/

Geballte Verhängnisse

Roman | John Hart: Redemption Road. Straße der Vergeltung

John Harts neuer Thriller ›Redemption Road‹ hat drei Hauptpersonen. Adrian Wall, den Ex-Polizisten, den man eben, nach 13 Jahren, aus dem Gefängis entlassen hat. Gideon Strange, einen 14-jährigen Jungen, der anstelle seines stets betrunkenen Vaters den gewaltsamen Tod der Mutter rächen will. Und Elizabeth Black, eine Polizistin, die von ihrer Vergangenheit bedrängt wird und in der Gegenwart um ihren tadellosen Ruf zu kämpfen hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Sie alle leben in einer kleinen Stadt in North Carolina. Eine einzige Hauptstraße führt durch sie hindurch. Allein der Roman selbst verliert sich in seinem Verlauf von seiner anfänglichen Zielstrebigkeit auf zu vielen Seitenwegen.

Redemption Road
Redemption Road – Strasse der Vergeltung von John Hart

Die Stranges sind nach dem Tod der Mutter Julia im verwahrlosten Teil der Stadt gelandet: »Die Textilindustrie war schon vor dem Abschwung weggezogen, ebenso wie die Möbelfabrik, die Abfüllanlage und die großen Tabakfirmen. Heute war der Ostrand der Stadt gepflastert mit leeren Werkshallen und zerbrochenen Träumen.« Hier, zwischen »vernagelten Fabriken« und »leeren Ladenfassaden«, da, wo die wohnen, die alles verloren haben in den Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs, ist auch die Zukunft von Robert und Gideon Strange zerbrochen.

Doch der 14-jährige Gideon will sich nicht abfinden damit, dass sein Vater nach der brutalen Ermordung seiner Frau den Halt verloren hat, zum Trinker geworden ist, sich und den Sohn mit Gelegenheitsarbeiten statt eines regelmäßigen Einkommens über Wasser zu halten versucht und doch immer tiefer sinkt und die Kontrolle über sich und sein Leben längst aufgegeben hat. Nur Elizabeth Black, die Polizistin, kümmert sich seit dem Tod seiner Mutter um den Jungen, der immer wieder in der Gefahr schwebt, bei einer Pflegefamilie zu landen, und doch an einemVater festhält, der ihn mehr enttäuscht als stolz macht.
Wenn Gideon deshalb am Beginn des Romans ›Redemption Road‹ mit dem Revolver von Robert Strange loszieht, um seine Mutter an dem nach 13 Jahren aus dem Gefängnis entlassenen Adrian Wall zu rächen, tut er in seinem Verständnis eigentlich das, wozu sein Vater inzwischen nicht mehr den Mut hat.

Zerbrochene Träume

Redemption Road ist der fünfte Roman des 1965 geborenen US-amerikanischen Autors John Hart. Das Buch spielt wie seine vier Vorgänger (alle auf Deutsch im C. Bertelsmann Verlag erschienen) in North Carolina, dem Staat, in dem Hart selbst mit seiner Frau und zwei Töchtern heute lebt. Er hat, bevor Schreiben zu seinem Full-time-Job wurde, als Börsenmakler und Rechtsanwalt gearbeitet, in Berufen, die auch Spuren in seinen mehrfach preisgekrönten Romanen hinterlassen haben. Nicht von ungefähr ist es ein alter, ausgebuffter Anwalt namens Faircloth Jones, der in seinem aktuellem Buch sowohl Elisabeth als auch Adrian Wall dabei unterstützt, ihre Unschuld zu beweisen, ein Unterfangen, in dessen Verlauf der längst pensionierte Mann nicht nur seinen guten Ruf, sondern auch sein Leben riskiert.

Denn Wall hat unschuldig für den Mord an dem Ex-Model Julia Strange im Gefängnis gesessen, 13 Jahre lang ein Martyrium ertragen, weil er nicht bereit war zu gestehen, dass er ein Verhältnis mit der Frau hatte. Nur seinen Anwalt und die Polizistin Elizabeth Black konnte das Urteil gegen den untadeligen Polizisten nicht überzeugen. Sie sind es deshalb auch, die sich nach seiner Entlassung bedingungslos wieder auf seine Seite stellen.

Und das, obwohl der eine seine Anwaltskarriere inzwischen beendet hat und von gesundheitlichen Problemen gequält wird und die andere selbst unter Beschuss aus den eigenen Reihen steht. Bei der Befreiung eines gekiddnapten Mädchens aus der Gewalt von zwei skrupellosen Vergewaltigern scheinen Elizabeth nämlich die Nerven durchgegangen zu sein. Das Resultat: zwei von zahlreichen Kugeln durchsiebte Männer und der Vorwurf an die Polizistin, überreagiert und ihr Amt für eine brutale, nicht notwendige Racheaktion missbraucht zu haben.

Das dreizehnte Opfer

›Redemption Road‹ verknüpft geschickt die Schicksale dreier vom Leben gebeutelter Menschen miteinander. Grandios das erste Kapitel, in dem sich der 14-jährige Gideon in der Nacht vor der Entlassung Adrian Walls mit der Pistole seines Vaters aufmacht, um den vermeintlichen Mörder seiner Mutter zu bestrafen. Bewegend, wie sich die Polizistin Elizabeth Black für junge Menschen einsetzt, die unter der Gewalt in der Gesellschaft zu leiden haben, sich selbst zurücknimmt und – auch wenn sie immer wieder enttäuscht wird und selbst einst Opfer einer Gewalttat war, die sie immer noch nicht ganz verarbeitet hat – für Moral und Anstand, Recht und Gesetz das eigene Leben zu opfern bereit ist. Und wunderbar menschlich der alte Anwalt, der sich noch einmal zurückkämpft, um seine letzte Schlacht zu schlagen, mit der er auch eigenes Versagen sühnen möchte.

Und doch: Unter dem Strich hat sich Hart in seinem fünften Roman wohl ein wenig überhoben. Indem er seinen im Gefängnis sitzenden Polizisten noch in eine Graf-von-Monte-Christo-Konstellation verwickelt, indem er ständig neue Wendungen in die Geschichte um Elizabeth Black und das entführte Mädchen Channing bringt, indem er den Leser immer wieder mit einem Serienmörder konfrontiert, der in der Gegenwart fortsetzt, was vor dreizehn Jahren mit Julia Strange seinen Anfang nahm, nimmt er seinem Thriller durch diese Vielzahl von Nebenschauplätzen die erzählerische Geradlinigkeit.

Auch scheint mir die Lösung des Falls der ermordeten Mutter von Gideon Strange und all der Frauen, die ihr folgten – der Leser ahnt ziemlich früh, wer sich hinter der mordenden Bestie in Menschengestalt verbirgt –, motivisch ein bisschen überzogen zu sein. Doch los kommt man dennoch nicht von diesem Roman, wenn man ihn einmal zu lesen angefangen hat.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
John Hart: Redemption Road. Straße der Vergeltung
München: C. Bertelsmann Verlag 2017
608 Seiten. 20.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wechseln wie ein getragenes Hemd

Nächster Artikel

Alles kann man drehen, selbst wenn’s eckig ist

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Im Labyrinth aus alten Schatten

Krimi | Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck Deutscher Krimipreis 2016 Friedrich Anis Kriminalromane sind in gewisser Weise einzigartig. Ob ihre Helden Tabor Süden, Polonius Fischer oder Jonas Vogel heißen – stets werfen sie sich mit ihrer ganzen Person in den aufzuklärenden Fall. Machen ein fremdes Dasein zum eigenen, um dessen Verschwiegenheiten und Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Selbst führen diese Männer ein eremitisches, einsames Leben, auch wenn sie einmal verheiratet waren und Kinder haben. Das aber stärkt noch ihrer aller ausgeprägte Fähigkeit, sich in Menschen zu versetzen, die sich vor der Welt und ihren

Drogen per Drohnen

Roman | Zoë Beck: Die Lieferantin Elliot Johnson, von ihren Freunden Ellie genannt, versorgt das London der nahen Zukunft mit Drogen bester Qualität. Ihr Stoff, im Darknet bestellbar, wird per Hightech-Drohnen zum Kunden befördert. ›Die Lieferantin‹ bleibt dabei immer im Dunklen. Doch weil Ellies Geschäftsmodell den traditionellen Straßenvertrieb plötzlich uralt aussehen lässt, kommt Londons Unterwelt natürlich ins Grübeln. Drei Bosse verbünden sich, um die billigere und bessere Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Als dann auch noch der Tod zweier Gangster die Szene in Unruhe stürzt, wird es auf den Straßen der englischen Metropole zunehmend unruhig. Von DIETMAR JACOBSEN PDF

Kinder, Kinder

Film | Tatort – Angezählt (ORF), 15. September Angezählt breitet die Odyssee eines Zwölfjährigen aus. »Ich bin Ivo. Ich bin zwölf Jahre alt. Im Sinn §64 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen.« Da hat er zweifellos recht. »Er hat niemanden auf der Welt«, so Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Da hat sie ebenfalls recht, schon sind wir mittendrin. In Wien wird eine Prostituierte ermordet, die mit Versprechungen aus den verarmten Regionen Osteuropas herbeigelockt wurde. Menschenhandel. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Wenn der Tod im Osten Einzug hält

Roman | Jerome P. Schaefer: Der Dschungel von Budapest

Die Welt an der schönen blauen Donau scheint in Ordnung zu sein. Auf den ersten Blick zumindest. Bei genauem Hinsehen aber regt sich leiser Zweifel an der Idylle in Budapest: Das Wasser des Stroms »glitzert« schon etwas »unruhig«, der Himmel strahlt eisig »kalt blau« und die Margaretheninsel schimmert in der Ferne »fast wie eine Schimäre«. Und mitten in dieser Szenerie, am Rande des Budapest Marathons, finden wir Tamás Livermore. Nicht als teilnehmenden Sportler, nein, der Privatdetektiv hat sich als Sicherheitsmann anstellen lassen und beobachtet, ausgerüstet mit einem Walkie-Talkie, das Geschehen von der anderen Seite des Flusses. Die Störung lässt nicht lange auf sich warten. Eine Autobombe zerreißt das friedliche Bild, »die Kakophonie des Notfalls setzt ein«. In seinem Debüt Der Dschungel von Budapest – erschienen im Berliner Transit-Verlag – gerät Jerome P. Schaefers Privatermittler mitten in ein ziemlich brisantes politisches Räderwerk von dunklen Machenschaften im Ungarn der Nachwendezeit. Gelesen von HUBERT HOLZMANN

Das Ungeheuer von Hannover

Roman | Dirk Kurbjuweit: Haarmann

»In Hannover an der Leine,/ Rote Reihe Nummer 8,/ wohnt der Massenmörder Haarmann,/ der schon manchen umgebracht«, heißt es in einem populären Schauerlied aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es bezieht sich auf den bekanntesten Serienmörder Deutschlands: Fritz Haarmann. 1879 in der Stadt geboren, in der er 1923/1924 mindestens 24 Morde beging, verurteilte ihn, nachdem man seiner habhaft geworden war, ein Schwurgericht im Dezember 1924 zum Tode. Das Urteil wurde im April des darauffolgenden Jahres vollstreckt. In der Kunst (Literatur, Film, Bildende Kunst, Musik) lebt Haarmann freilich bis heute weiter. Nun hat der gelernte Journalist Dirk Kurbjuweit einen Roman über den »Werwolf von Hannover« geschrieben. Und es gelingt ihm auf faszinierende Weise, den Mörder Haarmann und die mörderische Zeit, in der er lebte, als zwei Seiten einer Medaille darzustellen. Von DIERMAR JACOBSEN