/

Demokratie für kleine Knirpse

Kinderbuch | Sophie Schönberger: Das Parlament der Tiere

Das ist alles nicht so leicht: Im Sandkasten werden die ersten Erfahrungen im sozialen Miteinander gemacht: Nimmst du meine Schaufel, krieg ich deinen Bagger. Na ja, nicht immer klappt das o friedlich. Es ist das, was irgendwann später die Welt der Erwachsenen prägen wird, die Auseinandersetzung mit der DEMOKRATIE, in der wir leben. Und um das zu verstehen, kann man mit Erklären nicht früh genug beginnen. BARBARA WEGMANN hat das Buch gelesen.

Viele wilde Tiere haben sich auf einer Lichtung in und um einen Baum versammelt und diskutieren angeregt.Bemerkenswert an diesem gelungenen Bilderbuch ist der Blick auf die Autorin. Sophie Schönberger hat einen Werdegang, der sicher nicht alltäglich ist: Eigentlich wollte sie Konditorin werden, das ist lange her, heute ist sie Professorin für Verfassungsrecht. Aber nie hat sie, erst recht nicht, seit ihre Tochter auf der Welt ist, ihre Leidenschaft für Kinderbücher vergessen, und fragte sich eines Tages: Warum nicht das eine mit dem anderen verbinden? Themen für die Großen können, das belegt dieses Buch aufs Beste, auch Themen für die Kleinen sein. Diesen Bogen schläft die Autorin bravourös. Worum geht es?

Da wächst ein riesiger Pfirsichbaum, den das Eichhörnchen Emily entdeckt hat. Es dauert nicht lange und der Baum hat so üppig viele Früchte, dass er eine große Schar von Tieren aus dem Wald anlockt. Sie reißen sich geradezu um die leckeren Früchte. Eulen, Bären, Hirsche, Maulwürfe, Igel, Waschbären, Mäuse, Hasen, alle wollen Pfirsiche. Emily ruft laut: »Ihr macht noch die ganzen Pfirsiche kaputt.« Zudem könne jemand verletzt werden bei dem Gedränge. »Das muss anders gehen!«

Emilys Stimme hat Gewicht: Ein Parlament der Tiere soll das Chaos beheben. »Wenn viel zu viele Tiere da sind, um vernünftig miteinander reden zu können, dann müssen sie Vertreter schicken.« Gesagt, getan. Jede Tierart, so Emilys Vorschlag, solle drei Vertreter*innen wählen, die nennt man Abgeordnete. Alle machen mit, nur die Wildschweine nörgeln etwas.

Was sich hier tierisch und kindgerecht rund um den begehrten Pfirsichbaum abspielt, kommt Erwachsenen bekannt vor. Wahlen, das Entsenden von Abgeordneten, Abstimmungen, sich für das Leben einer Gesellschaft stark machen, wozu auch manchmal Streit gehört, sich auch für die Schwächsten einsetzen, das ist das tägliche politische Leben. Das System, das dahintersteckt, zieht Sophie Schönberger gekonnt auf eine kindgerechte Ebene. Wie viele Pfirsiche bekommt jede Tiergruppe? Geht es danach, wer das größte Tier ist oder das schnellste? Oder sollen alle gleich viele Pfirsiche bekommen? Die Wildschweine fordern, dass die Waschbären gar nichts bekommen sollen. Die seien blöd und würden stinken, sähen komisch aus und gehörten »eigentlich gar nicht richtig in diesen Wald.« Aber da gibt es auch die Mehrheiten, die bedeutend werden. Und diese Mehrheit bestimmt: Die Waschbären werden selbstverständlich nicht ausgeschlossen, »denn sie gehören genauso zum Wald, wie alle anderen Tiere auch«.

Mehrheiten sind also wichtig, denn wenn alle nur an sich denken, »dann kommen wir nicht weiter.« Es sind Sätze, die auch junge Leser verstehen.

Schließlich skizziert die Berliner Illustratorin Manuela Buske die liebenswerte Wald-Gesellschaft und ihre entstehende Ordnung mit ausgesprochen lebhaften Bildern: eine bunte und so vielfältige Tierschar, alle verfolgen das Geschehen mit großen Augen, erwartungsvoll und neugierig, die nie das aus dem Blick lassen, worum es ja eigentlich geht, die leckeren Pfirsiche. Bilder, die viel dieser Spannung und Aktivität widerspiegeln.

Damit jeder dann auch das bekommt, was alle Tiere beschlossen haben, muss noch eine Regierung gewählt werden, alles soll ganz demokratisch zugehen! Die Begriffe, Demokratie, Parlament, Mehrheit oder Wahlen werden zum Schluss des Buches noch einmal, ganz auf kleine Knirpse zugeschnitten, erklärt. Und die werden es spielerisch aufnehmen. So lernt man sicher gern!

Übrigens: Die Eule Erika hat eine geniale Idee, falls bei der Verteilung der Pfirsiche ein Rest übrig bleiben sollte. Daraus könne man Marmelade machen, meint sie. »Und die wird dann im Winter an die Tiere verteilt, die sonst Hunger leiden müssen.« Was für eine bezaubernde soziale Idee!

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Sophie Schönberger: Das Parlament der Tiere
llustriert von Manuela Buske
Köln: Baumhaus Verlag 2025
32 Seiten, 15 Euro
Kindersachbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Neuigkeiten aus dem Tierreich

Nächster Artikel

Chandler hat ihr Mut gemacht

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Gruseln garantiert

Kinderbuch | Julia Kahrs: Sturm überm Winkelhaus

Ein windschiefes altes Haus, das ewig leer stand und in das keiner einziehen wollte, wird das neue Zuhause von Sam, ihren beiden älteren Brüdern Gabriel und Fleming und ihrer Mutter. Gørja ist auf den ersten Blick eine ganz normale kleine Stadt, auf den zweiten Blick gibt es dort jede Menge Geheimnisse und ungelöste Rätsel. Das wäre eine superspannende Sache, gäbe es da nicht einen schrecklichen Verdacht. Von ANDREA WANNER

Kuckuck, wo bin ich?

Kinderbuch | Lena Hesse: Das kleine Unsichtbar

Imaginäre Freunde haben viele Kinder in einer Phase ihres Lebens. Was ihnen ganz selbstverständlich vorkommt, verunsichert Erwachsene oft. Muss es nicht. ANDREA WANNER hatte Spaß an einem Bilderbuch mit einem unsichtbaren Freund.

Auf der Suche

Jugendbuch | Tracy Holczer: Löffelglück Trauer macht manchmal blind für neue Wege und Möglichkeiten, für angebotene Hilfestellung und Freundschaft. Das braucht es Geduld von allen Seiten, bis es wieder so etwas wie Glück geben kann. Von ANDREA WANNER

Aufmerksame Ohren gefragt

Kinderbuch | Kathrin Rohmann: Der Geräuschehändler bekommt Post

Das erste Buch über den liebenswerten Geräuschehändler mit seinem seltsamen Beruf ist noch nicht vergessen, da kommt dieser neue Band heraus. Ebenso charmant, lesenswert und abenteuerlich und vor allem: mit mindestens genauso viel Fantasie wie das erste Buch, meint BARBARA WEGMANN

Mit Blicken, Lachen und kleinen Missverständnissen

Kinderbuch | Regina Schwarz: Hör mir mal zu!

»Mit wem sprichst du am liebsten?«, fragt Lisas Opa. Lisa überlegt kurz und fängt dann an, Namen aufzuzählen – doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Kommunikation ist viel mehr als Worte: Manchmal sagt ein Blick mehr als tausend Sätze, ein Tonfall verrät, was wirklich gemeint ist, und gelegentlich sorgt ein Missverständnis für ein herzhaftes Lachen. Von ANDREA WANNER