Auf der Seite der Guten

Roman | Jan Costin Wagner: Am roten Strand

Zum zweiten Mal ermitteln in Jan Costin Wagners neuem Roman die Wiesbadener Polizisten Ben Neven und Christian Sandner. Es geht um den Pädophilenring, auf den sie schon bei der Aufklärung ihres ersten Falles – 2020 in dem Roman Sommer bei Nacht – um den entführten kleinen Jannis gestoßen waren. Doch in Am roten Strand wird nicht nur intensiv gegen Pädophile ermittelt, sondern die Täter selbst müssen vor einem Mörder geschützt werden, der der Polizei offensichtlich nicht vertraut und deshalb das Recht in die eigenen Hände genommen hat. Von DIETMAR JACOBSEN

»Delikte am Menschen« heißt die Abteilung der Wiesbadener Polizei, zu der Ben Neven und Christian Sandner gehören. Die beiden besaßen in Jan Costin Wagners Roman Sommer bei Nacht (2020) einen großen Anteil daran, dass pädophilen Tätern rund um den hessischen Campingplatz »Am roten Strand – Seeblickcamping« ihr schmutziges Handwerk gelegt werden konnte.

Ben Neven tat sich dabei besonders hervor, indem er, um das Leben eines kleinen entführten Jungen zu retten, einen der Entführer erschoss. Doch der Mann, den die Medien daraufhin als Helden feierten, ist selbst höchst gefährdet. Immer wieder muss der Familienvater gegen seine eigenen pädophilen Neigungen ankämpfen. Aber weil es zu seinem Job gehört, Abertausende von kinderpornographischen Fotos und Videos zu sichten, verliert er diesen Kampf auch regelmäßig.

Die späte Rache großer Kinder

Wagners neuer Roman Am roten Strand beginnt damit, dass die Untersuchung von Bens tödlichen Schüssen auf einen gewissenlosen Mann, der gerade dabei war, einen unschuldigen Jungen zu töten und auf einer Waldlichtung zu vergraben, durch eine interne Kommission keine strafbaren Verstöße des Polizisten ergibt. Also weitermachen da, wo man aufgehört hat, denn mit der Rettung eines Kindes ist eines der grausamsten und verstörendsten Verbrechen noch lange nicht aus der Welt geschafft. Gerade weil die Täter mitten unter uns leben, gut situierte und in der Regel eher harmlos wirkende Ehemänner sowie häufig genug selbst Väter kleiner Kinder sind, ist ihnen schwer auf die Spur zu kommen. Und die Kanäle, über die man miteinander in Kontakt kommt, sich austauscht und zu gemeinsamen Taten verabredet, sind in Zeiten des Internets und seiner dunklen Ecken gut versteckt und bedürfen zu ihrer Überwachung eines beständig wachsenden Personalaufwands, der in Zeiten immer knapper werdender Ressourcen auch bei der Polizei stets auf’s Neue begründet werden muss.

Da hat es jener Unbekannte leichter, der die Szene genau kennt, weil es ihm mit Hilfe eines Freundes gelungen ist, in die Chaträume des pädophilen Netzwerks einzudringen, und der sein Insiderwissen dazu nutzt, Rache zu nehmen für einst erlebtes Unrecht. Zwei Tötungsdelikte innerhalb kürzester Zeit rufen die Wiesbadener Kriminalpolizei auf den Plan. Wo man bald erkennt, dass zwischen den geschickt arrangierten Morden an einem inhaftierten Sexualstraftäter und einem seine vierjährige Tochter im Internet anbietenden Biedermann sowie dem aktuellen Kampf gegen einen im Laufe der Ermittlungen immer größer werdenden Kreis von Sexualstraftätern ein enger Zusammenhang besteht. Aber soll man wirklich jemand zur Strecke bringen, der diejenigen umstandslos aus dem Verkehr zieht, gegen die man oft selbst keinerlei Handhabe besitzt? Eine geradezu paradoxe Situation – in der sich Neven, Sandner und die anderen aus ihren Team dennoch als Polizisten zu verhalten haben.

Die Perspektive der Opfer

Am roten Strand ist – wie man das von den sechs Bänden von Jan Costin Wagners Kimmo-Joentaa-Buchreihe, erschienen zwischen 2003 und 2017, bereits gewöhnt ist – ein stiller Roman. Allenfalls einmal am Rande benutzt der Autor Action-Elemente. Ansonsten interessiert ihn mehr die psychologische Verfasstheit seiner Figuren, zwischen denen die Perspektive der vielen kurzen Szenen, aus denen der Roman gebaut ist, immer hin und her wechselt. Ben Neven mit seinem dunklen Drang, dem er auch in diesem Roman ganz nahe kommt, wenn er der Anziehungskraft eines Flüchtlingsjungen, der sich mit anderen auf einem Dortmunder Parkplatz prostituiert, nur knapp widersteht, Christian Sandner, der gegen seine Einsamkeit ankämpft und dabei jenen, nach denen er als Polizist sucht, näher kommt, als er ahnt, Landmann, der aus dem Dienst ausgeschiedene »ewige Mentor« Bens, der, sich selbst quälend, nach den Ursachen für den Suizid seiner Tochter Barbara sucht oder der junge Anwalt Torben Strate, dessen moralisches Dilemma darin besteht, dass seine Freundin Jennifer ein Kind erwartet, während er als Pflichtverteidiger einem Pädophilen zur Seite stehen muss – sie alle eint eine Weltsicht jenseits von Optimismus und Zuversicht.

Rezensenten hatten am Vorgängerroman Sommer bei Nacht bemängelt, dass bei den vielen Perspektiven, aus denen dessen Geschichte erzählt wurde, eine fehlt: die der Opfer. Die wird in Am roten Strand nun nachgereicht. Allerdings sehen die, welchen einst Gewalt angetan wurde, offenbar keine andere Möglichkeit, die Welt für sich und andere wieder in Ordnung zu bringen, als selbst zum Mittel der Gewalt zu greifen. Angesichts der Tatsache, dass sich sogar Polizisten wie Ben Neven, die man mit der Verfolgung dieser Straftaten beauftragt hat, unter jenen befinden, gegen die ermittelt wird, erscheint Selbstjustiz in der Tat fast wie ein letztes Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen. Das ist keine frohe Botschaft, nichts, das aufatmen lässt. Aber im Romankosmos von Jan Costin Wagner im Grunde auch nichts Neues.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Jan Costin Wagner: Am roten Strand
Berlin: Galiani Verlag 2022
301 Seiten. 22 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Pure Anarchie

Nächster Artikel

Patchwork-Familie als Experiment

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Wenn der Eismann zweimal klingelt

Live | 41. Tage der deutsch-sprachigen Literatur in Klagenfurt »Germanisten-Porno« nannte es die ehemalige Preisträgerin Nora Gomringer, »Beachvolleyball-Turnier für Literatur« der Juror Klaus Kastberger: den jährlichen Wettbewerb um den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis, zu dem zur besten Sommerfrischezeit die Stadt Klagenfurt in diesem Jahr eingeladen hatte. Von INGEBORG JAISER

Zerstörerisches Doppelleben

Roman | Javier Marías: Berta Isla Welch ein Romaneinstieg! »Es gab eine Zeit, da war sie sich nicht sicher, ob ihr Mann ihr Mann war.« Damit sind Zweifel und Misstrauen gesät, die wie in einer Endlosschleife als permanente Hintergrundmusik die mehr als 600 Seiten umfassende Handlung des neuen Romans des großen spanischen Autors Javier Marías begleiten. PETER MOHR über einen Roman, der Schein und Wirklichkeiten auslotet.

Der Roman als Dolmetsch eines russischen Jahrhunderts

Roman | Michail Schischkin: Venushaar Um es gleich vorweg zu sagen: Man muss der DVA sehr dankbar sein, dass sie uns nun mit seinem schon 2005 erschienenen Roman ›Venushaar‹ einen Autor vorstellt, der allein aufgrund dieser 536 Seiten ohne Zweifel zu den literarischen Größen unserer Gegenwart zählt. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Der Zufall ist auch nur eine Variable

Roman | Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

Das Leben steckt voll ungeahnter Möglichkeiten und Entscheidungen. Wer kennt schon alle Spielregeln, so wie diese: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. Variantenreich und mit überbordender Fabulierlust schickt der Autor Saša Stanišić seine Figuren in einen Proberaum erweiterter Eventualitäten und Träume. Von INGEBORG JAISER

Die Griechen schreiben schon wieder Geschichte

Roman | Petros Markaris: Verschwörung

Kostas Charitos im Homeoffice? Wäre schön, aber das Verbrechen pausiert nicht während der Pandemie. Im Gegenteil. Gerade der Lockdown scheint sich auf dunkle Existenzen anziehend auszuwirken. Und so ist Athens Stellvertretender Kriminaldirektor auch schon bald wieder mit der Aufklärung heimtückischer Morde beschäftigt. Die diesmal – wie könnte es anders sein – einen bekannten Epidemiologen und den Fahrer eines Impfstofftransporters ins Jenseits befördern. Auch im 14. Fall für seinen bodenständigen Helden bleibt Petros Markaris dem Zeitgeschehen auf der Spur und verhehlt nicht seine Sympathie für diejenigen, die auch während des Lockdowns am wenigsten zu lachen haben und ihren Protest auf ganz eigene Art ausdrücken. Von DIETMAR JACOBSEN