/

Verstehen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Verstehen

Ob Phantasie der Intelligenz zuzurechnen sei, fragte Farb.

Tilman tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Wie er darauf komme, fragte sie, legte ihr Reisemagazin beiseite, griff zur Teekanne und schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie üblich das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostrot, sie besaßen es auch lindgrün, Tilman hatte es, wie er sagte, aus Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war.

Da sei man sich nicht einig, sagte Tilman.

Man wisse das nicht, sagte Farb.

Kraut und Rüben, sagte Annika.

Er habe auch im Internet nichts gefunden, sagte Farb, dort sei die Rede von emotionaler Intelligenz, sprachlicher, logisch-mathematischer Intelligenz etc., einmal seien sieben, ein anderes Mal acht Arten Intelligenz unterschieden, viele Worte, Lernstoff untere Schublade Erstsemester.

Alles fließt. Tilman lachte.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf, Tilman bot ihm einen Löffel mit Sahne an.

Viele Worte, wiederholte Farb, Eitelkeiten, Geschwätz, und darüber gehe eine Welt verloren.

Was sei denn nun mit Phantasie, fragte Annika.

Ohne Phantasie, sagte Farb, sei Intelligenz nicht möglich, wer der Phantasie entbehre, könne nicht intelligent sein.

Aber habe die Welt etwa keine Phantasie, fragte Annika, es würden Flüge zum Mars vorbereitet, auf unseren Straßen verkehrten selbstständig fahrende Autos.

Er bezeichne das nicht als Phantasie, sagte Farb, sondern als Resultate mathematischer Kalkulation, man müsse peinlich genau hinsehen bei diesen mit maximalem Hallodri präsentierten Ergebnissen, marktgerecht  mitreißend gestylt, maskulin durchwirkt, allein die Wortwahl lasse tief blicken: ›autonome Autos‹, ›künstliche Intelligenz‹ – das sei Werbesprech für infantile Gemüter, besser können sie nicht.

Aber was beschäftige unsere Phantasie, fragte Annika, vielleicht ein Sonnenaufgang?

Exakt, ja, ein Sonnenaufgang berühre unsere Seele, auch ein Sonnenuntergang, das werde heutzutage nicht immer verstanden. Tilman lächelte. Die Industriegesellschaften, sagte er, seien mental verarmt, ausgebrannt, Kommunikation sei an die Stelle von Verständigung getreten, nein, Phantasie sei nicht gefordert, vor einem Sonnenaufgang stünden wir vielleicht noch innerlich ergriffen, jedoch sei das ein Abglanz nur, wir seien abgestumpft, achtlos, flüchtig berührt, und gingen pragmatisch zur Tagesordnung über, das sei einmal anders gewesen.

Es handle sich bei der Industriegesellschaft weniger um eine Evolution als um eine Devolution, sagte Farb, der Mensch werde abgewickelt, Schritt für Schritt, die Industriegesellschaft kollabiere, sie reiße die Spezies mit sich in den Abgrund.

Schön formuliert, spottete Annika, und mit viel Empathie.

Sonnenaufgang, sagte Tilman, sei einst von einer tiefen Bedeutung gewesen, der Mensch von Ehrfurcht ergriffen angesichts dieser täglich sich wiederholenden Geburt von Re, des höchsten göttlichen Wesens, aber nein, ganz und gar nicht, er rede nicht einer Religion das Wort, sondern der Tiefe seelischer Empfindung, der Sonnenaufgang habe Herzen geöffnet, das Licht habe sich seinen Weg in die Seelen der Menschen gebahnt nach zwölf unheilschwangeren Stunden nachtschwarzer Finsternis, in einer düsteren Region des Todes, durch die sich die Sonne Stunde um Stunde ihren Weg gegen feindlich gesonnene Mächte habe erkämpfen müssen, versteht ihr, sagte er, es handle sich hier nicht um Abläufe einer Informationsgesellschaft und um den Austausch von exakten, unmißverständlichen Informationen, sondern die Worte hätten Welten geöffnet, das sei das Thema, versteht ihr, auf diese Weise diene uns Sprache, die Worte hätten einen Zugang geschaffen, sie bildeten das Portal, durch das man die Wirklichkeit hinter den öden, nichtssagenden Oberflächen betrete.

Er griff zögernd zu einem Vanillekipferl, deren Geschmack in letzter Zeit nachgelassen hatte, da die Hersteller mit Vanille sparten, manch einer verwandte lediglich Aroma und gab Kurkuma dazu, damit für die gelbliche Farbe gesorgt war.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Nur daß man die Worte habe verstehen müssen, resumierte Farb, sich ihren Sinn erschließen.

Nur daß man die Worte habe verstehen müssen, wiederholte Tilman, und es handle sich nicht einfach um ein Hervortreten aus der Unterwelt, sondern es handle sich um einen Schöpfungsvorgang, der sich jeden Morgen wiederhole, jeden Morgen erwache die Welt neu zum Leben, das sei, zugegeben, ohne Phantasie gar nicht zu verstehen.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Roll Over Tiepolo

Nächster Artikel

Liebe ausgeschlossen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Angst

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Angst

Die Moderne sei auf Angst gebaut?

Wer sagt das? Der Navajo?

Du hörst es von allen dreien.

Mahorner setzte sich.

Touste schlug Akkorde auf seiner Gitarre an.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Weshalb wird nur über die Moderne geredet, über die sogenannte Moderne, so nennt sie Termoth, die sich drohend am Horizont ankündige?

Irrfahrt mit dem Navigator

Kurzprosa | Hartmut Lange: Der Lichthof

»Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht«, lässt der inzwischen 83-jährige Hartmut Lange eine seiner Figuren, den Politologen Ronnefelder gleich zweimal sagen. Das klingt Lange-untypisch, fast simpel, beinahe wie ein Kalenderspruch aus einem philosophischen Ratgeber. Vom Berliner Novellisten ist man anderes gewohnt: jede Menge Düsternis, Rätselhaftigkeiten, tiefe seelische Abgründe und bisweilen schaurige Naturbeschreibungen, die er zumeist an einsamen Ufern der vielen Seen im Berliner Umland angesiedelt hat. PETER MOHR hat den neuen Novellenband von Hartmut Lange Der Lichthof gelesen.

Erfolg III

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Erfolg III

Ein erfülltes, glückliches Leben, fragte Wette, unmöglich, sagte er, wie könne das sein.

Wer halte das aus, spottete Farb.

Das Leben könne ekstatische, glückliche Momente bieten, sagte Tilman, zeitlich befristet, nach einem Lotto-Gewinn oder einer bestandenen Prüfung, aber ein glückliches Leben, nein, das könne er sich nicht vorstellen.

Irreführend

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Irreführend

Sobald er sich hinlegt, lang auf dem Sofa ausgestreckt, fällt ihm erst auf, wie müde er ist, nicht ermattet mit einer Sehnsucht nach tiefem Schlaf, nein, auch nicht jene Art Müdigkeit, daß ihm die Augen zufallen würden und er übergangslos einschliefe, traumlos, nein, es sei eine empfundene Müdigkeit, und verwundert nehme er wahr, daß sie sich über seinen Körper ausbreite, anfangs im Brustkorb, dann greife sie nach dem Kopf, schließlich über Schultern und Hüfte bis zu Händen und Füßen.

Christoph Heins aktuelles Buch »Vor der Zeit« erzählt alte Mythen neu

Kurzprosa | Christoph Hein: Vor der Zeit. Korrekturenx Mythen sind versprachlichte Menschheitserfahrungen. Jede Kultur besitzt die ihren. In poetischer Form geben sie Auskunft über das Woher und Wohin einer Gesellschaft. Christoph Hein hat sich nun 25 dieser Erzählungen vorgenommen und sie mit kleinen Korrekturen versehen. Und augenblicklich wird evident: Auch uns haben Zeus und Hera, Helena und Dionysos, Eros und Echo noch einiges zu sagen. Von DIETMAR JACOBSEN