Das Leben der Tiere

Roman | María Ospina Pizano: Für kurze Zeit nur hier

In ihrem preisgekrönten Debüt Für kurze Zeit nur hier erzählt die Kolumbianerin María Ospina Pizano aus ihrer eigenen Perspektive von der Tierwelt. Von BETTINA GUTIERREZ

Um das Seelenleben der Tiere geht es in dem Roman Für kurze Zeit nur hier der kolumbianischen Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin María Ospina Pizano. So etwa, wenn sie die Empfindungen und Gedanken der beiden Hündinnen Kati und Mona schildert, die herrenlos umherstreunen. Treu und traurig läuft Kati auf der Suche nach ihrem Herrchen Luis durch die Straßen Bogotás, bis sie von zwei Männern in einen Wagen gezerrt und in ein Tierheim gebracht wird. Das gleiche Schicksal widerfährt auch Mona, die sich schließlich unfreiwillig in einem Heimzwinger mit Kati wiederfindet. Sie freunden sich an und werden unzertrennlich, bis Kati in ein neues Zuhause auf einem kleinen, abgelegenen Hof auf dem Land einzieht. Dort angekommen fällt es ihr zunächst schwer, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen; dies nicht zuletzt, da sie ihre Freundin Mona vermisst: »Man hatte ihr die Liebe Monas geraubt.«

Anderen Tierprotagonisten im Roman ergeht es ähnlich wie den Hündinnen. Wie die Menschen durchleben sie Höhen und Tiefen, Trauer, Freude, Hoffnung oder Enttäuschungen; einfühlsam und feinsinnig weiß María Ospio Pizano hiervon zu berichten. Ein langes Kapitel widmet sie hierbei einer Gruppe von Zugvögeln samt Scharlachkardinal. Während der Vogelschwarm bei seiner Reise durch die USA teils von der Zivilisation in Gestalt von Wolkenkratzern tödlich erfasst oder von Radarschirmen scharf beobachtet wird, gelingt es dem Scharlachkardinal sich über das Meer nach Bogotá und anschließend in einen in der Nähe gelegenen Nebelwald zu retten.

Ein kleines Stachelschwein wird wiederum von seiner Besitzerin in eine Tierklinik eingewiesen, da die Haltung von Wildtieren in Kolumbien nicht erlaubt ist; verängstig und irritiert reagiert es auf diese Einweisung, ohne zu wissen warum ihm dies geschieht. Und ein verpackter Käfer flüchtet sich nach einer Expedition in die »Menschenwelt« in eine Erdkuhle, bevor er von einer Amsel verspeist wird. »Wer weiß schon, wie es ist, wenn man vom Schnabel eines gierigen Vogels aufgepickt wird?« merkt die Autorin an.

Ausgesprochen behutsam und authentisch geht María Ospina Pizano hier mit den Gefühlen der Tiere um, ohne dabei die Menschen außer Acht zu lassen. Auch sie werden teils, trotz mancher Reflexionen über die Gegensätze zwischen Mensch und Natur, von Fürsorglichkeit und einer gewissen Zuneigung für diese Lebewesen ergriffen. Es ist ein feiner, kleiner, zeitloser Roman. Eine erhellende Lektüre.

| Bettina Gutièrrez

Titelangaben
María Ospina Pizano: Für kurze Zeit nur hier
Zürich: Unionsverlag 2025
280 Seiten. 22 Euro
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