Von Massachusetts nach Jerusalem

Roman | John Irving: Königin Esther

»Das Schreiben wird leichter, wenn es die einzige Arbeit ist. Man wird anspruchsvoller, konzentrierter – man kann langsamer und sorgfältiger schreiben«, hatte der amerikanische Erfolgsautor John Irving vor einigen Jahren in einem Interview über altersbedingte Veränderungen in seinem Schreiben erklärt. Von PETER MOHR

Seine 15 Romane wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, mindestens die Hälfte davon waren weltweite Bestseller, und doch fällt Irvings Bilanz nicht rundherum positiv aus. Er hadert damit, dass ihm in seiner amerikanischen Heimat nicht die ganz große Aufmerksamkeit zuteilwird, und dass er sich wegen seiner kritischen Positionen zum Vietnamkrieg und zur Abtreibung sogar heftiger Anfeindungen ausgesetzt sah. »In Europa sind Schriftsteller wichtig und werden zur Lage im Land und in der Welt gefragt, weil erwartet wird, dass sie eine Meinung haben«, bemerkte er einmal mit neidvollem Unterton. Die Lektüre der ›Blechtrommel‹ (mit Günter Grass verband Irving eine enge Freundschaft, und er hielt 2015 im Lübecker Theater gar eine Trauerrede auf den Nobelpreisträger) soll für ihn ein Initiationserlebnis gewesen sein.

Vor zwei Jahren war John Irvings 15. Roman ›Der letzte Sessellift‹ erschienen, ein Familienpanorama über einen Drehbuchautor und ein Plädoyer für queere Lebensentwürfe – über tausend Seiten stark, und es sollte der letzte Roman gewesen sein. Doch in inzwischen 83-jährige Irving, der heute in Toronto lebt, weil er mit den Trump-USA gebrochen hat, ist rückfällig geworden.

Sein neuer, weit ausschweifender Roman, in dessen erstem Satz von einem Josiah Winslow im Jahr 1629 die Rede ist, reicht über mehr als 300 Jahre hinweg von Massachusetts nach Jerusalem.

Im Mittelpunkt steht Esther Nacht, eine in Wien geborene jüdische Waise, deren Mutter nach der Übersiedlung in die USA Anfang des 20. Jahrhunderts in Portland von Antisemiten ermordet wurde. Esther wächst im für Irving-Leser bekannten Waisenhaus St. Cloud’s in Maine bei Dr. Larch auf – jener moralischen Instanz aus ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹ (1985). Sie verbringt in jungen Jahren einige Zeit als Kindermädchen bei einer Familie Winslow, deren vertrackte Familiengeschichte wir ebenfalls begleiten. Esther tritt erst auf Seite 108 in die Handlung ein – als selbstbewusster 14-jähriger, aber älter wirkender Teenager. Bis dahin haben wir schon eine ganze Menge über die Kleinstadt Pennacook in New Hampshire, die belesene Familie Winslow, ihre Töchter und die wie Familienmitglieder behandelten Au-Pair-Mädchen erfahren.

Jimmy wächst in jener hoch gebildeten Familie Winslow auf, wird von Honor großgezogen, seine leibliche Mutter ist aber Esther, die er noch nie gesehen hat. Es wimmelt, wie bei Irving durchaus üblich, von schrägen Figuren, die mit reichlich Schicksalsschlägen zu kämpfen haben und wie besessen in der eigenen Familiengeschichte graben.

Es geht um jüdische Identität und mal latenten, mal offenen Antisemitismus, um Herkunft und Identität. Irving bedient sich mit Versatzstücken aus früheren Romanen, die ziemlich willkürlich in den Roman »eingepflanzt« wurden: die Stadt Wien, der Handlungsort Maine an der US-Ostküste, turbulente sexuelle Abenteuer und die zum festen Irving-Repertoire gehörenden Beschreibungen von Waisenhäusern und aus dem Ringer-Milieu. Das Rekonstruieren der eigenen Biografie bereitet auch Esthers Sohn Jimmy, der von Honor eines Tages erfährt, dass er zwei Mütter hat, große Probleme und schmerzhafte Einsichten. Jimmy steht (auch das ist ein bekannter Irving-Baustein) am Anfang einer Schriftsteller-Karriere und kommt wie Irvings fiktives Alters-Ego daher.

Ganz am Ende treffen Esther, die inzwischen für den israelischen Geheimdienst tätig ist, und Jimmy in Israel aufeinander, das wirkt wie ein Happy-End mit der Brechstange – eingerahmt von einer Überdosis an Symbolik – die Figur der Esther Nacht ist ganz offensichtlich inspiriert von der jüdischen Königin Esther aus dem Alten Testament.

John Irving hat in diesem Roman jede Menge Erzählgestrüpp und noch mehr volkshochschulhafte Exkurse über Gott und die Welt aufgetürmt. Dem Leser fällt es schwer, hier einen erzählerischen »roten Faden« zu finden. Die ›Washington Post‹ urteilte nicht zu unrecht, das sei nicht story telling, sondern Wikipedia-Literatur.

»Die Geschichte kann nicht revidiert oder neu geschrieben werden. Die Handlung dieses Romans spielt sich viel früher ab als die Ereignisse vom 7. Oktober und alles, was seit den Terroranschlägen und der Geiselnahme in Israel geschehen ist«, hatte Irving bei der Buchpremiere erklärt und seinem Roman damit einen bedeutenden »politischen Anstrich« verleihen wollen.

›Königin Esther‹ bietet alles andere als ein erzählerisches Feuerwerk, es ist eine zähe, bisweilen ermüdende literarische Langstrecke, auf der die Orientierung mitunter verloren geht und man sich als Leser wie aus einem Irving-Baukasten bedient fühlt.

| PETER MOHR

Titelangaben
John Irving: Königin Esther
Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg und Eva Regul
Zürich: Diogenes 2025
550 Seiten. 32 Euro
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