Wenn es »wild« zugeht auf dem Teller

Sachbuch | Martin Kintrup/Merle Weidemann: Einfach mal Wild

Die Tage werden kürzer, da steht man gern auch mal wieder am Herd, ja, der Grünkohl macht in diesen Wochen von sich Reden, aber auf dem Speisezettel tauchen, je kälter es draußen wird, immer öfter auch Wildgerichte auf. Und davon bietet dieses Buch eine ganze Menge – findet BARBARA WEGMANN

Ein Hirsch in der Gestalt einer NetzgittergrafikUnd das Buch kommt dazu auch noch in festlichem Einband daher: edles Dunkelgrün, ganzseitige Fotografien und ein mehr als einladendes Layout, na, wenn das nicht schon die Hälfte der Miete ist. Die andere Hälfte, das sind rund 70 Rezepte, die sich, und das habe ich als doch eher Koch-Laie mit Begeisterung gelesen, auch an Anfänger für Wildgerichte wenden. Zudem: »Die 30-Minuten-Grenze haben wir meist eingehalten, reine Wartezeiten, etwa beim langsamen Schmoren natürlich nicht mitgerechnet … eins kann ich versprechen: Komplizierte Handgriffe und aufwendiges Zubehör sind abgesehen vom heiligen Fleischthermometer nicht nötig.« Und das wäre eine weitere »anfängerfreundliche Besonderheit«: »… lernen sie beispielsweise die köstlichsten Krusten, die knusprigsten Panierungen und die würzigsten Marinaden kennen und erfahren ganz nebenbei, wie sie »Step by Step« eine perfekte Wildsauce kochen oder Reste am nächsten Tag kreativ verwenden können.«

Reh, Rot- und Damwild, Schwarzwild, Hase & Kaninchen, Ente & Gans, Taube und Fasan, das sind die Hauptkapitel, die schnell Appetit und neugierig machen. Ein edles Gericht, in 25 Minuten zubereitet (plus Garzeit), das geht nicht? Laut Martin Kintrup schon: Rehsteak mit Gnocchis und Lillet-Butter, wobei die Lillet- Butter den Hauptanteil der Zubereitung einnehmen dürfte: »Tomaten, Knoblauch und Thymian mit dem Puderzucker in der Fleischpfanne andünsten und leicht karamellisieren lassen. Dann vom Herd nehmen…..« Den Rest der Anleitung entnehmen sie einem der wirklich sehr attraktiven Rezepte. Schnell bleiben Augen- und aktivierte Geschmacksnerven an Hasen- Stifado, Taubenbraten mit Feigen, Kräuterfilet mit Ofenrösti oder gegrillten Steakstreifen hängen. Angegeben für meist 4 oder auch 2 Portionen sind Zubereitungszeit und die Zeit, bis das Gericht dann nach garen, schmoren oder braten tatsächlich fertig ist. Ausführlich, wirklich sehr ausführlich wird die Zubereitung erläutert, Schritte erklärt, Einzelheiten hervorgehoben.

Es gibt auch ganz besondere Detail-Rezepte, für »aromatische Würzbuttern«. Sie müssen zugeben: »Portwein-Schalotten-Butter, Chili-Limetten-Butter oder Orangen-Pfeffer-Butter«. Das klingt schon lecker. Dass in diesem umfangreichen Buch auch die fürs Kochen notwendigen Geräte, Messer, Töpfe, die wichtigsten Gewürze oder die Aufbewahrungsmöglichkeiten erläutert werden, versteht sich.
Einfache, aber kreative Rezepte sollten es werden, ja, das stimmt absolut, manche ähneln sogar von ihrem Erscheinungsbild her Streetfood-Rezepten, auffällig einfach, aber keines der Rezepte nimmt dem Gericht seinen edlen Charakter. Da sind viel Inspiration und Motivation für kochbegeisterte Anfänger oder auch durchaus erfahrene Köche. Eine gelungene Zusammenstellung an Informationen, Anleitungen, Rezepten und visuellen Abrundungen. Es ist schon das 60. Buch, das Martin Kintrup präsentiert, Preise hat er erhalten, klare Sache, wer seit 20 Jahren schon als Autor arbeitet, der weiß, wovon er spricht. Und seine Liebe zum Kochen, die hat er ganz offensichtlich seit seiner Jugend nicht verloren.

Nicht zu vergessen noch eine »anfängerfreundliche Besonderheit«: »…lernen sie beispielsweise die köstlichsten Krusten, die knusprigsten Panierungen und die würzigsten Marinaden kennen und erfahren ganz nebenbei, wie sie Step by Step eine perfekte Wildsauce kochen oder Reste am nächsten Tag kreativ verwenden können.« Letztlich sollte man, wenn‘s denn »Einfach mal Wild« sein sollte, auch daran denken, dass Wildfleisch ein »absolut nachhaltiges Produkt ist. Die Tiere benötigen weder Futter noch Medikamente und der Transport zum Schlachthof entfällt.«

Wie gesagt, die Tage werden länger, Festtage stehen vor der Tür; sollten Sie Anregungen oder etwas Ausgefallenes suchen, oder auch ein wirklich schönes Geschenk, hier wäre es.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Martin Kintrup/Merle Weidemann: Einfach mal Wild
Wilder Geschmack, Null Stress
Martin Kintrup (Text-Rezepte)
Merle Weidemann (Fotografie)
144 Seiten: 29,00 Euro
Münster-Hiltrup: LV. Buch (Landwirtschaftsverlag) 2024

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Herz ist Trumpf

Nächster Artikel

Brüche, Lücken, Zerfall

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Der Dreck und der Teppich

Gesellschaft | Thomas Kistner: Schuss Im Fußball geht es derzeit hoch her, und es gibt eine Menge Themen, die die Öffentlichkeit interessieren dürften. Das Doping gehört zweifellos dazu, es schwelt dauerhaft und flammt gelegentlich immer mal wieder auf. Beide Seiten rüsten auf; die einen, um aufzuklären, die anderen um den Teppich drüber zu halten. Es läuft darauf hinaus, dem Publikum vorzugaukeln, dass alles in Ordnung sei, fernsehgerecht. Von WOLF SENFF

So viel Leidenschaft zwischen zwei Buchdeckeln

Sachbuch | Leidenschaft Alpaka

Aus meinem kleinen spanischen Wortschatz weiß ich, dass »Llama llama« so viel heißt wie: Ein Lama ruft an. Und »Llama llama a llama« bedeutet: Ein Lama ruft ein Lama an. Aber aus meinem laienhaften Wissensschatz rund um Alpakas weiß ich auch: Lamas sind keine Alpakas, na ja, die liebe Verwandtschaft ist es schon irgendwie. Aber das Lama ist eher das Tier für Lasten, das »Tier fürs Grobe« eben, das Alpaka dagegen die kleinere und eindeutig edlere und irgendwie vornehmere Art in diesem Verwandtschaftskreis. Leser seien gewarnt: bei diesem ungewöhnlich schönen Buch besteht akute Gefahr, sich Hals über Kopf zu verlieben. Ich hatte freiwillig mein Herz zur Eroberung bereitgestellt, es hat geklappt, gesteht BARBARA WEGMANN

Beckmann mit dem ICE

Kulturbuch | Max Beckmann. Die Landschaften

Soviel Beckmann gab es noch nie! Diesem Diktum kann man nicht nur, man muss ihm gar zustimmen. SEBASTIAN KARNATZ nimmt – zumindest lesend – die Reise von Basel über Frankfurt nach Leipzig auf sich.

Subversive Ideale

Gesellschaft | Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Erwachsen werden wir alle, körperlich jedenfalls und im juristischen Sinn, sobald wir ein bestimmtes Alter erreicht haben (und nicht schwer geistig behindert sind). Und dennoch weiß jede/r, dass genug Erwachsene ihr Leben lang kindlich bleiben, sich schwertun mit Verantwortung oder allgemein damit, sich mündig und selbstbestimmt zu verhalten. Was Philosophen über das bewusste Erwachsenwerden zu sagen haben, stellt uns Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, in ›Warum erwachsen werden?‹ vor. Von PETER BLASTENBREI

Unser großes, weißes, mittleres Meer

Kulturbuch | David Abulafia: Das Mittelmeer Traumziel bleicher Nordmenschen, Sehnsuchtsort klassischer Bildungsbürger – Wiege der Kultur plus Demokratie, ganz zu schweigen von guter Küche, quecksilbrigem Geist und kreativem Müßiggang – und Fußpunkt der drei großen monotheistischen Religionen: das Mittelmeer. Soweit der Blick aus der Landrattenperspektive. Wer sich aufs Wasser hinaus begibt, merkt schnell: Ein sanftes Binnenmeer ist das nicht. Es ist sprunghaft, tückisch, gewalttätig. Es brodelt, klimatisch wie politisch, und seit einiger Zeit wieder sehr augenfällig – Lampedusa, Gaza, Arabischer Frühling. Von PIEKE BIERMANN