In Anna Mais Debütroman geht es um mehr als nur um die Wurst

Roman | Anna Mai: Broilerkomplott

Antonia Hansen, kurz Toni genannt, will der erfolgreichen Fleischgroßhändlerin Scherer nur ihre Grenzen aufzeigen. Doch dann wird sie Zeugin eines Mordes und die kleine Welt um sie herum kommt auf eine Art und Weise in Bewegung, die alles andere als gut ist. Nina Hempel arbeitet als Polizistin im Landkreis Oder-Spree. Von Toni Hansen unterscheidet sie eine ganze Menge – nicht zuletzt die Tatsache, dass ihrem Handeln enge Grenzen gesetzt sind. Vorgesetzte, Arbeitsroutinen, Weisungsgebundenheit – wie soll man da zu sich selbst kommen? In Anna Mais Romanerstling Broilerkomplott treffen diese beiden Frauen aufeinander und Leserinnen und Leser merken schnell, dass sie sich gar nicht so unähnlich sind. Von DIETMAR JACOBSEN

Er bricht dem Chauffeur, nachdem er ihn von hinten niedergeschlagen hat, kaltblütig das Genick und verstaut den Toten dann im Kofferraum von dessen Mercedes. Antonia Hansen, die alle Toni nennen, will ihren Augen nicht trauen. In Letztere läuft gerade ohnehin der Schweiß. Denn sie hat sich für eine Protestaktion gegen das Imperium der Fleischgroßhändlerin Beate Scherer eine Hühnermaske aufgesetzt und lauert zusammen mit ein paar Freunden in der Tiefgarage einer Potsdamer Bank auf das Erscheinen der ebenso geschäftstüchtigen wie skrupellosen Frau. Als sie plötzlich Zeugin des Mordes an deren langjährigem Fahrer wird, ist an Protest natürlich nicht mehr zu denken. Und als die Scherer kurz darauf den Toten entdeckt und kaltblütig mit der Leiche an Bord den Tatort verlässt, ahnt Toni, dass sie da in etwas hineingeraten ist, das ihr noch große Probleme bereiten wird.

Zwei Frauen wollen mehr

Für Nina Hempel hingegen, die Polizeiobermeisterin aus dem Landkreis Oder-Spree, wären richtige Probleme endlich einmal das, was ihrem tristen Berufsalltag zwischen Kneipenschlägereien und Hühnerdiebstählen den erhofften Kick geben könnte. Zu monoton verläuft ihr Polizistinnendasein in der Brandenburger Provinz. Da scheint die verkohlte Leiche hinter dem Steuer eines gegen einen Baum gerasten Fahrzeugs doch zumindest ein Anfang zu sein. Und weil es sich bei dem Toten um den Chauffeur einer überregional bekannten Geschäftsfrau handelt, steckt vielleicht mehr hinter dem Crash als nur Alkohol. Deshalb beginnt die sich nach Action sehnende Dorfpolizistin auf eigene Faust im Umkreis des Scherer Fleisch- und Wurstgroßhandels zu ermitteln. Denn dass bei einer Potsdamer Dienststelle ein anonymer Hinweis eingegangen ist, der ihr Unfallopfer und dessen Ermordung mitten in der Landeshauptstadt betraf, hat sie aufmerken lassen. Am Ende ist ja genau das der Fall, auf den sie seit Jahren wartet.

Broilerkomplott ist der erste Roman der in Potsdam lebenden und arbeitenden Anna Mai. Als Geschäftsführerin einer brandenburgischen Umweltorganisation hat sie mit den Problemen, die sie in ihrem Debüt thematisiert, selbst beruflich eine Menge zu tun. Kein Wunder deshalb, wie lebensnah die meisten ihrer Figuren – seien es junge Umweltaktivistinnen und-aktivisten, für ihren Profit über Leichen gehende Geschäftsmänner und -frauen, hintertriebene Anwälte oder Kleinkriminelle, die vom großen Kuchen auch ein Stück abhaben wollen – daherkommen. In Mais Geschichte sind sie geschickt und nicht ohne Witz um zwei Heldinnen herum gruppiert, die zumindest eint, dass sie mehr haben wollen, als ihr gegenwärtiges Leben hergibt.

Konkurrenten und krasse Killer

In was sowohl Toni als auch Nina da eigentlich hineingeraten sind, stellt sich in Anna Mais Roman erst allmählich heraus. Dann aber mischen plötzlich habgierige Konkurrenten der marktbeherrschenden und mit Slogans wie »Lust auf scharfe Schenkel?« den Fleischkonsum Ankurbeln wollenden Großhändlerin mit. Und dass ein vollbeladener Truck mit kopflosen Scherer-Hühnern auf seinem Weg nach Polen spurlos von einem Autobahn-Rastplatz verschwunden ist, macht nicht nur die clevere Geschäftsfrau selbst nervös, sondern auch diejenigen, die im Schatten von derem Broiler-Imperium noch ganz andere Geschäfte betreiben. Geschäfte, die so viel abwerfen, dass man sich einen weltweit operierenden Killer leisten kann, wenn es gilt, wieder Ordnung in die durcheinander geratenen Verhältnisse zu bringen.

Auf einen ebenso blutigen wie amüsanten Showdown läuft das Ganze schließlich hinaus. Einen Showdown, den nicht alle der sich in die Broilerschlacht stürzenden Protagonisten und Protagonistinnen überleben. Doch zumindest den beiden weiblichen Hauptfiguren winkt am Ende sogar noch ein bisschen privates Glück. Auch wenn sich Nina Hempel immer noch nicht richtig vorstellen kann, ihr weiteres Leben an der Seite ihres Freundes Piet zu verbringen, der sie hartnäckig mit einem Ring und den an diesen geknüpften Erwartungen verfolgt, und die Stadtpflanze Toni Hansen wohl erst einmal genug hat von brennenden Scheunen und holprigen Radfahrten über dunkle Ackerwege.

Heute bleibt die Küche kalt …

»Broiler« ist ein auch heute noch gern benutztes Wort aus dem Sprachschatz unserer ostdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Allen westelbisch Sozialisierten musste dessen Bedeutung nach der deutschen Wende erst einmal nahegebracht werden. Die wussten im Grunde, worum es sich handelte – das Verspaar »Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald« rief seit den 60er Jahren bei Durchschnitts(west)deutschen mehr Assoziationen hervor als jede Zeile aus der Feder der Weimarer Klassiker –, nannten das Corpus delicti aber bei einem anderen Namen. Dass Anna Mai es nun in den Titel ihres ersten Romans gesetzt hat, sagt nicht nur etwas über den regionalen Background der Autorin aus. Es beweist auch, dass sich mit Hähnchenkeulen und dem Für und Wider gegen Hühnermassenhaltung samt den dazugehörigen Mastanlagen richtig gut Krimi machen lässt – und das sogar politisch völlig korrekt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Anna Mai: Broilerkomplott
Hamburg: Argument Verlag 2025
266 Seiten. 15 Euro
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