Kann man ein Land lieben, das einen nicht liebt?

Roman | Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter

Mit Trag das Feuer weiter beschließt Leïla Slimani ihre marokkanisch-französische Romantrilogie, die eng an ihre eigene Familie angelehnt ist und nicht nur die aktuelle Generation im Spannungsfeld zwischen Tradition, Moderne und Widerstand zeigt. Von INGEBORG JAISER

Frau, die nach rechts blickt»Eines Nachts im November 2021 habe ich meinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren.« Mitten in der Coronapandemie (die jedoch niemals so namentlich genannt wird) verliert die aufstrebende Pariser Schriftstellerin Mia ihr Wahrnehmungsvermögen, ihr Organisationstalent, ihre Erinnerung. Mit einem mutmaßlichen Brain-Fog-Syndrom landet sie bei einem mitfühlenden Neurologen, der ihr rät, zu ihren Wurzeln zurückzukehren: »Sie sprachen vorhin von Proust. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine.«

Mit diesem Prolog eröffnet Leïla Slimani den letzten Band ihrer groß angelegten Familiensaga über mehrere Generationen, zwei Länder und fast einem Jahrhundert hinweg. Und nicht nur die Protagonistin Mia, auch die deutschen Leser stehen vor der Herausforderung, sich gleichzeitig zu erinnern und neu zu orientieren. Denn über drei Jahre liegen nun zwischen der Veröffentlichung des zweiten (Schaut wie wir tanzen, 2022) und des dritten, abschließenden Bandes in deutscher Übersetzung.

Zwischen Rabat und Paris

So reisen wir gedanklich zurück in das Jahr 1980, in ein Marokko gesellschaftlicher Umbrüche und wirtschaftlicher Krisen. Die ungleichen Schwestern Mia und Inès wachsen im behüteten Umfeld einer wohlhabenden, westlich orientierten Familie auf, mit Köchin und Chauffeur. »Die Mädchen wuchsen auf wie Haustiere, zahme Katzen, wilde Tiere im Zoo, die in Vergangenheit vergessen hatten, dass sie brüllen oder springen konnten.« Während sich Mutter Aïcha als in Paris ausgebildete Gynäkologin zwischen ihrem ernüchternden Berufsalltag und den traditionellen Erwartungen zerreibt, erweist sich Vater Mehdi als unzuverlässige Bezugsperson.

Er changiert zwischen vermeintlich großzügigem Familienmenschen, spekulativem Financier und verschwiegenem Patriarchen, mal aufbrausend, mal generös. Auf allzu neugierige Fragen seiner ältesten Tochter Mia antwortet er bestenfalls mit einer Literaturempfehlung. »Manchmal hörte Mia, wie die anderen über sie redeten. Ihre Eltern waren froh, eine ernsthafte und fleißige Tochter zu haben. Eine intelligente Tochter, die ihnen noch nie Probleme gemacht hatte und die meiste Zeit mit der Nase in ihrem Romanen verbrachte.«

Zeit der Umbrüche

Mit wachsendem Alter lässt sich ihr irritierendes Verhalten jedoch nicht länger ignorieren, »ihr männliches Auftreten, diese Art, […] wie sie ihren Rucksack trug oder sich hinsetzte, breitbeinig, die Baseballmütze in den Nacken geschoben.« Doch im Lager der Jungs ist kein Platz für eine queere Person wie sie. Als sie von einer wütenden Meute zusammengeschlagen wird, weigert sie sich, weiterhin zur Schule zu gehen.

Auch die Flucht zum Studium nach Paris erweist sich als schmerzhafte Exilerfahrung und Mia ahnt, dass »der Preis für die Integration auch der Verlust einer gewissen Integrität war.« In dieser Zeit der Umbrüche wird ihr Vater Mehdi zudem Opfer einer Verschwörung und verliert seinen Posten als Direktor der Crédit Commercial du Maroc – und damit seine Lebensaufgabe, seine Reputation.

Brennendes Haus

Alle Figuren dieser Romantrilogie kämpfen auf ihrer Suche nach Identität und Zugehörigkeit gegen Zeichen der Ausgrenzung und Repression. So erweist sich der Titel des ersten Bandes – Im Land der Anderen – als durchgehendes Motiv. Denn sie alle fühlen sich fehl am Platze, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Großmutter Mathilde, die gebürtige Elsässerin, wirkt zu groß, zu blond für die abgeschiedene Farm nahe Meknès. Enkelin Mia erscheint als Schülerin zu burschikos und draufgängerisch, als Studentin in Paris wiederum als fremdländisch-rückständig. Und ihre bildhübsche kleine Schwester Inès schockt selbst das moderne Marokko des ausgehenden 20. Jahrhunderts mit ihrem aufreizend lolitahaften Gebaren.

Die Prix-Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani zeichnet mit ihrer beeindruckenden Familiensaga ein mehrstimmiges, interkulturelles Generationenporträt zwischen traditionellen Strukturen und dem Streben nach Selbstbestimmung. Zugleich erweist sich Trag das Feuer weiter als Slimanis intimstes und persönlichstes Werk, nicht zuletzt auch als Hommage an den Vater und die Kraft der Literatur. Trotz enttäuschter Hoffnungen und ernüchternder Rückschläge lohnt es sich, das familiäre Erbe und die eigenen Ideale mit aller Leidenschaft fortzuführen. Ein dem letzten Band vorangestelltes Cocteau-Zitat weist den riskanten Weg: »Wenn Ihr Haus brennen würde, was würden Sie dann mitnehmen? Ich nähme das Feuer mit.«

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma
München: Luchterhand 2025
443 Seiten. 25 Euro
| Erwerben Sie diesen Band bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Leïla Slimani in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die kostbarste Ressource der Welt

Nächster Artikel

Wir wollen doch nur … spielen, oder?

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Korruption am Kap

Roman | Paul Mendelson: Die Straße ins Dunkel Südafrikanische Thriller sind im Laufe des letzten Jahrzehnts in den Fokus auch der deutschen Leser gerückt. Autoren wie Deon Meyer, Mike Nicol, Malla Nunn, Andrew Brown oder Roger Smith erzählen mit ihren Büchern Geschichten aus einem Land im Umbruch.Von DIETMAR JACOBSEN

Die langen Schatten der Vergangenheit

Roman | Jane Harper: Die Suche

Seinen ersten Auftritt im Romankosmos der australischen Autorin Jane Harper hatte Kommissar Aaron Falk vor sieben Jahren. Hitze (2016) hieß das damals noch bei Rowohlt verlegte, preisgekrönte Romandebüt der 1980 Geborenen, in dem Falk nach 20 Jahren in seine Geburtsstadt zurückkehrt und den Tod von drei Mitgliedern einer Farmersfamilie aufklärt. Seinen nächsten Einsatz hatte er in dem Roman Ins Dunkel (2019). In der Unwegsamkeit des australischen Buschs musste er eine Frau finden, die verdeckt für die Polizei arbeitete und während eines Firmenevents spurlos verschwunden war. Nun, im dritten Roman mit Aaron Falk als Hauptfigur, zu dem sich Harper etwas länger Zeit genommen hat – zwischen Ins Dunkel und Die Suche entstanden zwei weitere Bücher – geht es erneut um eine vermisste Person. Im südaustralischen Weinland sucht Falk nach den Spuren einer vor einem Jahr während eines Festivals verschwundenen Frau. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Kunst und Leben

Roman | Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

»Jetzt kommen sie und holen Jakob.« So eröffnete Norbert Gstrein 1988 seine erste literarische Veröffentlichung, die schmale Erzählung Einer. Nun steht ein Schauspieler namens Jakob Thurner im Mittelpunkt des neuen Romans Der zweite Jakob, der sich wie eine künstlerische Zwischenbilanz des österreichischen Autors liest, der im Juni seinen 60. Geburtstag feierte. Von PETER MOHR

Ein Stuntman faked seinen Tod

Roman | Ross Thomas: Der Fall in Singapur

Ross Thomas und der Berliner Alexander Verlag – das passt seit anderthalb Jahrzehnten. Von den insgesamt 25 Romanen, die der amerikanische Kultautor zwischen 1966 und 1994 schrieb, sind unter der Regie von Alexander Wewerka in dessen kleinem Berliner Verlagshaus inzwischen 20 erschienen. In wiedererkennbarer, schöner Aufmachung kommt die Reihe daher. Und die meisten Einzelbände bringen den kompletten Thomas-Text zum ersten Mal vollständig auf Deutsch. Nun also Der Fall in Singapur, Thomas' einziger Mafiaroman, wie der Verlag betont. Aber ob Mafia- oder Wirtschaftskrimi, Polit- oder Detektivthriller – der 1995 in Santa Monica verstorbene Ross Thomas schrieb immer auf einem Niveau, von dem 90 Prozent seiner Kolleginnen und Kollegen auch heute nur träumen können. Von DIETMAR JACOBSEN

Das Horn in der Brust

Krimi | Leonhard F. Seidl: Viecher Leonhard F. Seidl legt im neuesten Krimi so richtig los. Und auch sein Privatdetektiv Freddie Drechsler gerät in seinem zweiten Fall richtig in Fahrt. Im wahrsten Sinne des Wortes darf er mal richtig die Sau rauslassen, pardon, den Stier an den Hörnern packen. Viecher ist wie schon Genagelt (2014) wieder ein extrem mörderischer, zugleich bajuwarisch burlesker Text – eine Mischung aus gewohntem tiefschwarzen Politsumpf und tierischem Vergnügen. Von HUBERT HOLZMANN