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Zum Ende

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zum Ende

Der Walfang wäre ertragreich.

Wir werden uns einige Tage gedulden müssen, Ausguck.

Ich weiß. Die Pause hat positive Seiten, oder?

Wenn du mich fragst – der Grauwal imponiert mir. Was für eine gewaltige Fluke! Alle Achtung!

Damit schlägt er jede Schaluppe kurz und klein.

Er weiß das nur nicht.

Wir werden es ihm nicht verraten, Thimbleman.

Der Ausguck lachte, stand auf und sah hinaus auf die Lagune.

Würdest du Gramner recht geben darin, daß der Mensch sich maßlos überschätzt, Thimbleman?

Er stürzt sich ins Unglück und weiß nicht davon. Sieh nur auf die erbärmlichen Zustände in der Stadt, wo jeder an den eigenen Vorteil denkt und besessen ist von der Idee, der Reichtum liege ihm zum Greifen nah.

Unsere Saison wird ertragreich, nicht wahr?

Wir müssen uns darum nicht sorgen, Ausguck, in der Ojo de Liebre ist der Wal zahlreich unterwegs. An der Fangpause gibt es nichts auszusetzen, null. Wir sind weiß Gott noch meilenweit von jener Hochleistungsgesellschaft entfernt, die Gramner der Moderne zuschreibt. Selbstausbeutung, ausgebrannt, depressiv – da lachen wir doch.

Ein Desaster.

Irgendwann sei der Mensch falsch abgebogen, sagte Thimbleman, und niemand habe gewarnt und dazu aufgerufen, innezuhalten, umzukehren. Die Zustände jener Moderne, Ausguck, sage Gramner, sie seien unvorstellbar, der Planet verkomme zu einer Ruine. Der Urwald am Amazonas werde gerodet, die Wälder Kaliforniens stünden in Flammen, in Australien rasten verheerende Buschbrände über Land, Venedig stehe unter Wasser, Djakarta, eine Millionenstadt, versinke im Boden und müsse umgesiedelt werden – was für ein Irrsinn. Die Pole würden schmelzen, sagte Thimbleman, die Meere seien übersäuert, das Grundwasser werde ungenießbar, eine Spezies nach der anderen sterbe aus, die Grundlagen des Lebens würden vernichtet.

Der Mensch steht daneben und sieht es mit an?

So ungefähr, sagte Thimbleman, und  ziehe sich die Bilder auf seine Mattscheibe, solange er nicht selbst betroffen sei. Da seien rätselhafte Mechanismen am Werk, sagte er, und Gramner halte das Maschinenwesen für eine unersättliche dämonische Energie, die den Menschen vor sich hertreibe, und was an den Rändern überschwappe, das sei unvermeidlich, das sei der Lauf der Dinge.

Der Mensch wäre ein Rädchen im Getriebe, sagte der Ausguck, die Natur lieferte Rohstoff für Wachstum und Fortschritt. Doch er füge sich widerspruchslos?

Gramner sagt, es werde Kämpfe geben, verzweifelten Widerstand, doch die Menschheit sei gespalten, zum Teil stünde sie im Bann ihrer selbstgeschaffenen Automaten, ohnmächtig, verstehst du, sie seien so stolz, sagt Gramner, auf ihre innovativen Technologien, es sei ein Elend.

Sehen wir das nicht am Walfang, Thimbleman?

Wie meinst du das?

Letzte Saison hatten wir eine einfache Harpune, erinnerst du dich, die schleuderten wir nach dem Wal, es ging auf Leben und Tod, und diesmal setzen wir die Sprengkopflanzen ein, die Eldin den Männern in der Walstation abgeschwatzt hat. Du hast selbst erlebt, daß der Wal kaum mehr eine Chance hat.

Kann sein du hast recht, Ausguck, und die Sprengkopflanze wäre eine frühe Innovation. Doch irgendwann, sage Gramner, werden die technologischen Revolutionen überhand nehmen, das Maschinenwesen breitet sich aus, und du erkennst den Menschen nicht wieder, so ausgezehrt, so verkümmert, seine Seele verängstigt, ein unvergleichliches Elend. Nein, auch Gramner wisse nicht, welcher Weg da hinausführe.

Er zweifle daran, daß es diesen Weg gibt, Thimbleman.

Der Ausguck stand auf und schlug einen Salto.

Thimbleman ging die wenigen Schritte zum Wasser und schwamm einige Züge.

| WOLF SENFF

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