Bevor ich noch die Geschichte las, hat mich die wundervolle Illustration geradezu gefangen genommen: BARBARA WEGMANN freute sich auf Buch, Inhalt und Text.
»Lauf! Finde einen sicheren Platz zum Großwerden.« Diese Stimme hört ein kleiner Hase und intuitiv folgt er ihr. Eigentlich hatte er sich ja im sonnig durchfluteten Wald sehr wohl gefühlt, aber nun hoppelt er weiter, weil er der Stimme vertraute. Dunkel wird es, ruhiger, nur noch wenige Vögel singen hier im tiefen Wald. Bis er eine Lichtung erreicht. »Und dann sah er sie. Die alte Weide. Hochgewachsen, stark, sanft und sicher.« Die langen dünnen Zweige der alten Weide reichten bis zum Boden, wie ein riesiger Vorhang. »Darf ich reinkommen? Ich bin so müde von meiner Reise« sagt der kleine Hase und die Weide begrüßt ihn. Der Hase fühlt sich hier absolut sicher und geborgen; nichts konnte ihm mehr passieren.
So beginnt eine ungewöhnliche, aber tiefe Freundschaft und sie wird wiedergegeben mit einer Fülle an Grün-, Gelb- und Brauntönen aus einem offenbar unerschöpflichen Farbkasten, warme Farben, weiche Schattierungen, eine leichte Unschärfe, all das gibt auch dem Leser das Gefühl sich an diesem Ort wohlzufühlen.
Christopher Denise ist ein preisgekrönter Illustrator, Plätze auf Bestsellerlisten sind ihm sicher. Bis auf wenige Ausnahmen sind seine Illustrationen ganzseitig oft doppelseitig, geben das Gefühl, vollkommen in Landschaft, Szenerie und Geschehen mit dabei zu sein. Die Darstellung der Geschichte spiegelt auch sehr einfühlsam Gefühle, Angst und schließlich Geborgenheit und Zufriedenheit des kleinen Hasen wider.
Der Herbst vergeht, der Winter kommt, und der kleine Hase kuschelt sich in eine Höhle unter der Weide, die beiden verbringen die Tage miteinander. »Nur der kleine Hase und die alte Weide, die alte Weide und der kleine Hase.«
Damit könnte die Geschichte schon fast zu Ende sein, zwei dicke Freunde, die sich gefunden haben, alles gut. Aber die Autorin Anitra Rowe Schulte hat sich das anders ausgedacht: es lauern großes Unheil und Ungemach: »Ein wütender Sturm raste durch den weiten Wald. »Der kleine Hase jagte im Zickzack nach Hause. Die alte Weide winkte ihn warnend zu sich heran.«
Die Farben werden dunkler, bedrohlich geradezu. Da sind andere Tiere, Dachs, Reh, Fuchs und Vögel, die sich zur alten Weide flüchten und Schutz suchen vor dem gewaltigen Unwetter. Der kleine Hase ist sich sicher: wer sich um ihn in seiner »größten Einsamkeit« gekümmert hat, der wird ihn und die anderen jetzt auch beschützen. Wütender Wirbelsturm, zitternde Tiere, Blitze, knackende Äste, eine gespenstische Finsternis. Die Lage ist bedrohlich. Darauf lassen auch die größer werdenden Buchstaben im Text schließen.
Dann, nach endlos scheinender Zeit scheint der Spuk vorbei. Auch hier könnte die Geschichte dann eigentlich zu Ende sein, Sturm vorbei, alles wieder gut, Ende. Aber erneut spinnt die gefühlvolle Autorin den Erzählfaden weiter. Wie? Das lest ihr besser selber – ihr werdet fasziniert sein von der Geschichte, vielleicht nur so viel sei aber verraten: Der kleine Hase, durch diese schreckliche Erfahrung auch gewachsen, mutiger geworden, weiß nun: »Jetzt sind wir dran, dir zu helfen.« sagt er mit Blick auf die alte Weide, die alle so mutig beschützt hat.
Titelangaben
Anitra Rowe Schulte: Der kleine Hase und die alte Weide
(Willow and Bunny, 2023). Aus dem Englischen übersetzt von Kristina Kreuzer
Illustriert von Christopher Denise
Hamburg: von Hacht Verlag 2025
48 Seiten, 18 Euro
Ab 4 Jahren
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