Zwischen lecker und spannend

Sachbuch | Sarah M. Schmidt: Ohne Mücken keine Schokolade

Klar, der Titel dieses Buches hat etwas Magisches; was um Himmels willen haben Mücken mit unserer Schokolade zu tun? Aber: nein, das Geheimnis wird hier natürlich nicht gelüftet. Erleben sie das Abenteuer selbst bei der Lektüre dieses tatsächlich unterhaltsamen Buches, es lohnt sich, versprochen. Von BARBARA WEGMANN

Eine Mücke und die Früchte eines Schokoladenbaums»Nichts von dem, was wir essen, ist natürlich. Nichts kam so in der Natur vor. Alles wurde von uns Menschen ausgewählt, verändert, gezüchtet und verarbeitet. Und das ist nichts Schlechtes.« 11 Nutzpflanzen hat sich die Autorin für ihr Buch ausgewählt, darunter Äpfel, Bananen, Weizen, Reis, Mais, die Kartoffel, Kakao und Kaffee. Ein herrliches Buch, das Dinge über jene Lebensmittel erzählt, die wir tagtäglich essen, bei denen wir uns aber nach der Lektüre klar machen müssen, wie wenig wir doch über sie wussten.

Und dem Leser dies klar zu machen, das bereitet Sarah M. Schmidt ganz offensichtlich großes Vergnügen. Promovierte Biologin ist sie und Beraterin für Ernährungssicherung und Agrarforschung. Ihre drei großen Leidenschaften, so schreibt sie im Vorwort, habe sie in ihrem ersten Buch zusammengefügt: »Entdecken, Essen und Erzählen.« So ist es auch kein trockenes Sachbuch, aber auch kein Kochbuch und auch kein Ernährungsratgeber. Es erzählt über die Herkunft von Pflanzen, die Geschichte, den langen Weg bis zum fertigen Produkt, das wir heute auf dem Teller haben, es berührt Geschichten am Rande, Kuriositäten und Besonderheiten, Legenden und Bauernweisheiten, es entführt in die Welt der ausgewählten Nutzpflanzen, die für uns einen so gewohnten Platz auf dem täglichen Speiseplan haben. Schmidts Erzählweise ist dabei unterhaltsam, sehr eingänglich, sie kann begeistern und faszinieren, es sind keine schwer verständlichen Wissenschaftstexte, sondern bestens lesbare Porträts, die schnell Anker werfen im Kopf, die sich in unser Allgemeinwissen schleichen und einfach nur spannend sind.

Ganz nebenbei lernt man, dass man Bananen nicht neben Äpfel legt, sie werden dann nicht so schnell braun. Wir lernen, dass es in Belgien die größte Bananensammlung der Welt gibt. »Proben von 1617 Bananen aus 38 Ländern werden an der Universität in Leuven ausbewahrt«. Wir staunen über den teuersten Kaffee der Welt. »Da die Elefanten fleißig kauen, bleibt von 30 Kilogramm Kaffeekirschen am Ende nur ein knappes Kilogramm unbeschädigter Beeren übrig, die die Golden-Triangle Asian Elephant Foundation für 2000 Euro pro Kilogramm verkauft.« Stattlich, oder? Auch entkoffeinierter Kaffee enthält noch Koffein, wussten sie das? Kaffeehäuser in Wien und London hatten damals die gleiche Funktion wie Social Media heute. Kaffee bildete das Gegenstück zum Alkohol. »Er ernüchterte, statt zu berauschen, schärfte die Vernunft, statt die Sinne zu trüben«. Und der ‚sexuellen Experimentierfreudigkeit‘ der Vorläufer des Weizens ist es zu verdanken, dass dieser schließlich »die Welt eroberte«.

Sarah M. Schmidt vermittelt mit viel Freude und Begeisterung Fakten und Geschichtliches, führt verständlich in die Welt der Wissenschaft ein, erklärt ohne große Fachbegriffe Arten und Züchtungen, Varianten, Klone und die Gentechnik. Ein wahres Feuerwerk an Informationen und Wissen, eine Glanzleistung an Recherche und Stoffsammlung. Wissen übrigens, mit dem man herrlich glänzen kann beim nächsten Small Talk. Zum Beispiel mit der Antwort auf die These: »Ohne Mücken keine Schokolade«. »Mücken sind die gefährlichsten Tiere der Welt. Jedes Jahr stirbt eine halbe Million Menschen durch die blutsaugenden Kreaturen … Bis vor Kurzem dachte ich, sie wären nichts weiter als nervige Plagegeister und geflügelte Todesboten. Dabei hätte ich fast übersehen: »Ohne sie gäbe es keine Schokolade!« Nein, nein, immer noch keine Auflösung, was für ein vergnügliches Lesebuch!

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Sarah M. Schmidt: Ohne Mücken keine Schokolade
Verblüffendes über 11 Pflanzen, die uns täglich schmecken
Graz-Wien-Berlin: Leykam Verlag 2024
250 Seiten, 25 Euro

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