Überleben in Kanadas Wäldern

Roman | Ulla Scheler: Acht Wölfe

Es sind acht abenteuerlustige junge Menschen – vier Frauen und vier Männer –, die sich im Spätherbst zu einer dreiwöchigen Wanderung durch den im Nordwesten Kanadas gelegenen Wood Buffalo Nationalpark aufmachen. Man ist aus unterschiedlichen Gründen unterwegs. Die reichen von Abenteuerlust über die Verarbeitung persönlicher Traumata bis dahin, dass der mehrwöchige entbehrungsreiche Trip in die Einsamkeit einem der Teilnehmer als Strafe von seinem schwerreichen Vater auferlegt wurde. Begleitet wird die Gruppe von dem erfahrenen einheimischen Reiseführer Nick. Eigentlich kann bei solchen Touren kaum etwas schiefgehen und es entstehen, wenn man sich an sämtliche Vorgaben hält, bleibende Erinnerungen. Doch diesmal ist alles anders. Denn als man nach wenigen Tagen das erste Verpflegungsdepot erreicht, wird aus einer besonders herausfordernden Form von Urlaub plötzlich ein Kampf ums Überleben. Von DIETMAR JACOBSEN

Am winzigen Flughafen von Fort McMurray trifft sich die Gruppe. Vorschriftsmäßig ausgestattet, voller Vorfreude auf das Abenteuer, in das sie eine kleine Cessna von hier aus entführen soll. Es geht nach Fort Chipewyan am Athabasca-See und von dort mit Motorbooten weiter Richtung Norden über den Slave River.

Irgendwo in freier Wildnis dann legen die Boote an. Acht junge Menschen zwischen 16 Jahren und Mitte 20 sind von da an für drei Wochen auf sich allein gestellt. Von dem, was sie im menschenleeren Nordwesten Kanadas erwartet, haben die meisten von ihnen zwar eine Vorstellung – schließlich sind sie nicht die Ersten, die sich einen Wanderurlaub mit »Alberta Adventure Hiking« leisten. Doch an Erfahrung, wie man sich der rauen Wildnis Kanadas anpasst, um letzten Endes wieder heil aus den Wäldern in die Städte, wo sich das normale Leben von Schelers Helden abspielt, zurückzukehren, fehlt es ihnen natürlich.

Ein Trip ins Unbekannte

Aber man hat ja Nick, den erfahrenen Reiseleiter. Der sich nicht fürchtet vor Bär, Bison und den in dieser Region Kanadas besonders großgewachsenen Wölfen, weiß, mit welchen Tricks man ein Feuer in Gang hält und für alle denkbaren Notfälle das Richtige im Rucksack hat. Ihm kann man sich getrost anvertrauen, denken das deutsche Schwesternpaar Kristina und Valentina, die aus Chicago stammende Tonya, die sich die Reise im wahrsten Sinne des Wortes vom Mund abgespart hat, und die zierliche, sechszehnjährige Kanadierin Alice, der gegenüber die vier Männer der Gruppe – die wie Kristina und Valentina aus Hamburg stammenden Ole und Alexander, der Bostoner Jacob, für den der teure Trip in die Einsamkeit der Wälder mehr Strafe als Belohnung sein soll, weil er zwei teure Automobile seines Vaters zu Schrott gefahren hat, und der wie Alice in Vancouver wohnende Peter – sofort Beschützerinstinkte entwickeln.

Die bereits mit ihrem ersten Roman – »Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen« (2016) – für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominierte Ulla Scheler wendet sich mit ihrem dritten Buch nicht mehr ausschließlich an junge Leser. Acht Wölfe ist eine spannende Geschichte über menschlichen Zusammenhalt in einer lebensbedrohlichen Ausnahmesituation.

Zusammenhalten, um zu überleben

Ihr Figurenfeld hat die 1994 in Coburg Geborene dabei so differenziert angelegt, dass schnell zu erahnen ist, dass die Reise ins Unbekannte nicht störungsfrei verlaufen wird. Es knistert nämlich von Beginn an zwischen den norddeutschen Schwestern, bei denen ein schwerer Fahrradunfall Kristinas vor drei Jahren der jüngeren Valentina klar gemacht hat, dass sie sich nicht mehr, wie es ihre gesamte Kindheit über der Fall war, in jeder Situation auf ihre ältere Schwester verlassen kann. Und auch der in einem begüterten Haus mit Chauffeur und Dienstpersonal groß gewordene Jacob – natürlich hat er seinen Koffer nicht selbst gepackt und im Übrigen auch erst einmal nicht vor, sich mit den anderen gemein zu machen – hat Probleme mit Valentina, die bereits auf dem Flughafen von Fort McMurray ihren Anfang genommen haben. Die sich zwischen den beiden schnell entwickelnde Antipathie droht das Klima in der kleinen Reisegesellschaft von vornherein zu vergiften.

Es sind freilich weder Jacob noch Valentina oder einer der sechs anderen Abenteuerlustigen, die bereits nach wenigen Tagen in der Wildnis die Gruppe in eine Situation bringen, in der es für die nächsten sechs Monate nur noch ums Überleben geht, damit man eines Tages in die Zivilisation zurückkehren kann. Stattdessen ist es der Mann, dessen Funktion eigentlich darin besteht, für die Sicherheit der ihm für drei Wochen anvertrauten, das Leben unter freiem Himmel nicht gewohnten Stadtmenschen zu sorgen, der für die acht Reisenden zur tödlichen Gefahr wird. Indem nämlich Nick, der neben seinem Job als Touristenführer noch für eine Bande von Drogendealern arbeitet, die ihren Stoff in schwer zu findenden Depots in der Wildnis lagern, einen Fehler macht, wird er vom Führer der kleinen Gesellschaft urplötzlich zu ihrem erbittertsten Feind, einem Mann, der nicht zulassen kann, dass die acht jungen Menschen je wieder aus der Wildnis herauskommen.

Ein spannendes Survival-Buch mit kleinen Schwächen

Was dann beginnt, ist ein Abenteuer, dessen Ende nicht alle erleben. Auf sich allein gestellt, bekommt man es mit der unerbittlichen Natur und dem Fehlen all der Dinge zu tun, die bisher für jeden aus der Gruppe mehr oder weniger selbstverständlich waren. Doch nun muss man Trinkwasser suchen, Nahrung erjagen, sich in den zunehmend kälter und unwirtlicher werdenden Wäldern einen Unterschlupf bauen, gegen wilde Tiere kämpfen und immer vor Nick und den Männern, mit denen der sein Drogengeschäft betreibt, auf der Hut sein. Man darf nicht krank werden, weil die Arzneien fehlen, nicht unvorsichtig sein, weil jede falsche Entscheidung den Tod bedeuten könnte, nicht glauben, dass das Überleben in einer kleineren Gruppe leichter wäre.

Und allmählich bringt die Notsituation, in der man sich befindet, in jedem der jungen Frauen und Männer Eigenschaften zum Vorschein, von denen der Einzelne oft selbst nicht wusste, dass er sie besaß. Und man lernt, zusammenzuhalten, zu teilen, füreinander da zu sein und noch das Letzte herzugeben, wenn es die oder der andere braucht, um zu überleben. So dass es Menschen wie Jacob oder Tonya am Ende sogar schwer fällt, die Wildnis wieder hinter sich zu lassen, weil sie in ein Leben zurückkehren, dass sich um einiges kälter anfühlt als jene Tage, Wochen und Monate, die man in der kleinen Gemeinschaft damit zubrachte, einen harten kanadischen Winter zu überstehen.

Acht Wölfe wird aus den unterschiedlichen Perspektiven der acht jungen Menschen erzählt, die sich für den gemeinsamen Trip ins Unbekannte entschieden haben und sich letzten Endes zusammenraufen müssen, wollen sie eine Chance haben, dorthin zurückzukehren, wo sie hergekommen sind. Das klappt nicht durchgehend, weil gerade die Notwendigkeit, warum an einer bestimmten Stelle gerade diese und keine andere Figur den Handlungsverlauf kommentiert, nicht immer einleuchtet. Dass die Acht sich einer vom anderen in vielen Dingen unterscheiden, wird überdies auch sprachlich zu wenig deutlich, indem der Ton zwischen den wechselnden Perspektiven kaum variiert, sondern jeder spricht – bzw. denkt – wie alle anderen. Trotz dieser literarischen Schwächen ist Ulla Scheler alles in allem aber ein spannendes Survival-Buch für Leserinnen und Leser jeden Alters gelungen.

| Dietmar Jacobsen

Titelangaben
Ulla Scheler: Acht Wölfe
München: Heyne 2023
415 Seiten. 17 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wunschtraum

Nächster Artikel

Von Anfang an

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der Mann, der vom Himmel fiel

Roman | Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich Eine ehemalige Bibliothekarin sucht eine neue Identität als Nachtwächterin. Dennoch wird sie weiterhin vom Aufspüren und Recherchieren, Sammeln und Archivieren verfolgt. Das kann zu schrecklichen Entdeckungen führen. Hier ist noch alles möglich prophezeit die Schweizer Schriftstellerin Gianna Molinari in ihrem kürzlich erschienenen Debüt-Roman. Von INGEBORG JAISER

Der schonungslose Kampf des Lebens

Roman | Karl Ove Knausgård: Kämpfen Wie viel Persönliches darf ein Schriftsteller preisgeben, ohne die Intimsphäre seines Umfeldes zu verletzen? Radikal, authentisch und eindrucksvoll beendet Knausgård seine autobiografische Romanreihe mit essayistischen Gedankenspielen über den (eigenen) schonungslosen Kampf des Lebens. Von MONA KAMPE

Eine Wahrheit, die stört

Roman | Oliver Bottini: Einmal noch sterben

Februar 2003. Die USA bereiten den Irak-Krieg vor. Ein Informant mit dem Decknamen »Curveball« hat versichert, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt. Doch eine irakische Widerständlerin behauptet das Gegenteil und bezichtigt »Curveball« der Lüge. Die Beweise für ihre Behauptung will sie binnen kurzem einem Vertreter der Bundesrepublik in Bagdad übergeben. Denn »Curveball« wird als Informant vom BND geführt. Damit bei der Übergabe nichts schief geht, wird ein kleines Team um den Scharfschützen Frank Jarolim in den Irak beordert. Aber nicht alle politischen Akteure haben ein Interesse daran, den heraufziehenden Krieg im letzten Moment zu verhindern. Und so sehen sich Jarolim und seine beiden Kameraden plötzlich im Fokus einer ganz perfiden Form von »friendly fire«. Von DIETMAR JACOBSEN

Bauen für den Endsieg

Thema | Fatherland: NS-Architektur im Roman Der dystopische Roman ›Vaterland‹ greift die Bauvorhaben des Hitler-Regimes auf und verarbeitet sie kritisch durch die Augen des Protagonisten. Dabei nutzte der Schriftsteller Robert Harris dieselben NS-Pläne für Berlin, die auch dem Publizisten Ralph Giordano für sein Sachbuch ›Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte‹ vorlagen. Von RUDOLF INDERST

Wenn der Tod im Osten Einzug hält

Roman | Jerome P. Schaefer: Der Dschungel von Budapest

Die Welt an der schönen blauen Donau scheint in Ordnung zu sein. Auf den ersten Blick zumindest. Bei genauem Hinsehen aber regt sich leiser Zweifel an der Idylle in Budapest: Das Wasser des Stroms »glitzert« schon etwas »unruhig«, der Himmel strahlt eisig »kalt blau« und die Margaretheninsel schimmert in der Ferne »fast wie eine Schimäre«. Und mitten in dieser Szenerie, am Rande des Budapest Marathons, finden wir Tamás Livermore. Nicht als teilnehmenden Sportler, nein, der Privatdetektiv hat sich als Sicherheitsmann anstellen lassen und beobachtet, ausgerüstet mit einem Walkie-Talkie, das Geschehen von der anderen Seite des Flusses. Die Störung lässt nicht lange auf sich warten. Eine Autobombe zerreißt das friedliche Bild, »die Kakophonie des Notfalls setzt ein«. In seinem Debüt Der Dschungel von Budapest – erschienen im Berliner Transit-Verlag – gerät Jerome P. Schaefers Privatermittler mitten in ein ziemlich brisantes politisches Räderwerk von dunklen Machenschaften im Ungarn der Nachwendezeit. Gelesen von HUBERT HOLZMANN