am Toten Meer

Nächster Artikel

Eine Flucht durch Eis und Schnee

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Wanderer zwischen den Welten

Comic | Ein Interview mit Jeff Lemire Unter den kanadischen Gästen, die dieses Jahr auf dem Comicsalon in Erlangen mit einer eigenen Ausstellung ihr Werk vorstellten, war neben einigen hierzulande noch kaum bekannten Künstlern ein Name, an dem man seit nun fast einem Jahrzehnt nicht mehr vorbeikommt, wenn man sich für moderne Comics interessiert: Jeff Lemire. Man kennt ihn als eigenwilligen Zeichner von Graphic Novels ebenso wie als Autoren von Superheldencomics mit einem sensationell hohen Output. BORIS KUNZ wollte schon lange wissen, wie der Kerl das anstellt, und hat ihn deshalb zum Interview getroffen.

Geschichten aus der Löwenstadt

Menschen | Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Erich Loest geboren

»Ich werde nie wieder ein dickes Buch schreiben, ich bin zu alt. Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Wir Greise können doch keine 400 Seiten mehr überblicken. Wenn ich auf Seite 200 bin, weiß ich nicht mehr, was auf den ersten Seiten stand. Ich begnüge mich mit einem Tagebuch. Jeden Morgen um 8.30 Uhr nach dem Frühstück sitz’ ich an der Maschine und tippe vor mich hin. Sonst würde ich in ein Loch fallen«, bekannte der Schriftsteller Erich Loest 2010 freimütig in einem ›Bild‹-Interview. Von PETER MOHR

Folkdays… ›Sisaret‹ mit mystischen und mytischen Gestalten

Musik | Suden Aika: Sisaret In mehreren Chören und Bands haben vier skandinavische Folk-Musikerinnen Erfahrungen gesammelt und sind seit 15 Jahren auch Suden Aika. ›Zeit der Wölfe‹ bedeutet dieser Name. Sie spielen moderne Folkmusik, die sich auf das finnische Epos Kalevala bezieht. Von TINA KAROLINA STAUNER

Dylan: Folksongs, Rockmusik, Literatur- nobelpreis

Musik | Folkdays aren’t over… Bob Dylan – Früher Protestsongs und Folkbewegung, heute Literaturnobelpreis (Fallen Angels / Shadows In The Night) Wie lange währt Bob Dylan’s Never Ending Tour schon? Jedenfalls erhält er nun den Literaturnobelpreis. Der Singer-Songwriter, der auch Schriftsteller und Schauspieler ist, seine Werke als Maler und Filmemacher zeigt und als Radio-DJ Songs vorstellt. Seine realistischen und fantastischen Geschichten und Sichtweisen bekommen seit Jahren eine etablierte Auszeichnung nach der anderen. Von TINA KAROLINA STAUNER

Trauer ohne Hass

Menschen | Zum 50. Todestag von Nobelpreisträgerin Nelly Sachs (am 12. Mai)

»Ihr lyrisches und dramatisches Werk gehört jetzt zu den großen Klagen der Literatur, aber das Gefühl der Trauer, welches sie inspirierte, ist frei von Hass und verleiht dem Leiden der Menschheit Größe«, hieß es in der Laudatio von Ingvar Andersson anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises, den Nelly Sachs am 10. Dezember 1966 (an ihrem 75. Geburtstag) aus den Händen des schwedischen Königs Gustavs VI. Adolf entgegen nahm. Von PETER MOHR