Ziemlich schräge Pläne

Kinderbuch | Birgit Schössow: Oma verbuddeln

Der ›Peter Hammer Verlag‹ warnt ganz zu Beginn des Buches: Hier wird zwar viel gestorben, aber auch viel gelacht. Die Warnung ist sehr ernst zu nehmen, denn wer stirbt, ist keineswegs ein Hamster oder ein anderes geliebtes Haustier. Es sind tatsächlich die Eltern. Ganz plötzlich, bei einem Verkehrsunfall. Zurück bleiben die fassungslosen Geschwister Paul, Mina und Annie, die eines sicher wissen: Niemand bringt sie auseinander oder ins Heim. ANDREA WANNER war schlichtweg begeistert.

Ein Junge steht mit einer Schaufel in einem GartenEs gibt Bücher, da fehlen einem wirklich die Worte. Und wenn ein Buch sein erstes Kapitel mit dem ersten Teil des ersten Satzes von Tolstois Werk der Weltliteratur ›Anna Karenina‹ beginnt »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich« darf man getrost gespannt sein. Birgit Schössow legt die Messlatte hoch – und nimmt sie mit Bravour. »Jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich« – und wenn sie so darauf ist, wie das clevere Geschwistertrio, dann findet sie trotz alles Unglücks und aller Trauer auch einen überzeugenden Weg, damit umzugehen.

Paul erzählt. Da ist zunächst der unglaubliche Schock, dass der gemütliche Fernsehabend mit der Nachbarin und Ersatzoma Frau Mattuschke ein so jähes und furchtbares Ende findet. Die Schilderung eines Freibadbesuchs der Familie mit Frau Mattuschke zeigt zuvor treffend die Beziehungen innerhalb der glücklichen Familie auf, das große Verständnis füreinander, die gegenseitige Zuneigung, das Vertrauen und den Respekt. Und damit ist jetzt plötzlich Schluss.

Wie kann es weitergehen? Die Großeltern väterlicherseits kommen zur Betreuung nicht infrage: Sie sind schon ein bisschen tüddelig und leben im Heim. Und die Oma mütterlicherseits kennen die Kinder gar nicht: Sie ist Krimiautorin, immer unterwegs und hatte kein gutes Verhältnis zur Mutter. Und genau die steht plötzlich vor der Tür.

Schräger Humor, Slapstickelemente und viel Wortwitz kennzeichnen eine Story, die einen durchaus ernsten Kern hat. Wer nimmt das, was Kinder in so einer schrecklichen Situation wirklich brauchen, ernst, wer fragt sie nach ihrer Meinung, macht gemeinsam mit ihnen Pläne, die ihnen auch helfen, das Geschehene zu verarbeiten? Paul, Mina und Annie bieten einander Halt, trösten sich gegenseitig und suchen nach einem Weg, auf dem es weitergehen kann. Kann das tatsächlich bei Oma in ihrem abgeschiedenen Häuschen an der Ostsee bei Oma sein? Der Oma, der sie gar nicht so recht über den Weg trauen. Warum sonst hätte sich ihre Mutter mit ihr zerstritten?

Aber irgendwie fügen sich dort dann die Dinge doch ineinander. Katze Lili trägt ihren Teil dazu bei – und lebt leider nicht mehr lange. Die Geschwister beginnen wieder Fuß zu fassen, finden Freunde, fühlen sich wohl. Drohend sitzt ihnen zwar das Jugendamt im Nacken, aber sie werden das Amt schon überzeugen, dass es hier bei Oma passt. Und dann, als sie die Seebestattung ihrer Eltern hinter sich gebracht haben, gerade wieder einigermaßen emotional stabil sind, geschieht etwas Furchtbares.

Beim Lesen erlebt man – auch als Erwachsene:r – eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Birgit Schössow nimmt sie ernst – und wagt trotzdem haarsträubende Lösungen. Genial. Klar greift die Illustratorin auch zu Farbstiften, findet genau die richtigen Bilder zwischen grandioser Komik und Trauer und nimmt uns mit auf ein unvergessliches Abenteuer.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Birgit Schössow: Oma verbuddeln
Mit Bildern von Birgit Schössow
Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2024
224 Seiten, 15 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

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