Ein Feinschmecker

Kinderbuch | Nicole Röndigs: Der Marmeladenwolf

Eigentlich gehen alle Kinder immer gemeinsam von der Schule nach Hause in dieser Geschichte. Eigentlich. Quer durch einen großen, dunklen Wald. Aber eines Tages geht der kleine Carlo alleine nach Hause. Und was dann kommt, das ist eine spannende, sehr überraschende und schließlich bezaubernde Geschichte. BARBARA WEGMANN hat sie gelesen.

Ein Wolf steht am Herd und kocht Marmelade ein. Zwei Kinder beobachten ihn durch ein Fenster.Der kleine Carlo ist ganz schön erschrocken, als er auf dem Heimweg auf einen Wolf trifft, der ihm auch noch in Aussicht stellt, ihn fressen zu wollen. »Lieber nicht,« sagte Carlo schnell, »Ich hatte gerade Blauzungenfieber. Bestimmt bin ich noch ansteckend«. Das sei ganz schön schlimm, schwindelt Carlo sehr mutig weiter: erst juckten die Füße, dann werde es einem schwindelig und schließlich habe man eine blaue Zunge. Ganz und gar nicht schön! Na gut, überlegt der arg hungrige Wolf haarscharf, dann fresse er ihn eben ohne die Zunge. Irgendwie tut Carlo der Wolf leid und er begeistert ihn schließlich erfolgreich für Oma Suses Pausenbrot mit Erdbeermarmelade. So weit, so gut. Was aber passiert, wenn ein Wolf auf den Geschmack kommt, immer mehr Brote mit Marmelade essen will? »Um ihren Enkeln den Wolf vom Hals zu halten, mussten die Omas im Dorf noch viel mehr Marmelade kochen als sonst.« Eines Tages aber sagt Oma Suse: »Ab sofort schmieren wir unseren Enkeln nur noch Käsebrote.« Oh, oh, natürlich verärgert sie den Wolf damit, die Kinder werde er auffressen, schreit er außer sich. Aber da hat Oma Suse einen genialen Vorschlag.

Was für eine hübsche Geschichte. Nicht nur die Angst vorm immer so bösen Wolf wird hier genommen, man denke nur an den sonst immer so unberechenbaren Wolf wie im Märchen vom Rotkäppchen zum Beispiel. Nein, die tierische Hauptrolle in dieser Geschichte spielt ein ungewöhnlicher Wolf, der seine Vorliebe für Süßes entdeckt, der sogar eine Berühmtheit wird im Laufe der Geschichte und schließlich … – das wird nicht verraten.

Ausgesprochen witzig und liebenswert hat Katja Gehrmann diese spannende Geschichte illustriert: ein großer grauer Wolf mit riesigen Zähnen, drohend, in Angriffslust, und dann ein fast zahmes Tier, mit dem man ja vielleicht sogar Freundschaft schließen kann. Seitenfüllend sind die bunten, farbigen Bilder, viel Bewegung liegt in ihnen, einfach wunderbar die große Runde der Marmelade kochenden Omas. Viele Preise für ihre Illustrationen hat die 1968 geborene Katja Gehrmann bereits erhalten, das glaubt man nach dieser Geschichte gern, lebendig, voller Aktivität, lebhaft und munter sind ihre Bilder.

Aber die Geschichte selbst gibt natürlich eine herrliche Vorlage für die Bilder, schließlich ist die Handlung so ungewöhnlich und entspricht so gar nicht dem Image des sonst bösen Wolfs. Nicole Röndigs wurde 1975 in Stade geboren und schreibt unter anderem auch Geschichten für die Radiosendung »Ohrenbär«. Und wer diese Geschichte kleinen Zuhörern vorliest, wird schnell merken, wie gut sie sich lesen lässt: viel wörtliche Rede, eine plakative Sprache und klare Sätze. Auch hier hört man gerne zu!

Apropos schreiben: Wer kann sich vorstellen, dass der Wolf einen Ratgeber für seine Artgenossen schreibt? Für Wölfe, die »von Kindern auf Marmelade umsteigen wollen?« Ja, so ist es. Wer’s nicht glauben mag, lese die Geschichte bis zum Ende, denn da gibt es noch ein leckeres Marmeladenrezept: »Waldbeermarmelade à la Wolf.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Nicole Röndigs: Der Marmeladenwolf
Illustriert von Katja Gehrmann
München: cbj 2023
32 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von Sydneys Opernhaus bis zur Elbphilharmonie

Nächster Artikel

Versteckspiel

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Grandiose Rückzugsorte

Kinderbuch | Camille Garoche: Der große Baumhaus-Wettbewerb

Baumhäuser gehören ganz sicher zu den großen Träumen, die jedes Kind hat. So ein Ort in luftiger Höhe, in dem man sich verstecken kann, seine Ruhe hat vor nervigen Erwachsenen, den eigenen Gedanken nachhängen kann und in dem nach eigenen Vorstellungen gestalteten Raum sich selbst gehört. So gesehen übertrifft dieses Bilderbuch alles, was man sich wünschen kann, findet ANDREA WANNER.

Altbewährtes ganz neu

Kinderbuch | Josephine Mark: Der Bärbeiß

Über zehn Jahre alte sind die Annette Pehnts Geschichten vom Bärbeiß, der seine schlechte Laune liebt und sie sich durch – fast – nichts verderben lässt. Aber egal wie miesepetrig er drauf ist: das Tingeli wird nicht müde, seine gute Laune und seinen Charme an ihn zu verschwenden. Besser geht’s nicht, dachte ANDREA WANNER. Und dann hat sie die neue Ausgabe in die Hand bekommen ...

Wahre Freundschaft

Kinderbuch | Anitra Rowe Schulte: Der kleine Hase und die alte Weide

Bevor ich noch die Geschichte las, hat mich die wundervolle Illustration geradezu gefangen genommen: BARBARA WEGMANN freute sich auf Buch, Inhalt und Text.

Bilder an der Wand, Risse in der Zeit

Kinderbuch | Maja Ilisch: Die verborgenen Bilder

Frieke hasst den Umzug, hasst die neue Wohnung. Aber es gibt etwas, das sie beinahe mit dem erzwungenen Neuanfang versöhnt: Beim Renovieren tauchen unter den alten Tapeten Zeichnungen auf, die sie magisch anziehen. Von ANDREA WANNER

Tierisch gut

Kinderbuch | Arne Rautenberg: Mut ist was Gutes

Dem kleinen Schwein mit dem Badehöschen, aus dem das Ringelschwänzchen rausguckt, das die Augen zusammenkneift und mit den Armen seine Beinchen fest umklammert ist anzusehen, dass der Sprung ins Nass einfach pures Vergnügen ist. Vielleicht hat es ein bisschen Überwindung gekostet, jetzt im Flug ist es einfach Spaß. Freude, die ansteckt, findet ANDREA WANNER.