Schwarz-Weiß-Fotografie

Sachbuch | Michael Freeman: Schwarzweiß-Fotografie

Sie wollen Fotografien genießen? Etwas über die Schwarzweiß-Fotografie und die besten Motive dafür lernen? Sich ein Stückchen weiterentwickeln in ihrer ganz eigenen Foto-Arbeit? Dann sind sie mit diesem Buch bestens ausgestattet, findet BARBARA WEGMANN

Seit drei Jahrzehnten ist er ein Top-Fotograf, mittlerweile einer der »weltweit meist publizierten« Fotografen, hat rund 170 Bücher veröffentlicht, so ganz nebenbei einen Master in Geographie und Anthropologie, und arbeitete für die »meisten internationalen Zeitschriften«. Also: In seine fachkundigen Hände darf man sich gerne begeben, wenn man denn über Fotografie, hier speziell die Schwarz-Weiß-Fotografie etwas lernen möchte.

»Für die meisten Menschen ist Farbe die Norm und bietet damit eine einfache Verbindung zu der Welt, die wir sehen«, schreibt Freeman. Gerade mit den Handykameras sei es einfach geworden, aufzuzeichnen, was sich vor unseren Augen befinde. Aber sie können ein ganz einfaches Experiment machen: Nehmen sie ihr Handy und fotografieren sie das, was sie gerade eigentlich so normal in Farbe ablichten wollten, einmal in Schwarz-Weiß, plötzlich werden sie feststellen: Das ist eine »ganz andere Ebene«. Wenn man wolle, könne man, so Freeman, Farbbilder genauer betrachten, aber Schwarz-Weiß-Fotografien würden immer noch weitaus genauer betrachtet. Mehr Aufmerksamkeit, ein stärkerer Blickfang, eine »persönliche Interpretation«. Eine Fotografie, die viel mehr als nur abbildet, denn das tut sie ja eigentlich gar nicht mehr, die Farbe fehlt, andere Dinge werden dafür wichtig, rücken in den Vordergrund.

In seiner Einleitung und den folgenden sechs Kapiteln erläutert Freeman mit viel Leidenschaft und Verständlichkeit Schritt für Schritt, was es mit diesem besonderen Stil, analog oder digital, auf sich hat. Er geht in die Geschichte, erläutert die technischen Voraussetzungen, geht auf verschiedene Stile ein und auf die Vielfalt von Schwarz-Weiß, denn es ist so viel mehr als eben nur Schwarz-Weiß. Tonwertgruppen, zwischen Schwarz und Weiß seien ein wichtiges Hilfsmittel in der Fotografie, verschiedene Werte, angewandt auf das jeweilige Foto schärfen Konturen, oder lassen bestimmte Dinge noch stärker aus dem Bild hervortreten. Und oft können Nuancen eine ungeahnt große Wirkung haben. Übrigens, so die Erfahrung des Profis: ein Schwarz-Weiß-Bild wird von sehr vielen Betrachtern als deutlich präziser empfunden. »Das gilt besonders für bestimmte Genres wie die Straßen- und Porträtfotografie sowie für die Krisen- und Kriegsberichterstattung.« Nun, vielleicht lenken Farben eben doch etwas ab, nehmen etwas von Eindruck, Aussage und Wirkung dessen, was abgelichtet wird.

Das Buch wird spannend durch seine Mischung von technischen Informationen zur Schwarz-Weiß-Fotografie und der fast philosophischen Seite. Ein Schwarz-Weiß-Bild kann sehr persönlich sein, sehr viel mehr erzählen als ein Farbfoto, intimer sein, eine deutlichere Handschrift haben als eine Farbfotografie. Farben könnten eben von der »Wahrnehmung eines Bildes ablenken, oder sie sogar stören«.

Vergessen wir nicht: Farbe auf Bildern, das gab es früher nicht, alles begann einmal mit Schwarz-Weiß. »Das Fehlen von Farbe wurde gemeinhin akzeptiert.« Heute kehre natürlich niemand zu dem zurück, was Schwarz-Weiß einmal gewesen sei, konstatiert Freeman. »Stattdessen entdecken wir, was Schwarz-Weiß in einer Welt bedeuten könnte, die von naturgetreu wiedergegebenen Farben beherrscht wird.«

Was es mit dieser fast magischen Wirkung auf sich hat, wie gesagt, versuchen sie es selbst, folgen sie den 176 Seiten und nehmen sie einfach mal ihr Lieblingsbild, fotografiert in Farbe und machen sie daraus ein Schwarz-Weiß-Bild. Man staunt!

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Michael Freeman: Schwarzweiß-Fotografie
Eine Masterclass für die Gestaltung und Ausarbeitung klassischer Schwarzweißbilder
dpunkt.verlag, Heidelberg
176 Seiten, 29,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Begeistert von Macbeth

Nächster Artikel

Zwischen Recht und Moral

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Audrey Hepburn und das Little Black Dress

Kulturbuch | Chloe Fox: VOGUE: Little Black Dress Der Inhalt von Kleiderschränken hat sich in den vergangenen 100 Jahren sehr gewandelt, nur ein Kleidungsstück hat es geschafft, seinen Platz zu bewahren: das kleine Schwarze, das »Little Black Dress«. Aus dem Archiv der VOGUE eine kleine Sammlung dieser unverwechselbaren Modelle, vorgestellt von BARBARA WEGMANN

Ins rechte Licht gerückt

Sachbuch | Émilie Zangarelli: Babys fotografieren

Ein Wunder sind sie allemal, eigentlich benötigen sie weder besonderes Licht, eine besondere Umgebung oder Dekoration und Hintergrund: Babys schaut man unweigerlich an und mag den Blick nicht mehr abwenden. Aber: dass die kleinen Erdenbürger auch eine fotografische Herausforderung sind, das zeigt dieses wunderbare Buch aufs Feinste. Von BARBARA WEGMANN

Explosiv und radikal

Menschen | Shulamith Firestone – Eine radikale Feministin (Mittelweg 36) Als im Spätsommer 2012 die Nachricht vom Tod Shulamith Firestones bekannt wurde, fand sie hierzulande wenig Widerhall. Revolutionärinnen kommen im kollektiven Gedächtnis kaum vor. Wenn sie Frauenrechte auf ihre Fahne geschrieben haben, ist die Chance dazu noch geringer. Ein schmaler Sammelband des Hamburger Instituts für Sozialforschung stellt sich dem Vergessen entgegen und präsentiert Firestone und ihr Werk, explosiv, radikal. Und gelungen, findet MAGALI HEISSLER.

Wertvolle Einblicke

Sachbuch | Tim Weiner: FBI Nach seinem mehrfach preisgekrönten und von Kennern der Materie bestaunten Buch CIA. Die ganze Geschichte (2007, dt. 2008) hat sich Tim Weiner ein weiteres »Sicherheitsorgan« vorgeknöpft, das zuverlässig für Amerikas schlechten Ruf – nicht zuletzt dank Hollywood in aller Welt – sorgt. Jetzt ist FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation auf Deutsch erschienen. Von PIEKE BIERMANN

Das Besondere an Nummer 79

Sachbuch | Urs Willmann: Goldrausch

In der Chemie hat es die Ordnungszahl 79, es ist säurebeständig, es korrodiert nicht, gilt als Symbol der Unvergänglichkeit, der Macht und des Wohlstands. Für diese Nummer 79 wurde gemordet, es wurde geklaut und geraubt, viele Verbrechen ranken sich um diese Nummer 79, die eigentlich nur eines so richtig kann: Sie glänzt – und das seit Tausenden von Jahren. Sie glänzt, was das Zeug hält. BARBARA WEGMANN ist in einem fantastischen Buch auf Spurensuche gegangen.