Trauerarbeit

Kinderbuch | Alicia Acosta: Balou und ich

Ein Bilderbuch mit nicht ganz einfachem Inhalt, vielleicht auch nicht für jede Lese- Gelegenheit geeignet, vielleicht auch nicht zum Alleinlesen, aber ein Bilderbuch voller Gefühle, die im Leben, egal wie alt man ist, eben schon einmal vorkommen können. Von BARBARA WEGMANN

Ein kleines Kind vor einem großen Hund»Balou war sehr, sehr alt. Das wusste ich. Er war sehr alt und sehr müde.« Da ist ein kleines Kind, dessen ganzes Herz an Balou hängt. Sorge und Angst um den vierbeinigen Begleiter und dicksten Freund sollen sich bewahrheiten: »Eines Tages schaute Balou uns an, wedelte mit dem Schwanz, schloss die Augen und starb.«

Eine riesige Herausforderung für Eltern, Verwandte, Freunde, aber natürlich erst recht für das kleine Kind selbst. Wie umgehen mit der so unbekannten Trauer, wie Gefühle artikulieren, wenn man gar nicht weiß, wie man mit ihnen klarkommen soll. Was tun ohne den geliebten Hund? Und vor allem: was tun, wenn dann noch diese große schwarze Wolke kommt, die sich auf den Kopf setzt und so schwer ist. »So schwer, dass ich kaum noch hochgucken konnte.«

Alicia Acosta geht an die Geschichte mit ausgesprochen viel Fingerspitzengefühl heran. Eine Geschichtenerzählerin aus Andalusien ist sie, Psychologin ist sie, und das ist eine wunderbare Kombination, um mit manchen gar nicht so einfachen Themen, zum Beispiel dem Tod Balous, ganz sensibel umzugehen. Gut wird mit diesem Buch klar und vorstellbar, dass die Autorin auch in Schulen mit Gruppen von Kindern arbeitet, um ihnen generell die Freude am Lesen zu vermitteln.

Nein, dies ist kein Buch, das man jeden Tag zum Einschlafen lesen wird, vielleicht ist es auch besser, diese Fülle an Gefühlen und Gedanken mit einem erwachsenen Leser zu teilen, vielleicht werden da Fragen sein, vielleicht eine ganz ähnliche Situation mit eigenem Haustier. Dennoch: Es ist ein Buch mit viel, viel Tiefe, die schwarze Wolke, die kommt, und die vielen Tränen. Aber sind die Tränen auf die Seife in den Augen zurückzuführen? Und dann kommt da auch noch ein Tintenfisch, der seine vielen Arme um das Herz des Kindes schlingt, »weg mit dir, du Untier«. Herzschmerz sei es, sagt die Oma, es sei normal, dass einem zum Weinen zumute sei, die Mama, das Kind vermisse eben sehr den Hund, tröstet der Papa. Trost, wie gut und wichtig, aber die Kraft, sich von der schwarzen Wolke zu befreien, die kommt aus dem Kind selbst: Plötzlich kommen da immer mehr Erinnerungen, die vielen lustigen Situationen, die Balou und das Kind erlebt haben. Erinnerungen, die schwarze Wolke und Tränen vertreiben.

Mercè Gali, die Illustratorin, sie stammt aus Barcelona, nimmt sich der Geschichte über Tod und tiefe Freundschaft mit einem ganz besonderen Malstil an: Geradezu minimalistisch sind ihre Bilder. Aber: Kommen die gewaltigen Emotionen ins Spiel, dann laufen die Malstifte zu Höchstformen auf, die dicke dunkle, schwarze Wolke, die langen, Angst einflößenden, bedrohlichen Arme des Tintenfischs, die vielen Tränen, die fast die ganze Wohnung unter Wasser setzen. Sehr zurückhaltend mit Farben und Details, konzentriert sich Mercè auf das Wichtigste: Die Trauer, die wie ein Überfall dem Kind von einem Tag auf den anderen so zu schaffen macht, die Kraft, darüber hinwegzukommen und das warme und wohlige Gefühl, dass es Erinnerungen gibt, die viel Kraft und Freude beinhalten und die nie sterben werden.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Alicia Acosta: Balou und ich
(Peque y yo, 2022) Illustriert von Merè Gali
Aus dem Spanischen von Ursula Bachhausen
Hamburg: Carlsen Verlag 2024
40 Seiten, 13 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren

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