Die Geschichte von zwei ungleichen Brüdern

Kinderbuch | Eveline Hasler: Die Nacht im Zauberwald

»In einem Bergtal lebten vor langer Zeit zwei Brüder …« Das ist der erste Satz dieses einnehmenden Kinderbuchs und es braucht eben nur diesen einen Satz, um gefangen zu sein und weiterzulesen. Das geht kleinen Lesern ganz sicher genauso, meint BARBARA WEGMANN.

Nacht im ZauberwaldMeo und Leo heißen die beiden Brüder, die sich wie Zwillinge ähnlichsehen. »Von Weitem sah es aus, als trügen sie irgendetwas etwas auf ihrem Rücken.« Der eine, Leo, ist freundlich, hilfsbereit, kümmert sich um das Vieh und die Pflanzen. Dem anderen, Meo, ist alles egal, er »gönnte keinem ein gutes Wort«. Eigentlich wäre Leo gern mit dem Bruder gemeinsam auf die Alp gegangen, um dort das Hüttendach zu reparieren, aber Meo hat keine Lust. »Das fällt mir nicht ein.« Der Weg sei ihm zu mühsam und außerdem schaffe man das an einem Tag nicht.

Leo macht sich also allein auf den Weg. Behutsam geht er durch die Natur, umsichtig, darauf bedacht, niemandem zu schaden. Nicht der fetten Kröte, nicht den Ameisen, nicht den giftigen Pilzen. Überall in der Nacht scheint der Wald zu erwachen, es knackt, es knistert, es raschelt. Unheimlich. »Und dieses seltsame Schnalzen und Schnaufen?« Seltsame Gestalten erscheinen, als Leo eingeschlafen ist: Waldschratt, Pilzgörpse, Pflanzenelfen und Viehhexen. Sie beobachten den schlafenden Leo wohlwollend und beschließen, ihm ein Geschenk zu machen. Am Morgen erwacht Leo in bester Laune, repariert das Hüttendach und macht sich beschwingt auf den Heimweg. »Es kam ihm vor, als sei er so leicht wie noch nie.« Meo erwartet ihn vor dem Haus und fragt erstaunt: »Wo bist du deinen Buckel losgeworden?« Erst da fällt dem erstaunten Leo auf, dass sein Buckel weg war. Gleich am nächsten Tag zieht auch der missmutige Meo los, auch er will jetzt seinen Buckel loswerden.

Ja, die wunderbare Geschichte erinnert etwas an Frau Holle, an Goldmarie und Pechmarie, auch hier sind es zwei so gegensätzliche Charaktere, die sich ins Abenteuer stürzen. Der Gute und der Böse, der, der gern alles gibt, und der andere, der allen alles neidet. Der, der bewusst und umsichtig mit der Natur umgeht und der, der auf »allem herumtrampelt«.

Das Buch ist nicht neu, schon vor drei Jahrzehnten ließen sich Eveline Hasler und Käthi Bhend von der Sage aus dem Tessin begeistern, dann war das Buch vergriffen, nun erschien die Geschichte aus dem Zauberwald in einer überarbeiteten Neuauflage. Preise erhielten die Autorin und die Illustratorin, und wer sich in diesen Klassiker vertieft, der weiß schnell warum: bezaubernde Zeichnungen, viele in Schwarz-Weiß, detailreich, liebevoll bis in die letzten kleinen Dinge, Bilder zum Eintauchen und Versinken, während man die spannende Geschichte der zwei ungleichen Brüder vorgelesen bekommt. Bilder, in denen man lange verweilen, in denen man die Geschichte ganz sicher noch weiter ausschmücken, sich weiter ausdenken kann, mystische Bilder, wer schließlich kennt Waldgeister schon persönlich?

Meo geht denselben Weg wie sein Bruder zur Hütte, zerstört die Pilze, gibt der Kröte einen Tritt, wirft einen Stein in das Gebüsch, wo es knackt und raschelt. Benimmt sich wie die sprichwörtliche Axt im Wald.

Es sei eine alte Sage, sagt die Autorin, »die man mit einem Lachen abtun könnte.« Aber: Sie sei hochaktuell. Und so, wie alle Märchen etwas Zeitloses haben, Jahrhunderte lang in jede Zeit passten und nichts an ihrer Attraktivität einbüßten, so verhält es sich auch mit dieser Sage: Es geht um den umsichtigen Umgang mit der Natur, die Wertschätzung von Mensch und Tier.
Auch dem schlafenden Meo erscheinen in dieser Nacht die Waldgeister. »Sie tuschelten zusammen und berieten sich. Dann sagten die Waldhexen: ‚Er soll etwas bekommen, damit er diese Nacht nie mehr vergisst!‘«

Wie die Geschichte wohl ausgeht? Zumindest soviel verrät Eveline Hasler: »Ich habe mir erlaubt, das Ende in die heutige Gedankenwelt überzuführen. Und da kommt es vor, dass jemand merkt, dass er auf dem falschen Pfad ist.“

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Eveline Hasler: Die Nacht im Zauberwald
Mit Illustrationen von Käthi Bhend
Zürich: NordSüd Verlag 2021
40 Seiten. 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schreiben, um nicht umzukommen

Nächster Artikel

Aus dem Bergbau nach Hollywood

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Zuckersüß und mächtig spannend

Kinderbuch | Lisa Graff: Eine Messerspitze voll Magie Zauberei und Kindergeschichten sind altehrwürdige Partnerinnen und kommen deswegen nicht selten auch in Ehren ergraut daher. Alles andere als behäbig aber ist der Kinderroman von Lisa Graff ›Eine Messerspitze voll Magie‹. Eine Handvoll originelle Ideen, kühne Verwicklungen, ein Dutzend schräger Figuren und ausführliche Kuchenrezepte zum Nachbacken garantieren zuckersüße und mächtig spannende Lektüre. Von MAGALI HEISSLER

Ein Problem und der Versuch seiner Lösung

Kinderbuch | Anushka Ravishankar: Hick! Man kennt ihn als Schluckauf, Gluckser oder Hickser und das wiederholte, durch reflexartiges Zusammenziehen des Zwerchfells hervorgerufene, ruckartige Einatmen, das mit einem komischen Geräusch verbunden ist, nervt. Wie wird man das wieder los? Von ANDREA WANNER

Geschwisterliebe

Kinderbuch | Brigitte Jünger: Ida und das Gürkchen Wer viele Geschwister hat, weiß, dass das einerseits sehr schön und abwechslungsreich sein kann, einem das Leben auch manchmal ziemlich schwer macht. ANDREA WANNER berichtet vom Besuch bei einer Großfamilie.

Einfach schauen

Kinderbuch | Aaron Becker: Die Reise Eine Geschichte ohne Text zu präsentieren und trotzdem eine vollgültige Geschichte erzählen, spannend, mitreißend, mit sich überschlagenden Ereignissen, voll Gefühl und mit einer Heldin, die man rundum liebt, das ist große Kunst. Um eine solche Geschichte zu bekommen (und große Bilderkunst zu erleben) muss man nur Aaron Beckers Buch aufschlagen und einfach schauen. Von MAGALI HEISSLER

Wer die Wahl hat …

Kinderbuch | Jörg Mühle: Kroko oder Krake?

Es dauert, bis man im Leben weiß, wer man ist. Aber man schon bald überlegen, was man mag – und was weniger. Mit solchen Gedankenspielen lernt man sich selbst – und auch andere – besser kennen. ANDREA WANNER hat ihre Wahl getroffen.