Der Trost einer helfenden Hand

Roman | Ralf Rothmann: Museum der Einsamkeit

Nach seinen viel beachteten Ruhrgebiets-, Kriegs- und Berlinromanen, nach einer Fülle an literarischen Auszeichnungen zeigt sich Ralf Rothmann im neuen Erzählungsband auf der Höhe seines Schaffens. Das Museum der Einsamkeit archiviert auf den ersten Blick alltägliche Szenen, die jedoch in ihrer Dringlichkeit und Wahrhaftigkeit ans Herz gehen. Sanft abgemildert von einer feinen Ironie – wie dem kleinen Versprecher, durch den die titelgebende Geschichte zu ihrem Namen kommt. Von INGEBORG JAISER

Meisterhaft gleich die erste Erzählung Normschrift, die in den späten 1960, frühen 1970er Jahren angesiedelt ist und wohl Spuren von Rothmanns eigener Sozialisation trägt. Auf den ersten Blick könnte das trügerische Szenarium einem Schullandheim oder Internat entliehen sein, doch selbst als man die »Schulbaustelle« als eine Art Pflichtpraktikum für angehende Bauhandwerker begreift, nimmt man dem Ich-Erzähler Simon das schiere Glück über Freiheit, erste Liebe und eine privilegierte Bürotätigkeit ab. Bis sich der Schmerz als Liebes- und Vertrauensbruch, als pure Gewalt in den sommerlichen Ausnahmezustand einnistet. Selbst die titelgebenden Normen und Regeln vermögen die verwirrenden Grenzüberschreitungen nicht mehr einzuhegen.

Treffender könnte das Cover eines Buches kaum seinen Inhalt widerspiegeln: die stahlblauen Blüten der Kugeldistel vereinen den Anschein kratzbürstigen Widerstands mit frappierender Schönheit und Reinheit. Im Spannungsfeld der Emotionen und Lebenslagen bewegen sich alle neun Erzählungen, die Ralf Rothmann in seinem Museum der Einsamkeit versammelt, wie ein Archivar menschlicher Gemütsregungen. Vom Schicksal gebeutelt sind all seine Figuren, auch wenn hinter ihrer existentiellen Verlassenheit, Verlorenheit, Einsamkeit und Verzweiflung immer ein kleiner Lichtblick hervorblitzt, die Illusion eines Rückhalts. Das gibt allen Geschichten einen Hauch von Zuversicht, selbst in aussichtslosen Momenten.

Versehrtheit und Verzweiflung

Da ist der sechsjährige Tim, der auf den kleinen, behinderten Bruder aufzupassen hat, während sich die Eltern beim abendlichen Revierfest vergnügen (Budenzauber). Natürlich entgleist die häusliche Situation zur Unzeit. Als die Eltern im Morgengrauen zurückkehren, finden sie die Buben inmitten eines unvorstellbaren Durcheinanders gemeinsam im Laufstall vor, während der kleine Bruder jene gerupfte Taube umarmt, die der Vater noch am Nachmittag getötet hat. Herzergreifend auch die Erzählung Herr Dingens, in der ein Pfarrer am Bett seiner krebskranken Tochter die Aussichtslosigkeit mit beherztem Witz zu lindern versucht, wie in seinem Alltag, »eine Art geistige Prophylaxe, um nicht krank zu werden von all dem Leid und der Sentimentalität, die manche Gemeindemitglieder auf einem abluden, oft halbe Stunden lang.«

Physische und psychische Versehrtheit zieht sich als Motiv durch sämtliche Erzählungen und markiert die Personen: Schlaganfall, Krebs, Hüft-Operation, ein hängendes Augenlid. Doch die täglichen Anforderungen kennen keine Gnade. So flüchtet sich ein invalider Hilfsarbeiter nach jahrzehntelanger Schufterei (»weil du den Zementsack nicht hochkriegst, kannst du den Akkord natürlich vergessen«) mit einer ebenfalls geschundenen Seele in einen düsteren Heiligabend, milde von Sex und Alkohol betäubt (Engel auf Krücken).

Chronist der Arbeiterklasse

Jede Geschichte trägt einen Moment der Ungeheuerlichkeit in sich, einen kaum fassbaren Schrecken. Zuweilen fühlt man sich getrieben, manche Passagen wiederholt zu lesen, in der vagen Ahnung, man könne sie missverstanden haben. Doch Ralf Rothmann ist ein Meister der klaren Worte, vor allem dann, wenn er als »Chronist des Ruhrgebiets« seine Romane und Erzählungen im Bergarbeitermilieu verortet, im Lebensraum der kleinen Leute. 1953 in Schleswig geboren, muss er einst als Fünfjähriger den Umzug seiner Familie nach Oberhausen als tiefen Kulturschock empfunden haben. Das soziale Umfeld der Arbeiterklasse, ihre Sorgen und Nöte, ihre unverblümte Sprache (»Keinen Arsch in der Hose, aber La Paloma pfeifen, was?«) durchziehen viele seiner Texte.  Nach großen Werkzyklen und zahlreichen renommierten Preisen – zuletzt 2023 der Thomas-Mann-Preis – erscheint das Museum der Einsamkeit wie die verdichtete Essenz seines bisherigen literarischen Schaffens. Denn jede Erzählung birgt die Macht und Aussagekraft einer ganzen Lebensgeschichte, zeugt von großer Wahrhaftigkeit, ehrlich und ungeschönt.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Ralf Rothmann: Museum der Einsamkeit
Berlin: Suhrkamp 2025
267 Seiten. 25 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Ralf Rothmann in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zoff im Boot

Nächster Artikel

The Last of Us: Confronting Humanity Through Forced Choices

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Die unendliche Bedeutungslosigkeit des Seins

Roman | Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit Milan Kundera zeigt in seinem neuesten Roman ›Das Fest der Bedeutungslosigkeit‹, dass er dem Ruf, einer der bedeutensten zeitgenössischen Romanciers Europas zu sein, mehr als gerecht wird. Die Erkenntnisse, an denen er VIOLA STOCKER teilhaben ließ, zeugen von großer Weisheit und Gleichmut des Alters. All der Zorn, der ihn als Ausgeschlossenen verfolgt hatte, scheint verflogen und seine traurige Komik gipfelt im Bild des französischen Bauern Stalin, der es nicht mag, wenn Genosse Kalinin Statuen französischer Königinnen anpinkelt.

Klick und ratsch!

Roman | Nina Sahm: Das letzte Polaroid Übermütige Momentaufnahmen und eine innige Mädchenfreundschaft, trügerische Erinnerungen und die Vergänglichkeit aller Dinge sind die verbindenden Themen von Nina Sahms leichtfüßigem Erstlingsroman. Was passiert, wenn das Schicksal zuschlägt und als Andenken nur noch Das letzte Polaroid übrig bleibt? Von INGEBORG JAISER

Schreiben, um zu verstehen

Roman | Javier Cercas: Die Erpressung

Auf den ersten Blick kommt der neue Roman des 60-jährigen Spaniers Javier Cercas wie ein Kriminalroman daher. Je tiefer man allerdings in die Handlung eindringt, öffnen sich brisante hochpolitische Türen. Von PETER MOHR

Der Papst ist tot – es lebe die Intrige

Roman | Robert Harris: Konklave Wer ist oben, wer ist unten in der Welt? Wer hat die Macht, wer lechzt nach ihr und wer fällt ihr zum Opfer? Das sind Fragen, die Robert Harris von jeher interessieren. Und er kleidet sie in bunte, abenteuerliche Gewänder, erfindet zwischen ihren Trägern – ob sie nun im faschistischen Deutschland, im alten Rom oder im stalinistischen Russland agieren – spannende Konflikte und verkauft das Ganze an Millionen Leser in aller Welt. Robert Harris’ ›Konklave‹ – eine Besprechung von DIETMAR JACOBSEN

Bachmann, Börner, Overkill

Literatur | 39. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Klagenfurt Seit fast vier Dekaden lädt Klagenfurt zum jährlich stattfindenden Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ein und sorgt zuweilen für Skandale, Eclats, literarische Überraschungen. 2015 versprach bereits im Vorfeld, ein starker Jahrgang zu werden, mit erstaunlich vielen Multitalenten und Mehrfachbegabten. INGEBORG JAISER genoss den Vornamens-Bonus und verfolgte das Geschehen vor Ort.