Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Es fügt sich

An einem durchlässigen Tag
greift alles ineinander,
die Teile finden sich wie von selbst
und wachsen zu etwas zusammen,
was haltbar ist und durch die Stunden
trägt, als wäre es vorbestimmt.

Die Wörter verschwistern sich
und erläutern sich gegenseitig,
zeigen die hellen Seiten vor
und wie tief sie verwurzelt sind,
lassen sich nicht mehr wegwischen,
behaupten sich mühelos.

So ein Glanztag gibt die Hoffnung,
daß sich die Worte sogar verkörpern
und wie Taten bestehen,
daß sie ohne Rest da sind
und hinausweisen über sich
wie eine handfeste Wahrheit.

 

Vernäht und verschmolzen

Die Lücken zwischen den Wörtern,
ihre Abgründe und Untiefen,
ziehe ich in meinen Versen
zusammen, überbrücke ihre
Spreizung und verdichte sie.

Was die Wörter trennt, vernähe ich
in meinen Zeilen, binde sie
darin in Geweben zusammen,
die mit jedem Vers reißfester
und unzerstörbarer werden.

Wie aus einem Guß stehen
die Strophen an Ende da,
alles Stückwerk ist verschmolzen,
die Nähte sind im Stoff geglättet,
die Verse ein deckendes Kleid.

 

Der Worte Leichtigkeit

Um der Zeile gefügig zu sein
und sich ganz einzupassen
in das Geflecht der Strophe,
lassen sie ihr schweres Gewicht
fallen, werfen ihren Ballast ab.

Es sind schlankere Wörter,
die Aufnahme bei mir finden,
entschlackte und sehnige,
die mühelos einschlüpfen
in meine entspannten Verse,

Ich trainiere sie unentwegt
und mache Dehnübungen,
damit sie biegsam und federnd sind,
dazu immer auf dem Sprung,
einem Ausdruckswunsch zu entsprechen.

| PETER ENGEL

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Zuflucht des Schreibens

Nächster Artikel

Lebensgefährlich

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Durchgestellt

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer  Da ist Telefon für Sie unentwegt am Apparat

Beschriftungen

Lyrik | Wolfgang Denkel: Beschriftungen

Den Körper ablegen wie eine zu schwere Einkaufstasche.

Die Strafe der Unverbindlichen ist die Unverbindlichkeit.

Je aufmerksamer er wurde, um so fremder wurden die Anderen ihm. Und nicht – wie er geglaubt hatte – um so vertrauter.

In Tuwa / Insektendompteur

Lyrik | Anette Hagemann: Gedichte In Tuwa Zwei Straßen nur führen nach Kysyl, und es reiten dort die Jungen und die Alten einhändig auf den Pferden: Als geschmeidige Zentauren bewegen sie sich durch die Steppe, die so weit ist, wie die Gesänge kehlig klingen und der Blick mancher Augen ins Unabsehbare geht – umgeben von Falten, verschmitzt, wie geschnitzt, genauso wie die Seen hier von Zweigen und Strauchwerk umgeben sind. Und manchmal gurren die Kamelkälber am helllichten Tag wie geschwätzige Uhus und in der Hauptstadt gründen die Schamanen Gemeinschaftspraxen

Zu Papier gebracht

Lyrik | Peter Engel: Gedichte Zu Papier gebracht Was durch den Kopf geht, flüchtig ist und davon will wie im Nu, auch was in den Fingerspitzen kribbelt und nicht weiß warum, was wie ein Einfall von Licht durch den Raum stiebt ohne Ziel oder die wirbelnden Flocken von allerlei Stäuben im Eck, was vielleicht ein Gedanke ist, der gerade erst entsteht und sich selbst noch nicht ganz kennt, gleichfalls ein kaum zu hörender Ton, der noch nicht durchgeformt ist, und meine unvollkommenen Zeilen mit dunklem Gehalt, alles wird hier zu Papier gebracht.

Ein Anhalten der Luft

Lyrik | Peter Engel: Ein Anhalten der Luft

Mein Fenster schneidet helles Herbstblau
aus dem Himmel heraus, es leuchtet
zu mir herein auf den Schreibtisch
und wird in Zeilen eingehegt,
sie blauen meine Wörter ein,
jeder Satzwinkel wird aufgehellt.