Leben unter den Taliban

Jugendbuch | Deborah Ellis, Sonne an dunklen Tagen

Der elfjährige Rafi möchte Tänzer werden und bekommt dafür eine einmalige Chance an einer Schule in New York. Alles ist bereit, er hat den Flughafen von Kabul erreicht. Aber er wird das Flugzeug nie besteigen. Von ANDREA WANNER

Kinderaugen blicken auf eine Wüstenlandschaft, in der eine Gruppe Flüchtlinge läuft.Deborah Ellis verbindet ihre Arbeit als Psychotherapeutin mit leidenschaftlichem Aktivismus. Um die Stimmen afghanischer Frauen hörbar zu machen, gründete sie in Toronto die Organisation ›Frauen für Frauen in Afghanistan‹. Die tiefgreifenden Erlebnisse und Gespräche während ihrer Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan dienten als Inspiration für ihre international erfolgreiche Buchreihe, die mit ›Die Sonne im Gesicht‹ begann. Für ihr Werk wurde sie weltweit mit zahlreichen Preisen geehrt.

Die elfjährige Parvana stand damals im Mittelpunkt der 2000 auf Englisch, 2001 auf Deutsch erschienenen Geschichte. Nur als Junge verkleidet überlebte sie die Herrschaft der Taliban. Wir erinnern uns:

Um das Jahr 2000 herrschten die Taliban mit sehr strengen Regeln in Afghanistan. Das änderte sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001: Truppen der USA und anderer Länder, darunter Deutschland, stürzten die Taliban, weil diese Terroristen versteckten. In den folgenden 20 Jahren versuchte die Weltgemeinschaft, das Land wieder aufzubauen. Es gab Wahlen, neue Schulen wurden gebaut und vor allem Mädchen durften endlich wieder lernen. Trotz dieser Fortschritte blieb es gefährlich, da die Taliban im Hintergrund weiterkämpften. Im Jahr 2021 zogen die internationalen Truppen schließlich ab. Die Taliban nutzten diesen Moment für einen schnellen Angriff und übernahmen im August 2021 wieder die gesamte Macht in Kabul. Seitdem regieren sie das Land erneut mit harter Hand. Die Menschen in Afghanistan leiden heute unter großer Armut, und besonders für Frauen und Mädchen wurden fast alle Rechte und Freiheiten wieder abgeschafft.

Das Leiden wiederholt sich. Deborah Ellis hat das krisen- und kriegsgeschüttelte Land nie aus dem Blick verloren. In weiteren drei Bänden setzt die Geschichte von Parvana und den Menschen in ihrem Umfeld fort und beschreibt ihr Leben unter den harten Bedingungen in Afghanistan und in Flüchtlingslagern. Ihre Heldin Parvana hat eine Schule für Mädchen gegründet, ihrem Sohn will sie alles ermöglichen. Und er ist genau in demselben Alter als sie damals, alles sich mit einem Schlag alles ändert.

Berichterstattung über Afghanistan heute wichtiger denn je, da das Land unter einer der schwersten humanitären Krisen weltweit leidet und fast die Hälfte der Bevölkerung auf Hilfe angewiesen ist. Besonders kritisch ist die Lage für Frauen und Mädchen, die durch neue, extrem strenge Gesetze fast vollständig aus der Öffentlichkeit verbannt wurden und weltweit als einzige keine Schulen besuchen dürfen.

Da lokale Medien massiv unterdrückt werden, ist die externe Berichterstattung die einzige Möglichkeit, die massiven Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Nur durch anhaltende Aufmerksamkeit kann verhindert werden, dass das Schicksal der Menschen in Vergessenheit gerät und die internationale Unterstützung für lebensnotwendige Hilfe komplett wegbricht. Deborah Ellis findet dafür bewegende Worte, die zu Herzen gehen und erzählt von Menschen, die man nie vergisst.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Deborah Ellis: Sonne an dunklen Tagen
(One more Mountain, 2022, deutsche Originalausgabe Wien: Jungbrunnen 2023)
Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Rapp
München: cbj 2026
160 Seiten, 10 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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