Ein eigener Rhythmus

Jugendbuch | Alexandra Helmig: beat vor der eins

Ina ist unglücklich und unzufrieden. Mit sich, ihrem Körper, ihrem Leben. Die vielseitige Künstlerin Alexandra Helmig gibt ihr in ihrem Jugendbuch eine Stimme. Von ANDREA WANNER

Zerrissene Fotografien, auf denen Gesichter zu sehen sindNichts stimmt im Leben der Fünfzehnjährigen. Ihre Eltern streiten ständig, versöhnen sich wieder, sind erneut kurz vor der Trennung. In den Krisenphasen versucht ihre Mutter, sich mit ihr gegen den Vater zu solidarisieren. Ihre Leistungen in der Schule sind schlecht. Sie findet sich unattraktiv und kann es nicht glauben, dass sich Phil, der Neue in der Schule, ausgerechnet für sie interessiert, wo doch alle Mädchen an ihm interessiert sind.

Selbstzweifel, Selbstmitleid, das Gefühl, das nur sie selbst sich verstehen kann, begleiten Ina auf Schritt und Tritt. Auch ihre Freundin Vicky ist da nicht wirklich eine Hilfe. Wie kommt man raus aus so einem Teufelskreis?

Alexandra Helmig findet eine ganz eigene Sprache, in der sie Ina tagebuchähnlich und in kurzen Kapiteln, die formal oft an Gedichte erinnern, erzählen lässt. Impulsiv, ungefiltert, abgehackt und dann wieder durchaus poetisch. Es entsteht ein ganz eigener Sog durch diese Sprache, dem man sich nicht entziehen kann und der durch das Buch trägt. Helmig ist Jahrgang 1975, Schauspielerin, Autorin, Sprecherin und Sängerin, und wie nah sie tatsächlich am Lebensgefühl eines heutigen Teenagers ist, müssen die jungen Leserinnen beurteilen. Der QR-Code zur Playlist des Buchs fängt jedenfalls den Sound der 80/90er Jahre ein, mit dem sich Helmig garantiert besser auskennt als mit dem, was heute gehört wird.

Trotz allem ist man schlecht vorbereitet auf das, was Ina während eines Sprachaufenthalts in Frankreich erwartet. Ging es bereits darum, den emotionalen Missbrauch durch ihre Mutter zu verdauen, kommt nun echter Missbrauch dazu. Dass, was vorher normaler Teenageralltag war, kippt. Ina hat ein echtes Problem. Und ob die Lösung dafür überzeugend ist, sei dahingestellt.

Ein Mädchen, eine junge Frau sucht ihren Weg und muss mit jeder Menge Schwierigkeiten klarkommen. Zerrissen wie die Fotos, aus denen Phils Mutter ihre Kunst macht, versucht sie ihre eigenen Bedürfnisse zu entdecken. Am Ende wird sie eine Entscheidung treffen und man wünscht ihr das Beste.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Alexandra Helmig: beat vor der eins
München: Mixtvision 2024
144 Seiten, 16 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Leben

Nächster Artikel

Mondnachtzauber

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Zeitreise

Kinderbuch | Alice Melvin: Omas Haus Ein kleines Mädchen besucht ihre Großmutter. Der Rundgang durchs Haus wird zu einer Begegnung mit einer anderen Zeit. Von ANDREA WANNER

Alte Wunden

Kinderbuch | Martin Widmark und Emma Karinsdotter: Als der Wald erwachte

Eigentlich will es Frühling im Wald werden, aber erste Leberblümchen ziehen erschrocken ihre Köpfe ein, eine Waldschnecke verkriecht sich, ein Igel traut sich dann doch nicht aus seiner Winterbehausung. Was ist da nur los, fragt sich ANDREA WANNER

Auf Rosenblättern nach Amerika

Kinderbuch | Marjaleena Lembcke / Stefanie Harjes: Eine Blattlaus wandert aus Auswandern dürfte normalerweise ein auf Dauer angelegtes Vorhaben sein. Dass es auch kürzer geht und wie kurzweilig es dabei zugeht, erzählt uns Marjaleena Lembcke in Eine Blattlaus wandert aus. Durch Collagen von Stefanie Harjes erhält die Geschichte ihren besonderen Charme. Von JOHANNES BROERMANN

Recht und Gerechtigkeit

Kinderbuch | Juli Zeh, Elisa Hoven: Der war’s

Ein geklautes Pausenbrot bringt den Stein ins Rollen. Genau genommen sind es mehrere. Und nicht irgendwelche, sondern Maries Superstullen mit raffiniertem Belag. Zum Glück wird der Täter auf frischer Tat ertappt. Fall gelöst! Nicht ganz. Von ANDREA WANNER

Im neuen Jahr bleibt alles anders

Kinderbücher | Y. Hergane: Sorum und Anders / Labor Ateliergemeinschaft: Ich so du so Wir sind alle unterschiedlich. Und das ist gut so. Es ist etwas, was Kinder früh lernen sollten, um mit sich – und dann auch mit allen anderen – gut auszukommen, tolerant zu sein und sich an Differenzen zu freuen, statt daran zu verzweifeln, findet ANDREA WANNER