Sandkastenliebe

Jugendbuch | Lisa Moore: Das Glück hat vier Farben

Es gibt Menschen, die wissen schon mit fünf ganz sicher, mit wem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollen, in Glück und ewiger Liebe. Der Rest des Lebens kann da gewaltig dazwischenfunken. Von MAGALI HEIẞLER

Lisa Moore - Das Glück hat vier Farben 978-3-7373-5480-6Flannery hat Probleme. Die extreme Lebenssicht ihrer Mutter, der Alltag mit Sozialhilfe und die täglichen Herausforderungen in der Schule sind aber nicht so wichtig wie Tyrone. Die Zwei kennen sich seit Kindertagen, dann verschwand Tyrone in einem anderen Stadtviertel, einer anderen Schule. Jetzt, auf der Highschool, ist er plötzlich wieder da, ein fleischgewordener Teenagertraum. Flannerys Traum. Sobald sich auch nur Tyrones Schatten zeigt, setzt bei ihr nicht nur das Denken, sondern gleich der Überlebensinstinkt aus. So muss Liebe sein, glaubt Flannery.

Ein Unterrichtsprojekt, das sie mit ihrem Angebeteten auf die Beine stellen soll, soll auch das Happy End bringen, entwickelt sich jedoch völlig anders. Auf einmal ist nichts mehr so, wie Flannery geglaubt hat. Das betrifft nicht nur Tyrone, sondern auch die beste Freundin Amber, Mutter Miranda und überhaupt so ziemlich jede und jeden ringsum. Die Veränderungen sind nicht zum Besten. Flannery braucht dringend einen klaren Kopf.

Wirbelndes Chaos

Die kanadische Schriftstellerin Lisa Moore spricht in ihren Interviews immer wieder einmal davon, dass sie sich im Schreiben verlieren kann und zuweilen selbst nicht weiß, was auf den nächsten Seiten einer Geschichte alles passieren kann. Dieser normale kreative Zustand bringt ihrem ersten Roman, der sich an ein junges Publikum richtet, viel Positives, allerdings auch Negatives. Dieser Roman ist Chaos. Man muss sich wissentlich hineinfallen und mittragen lassen vom Wirbel.

Flannery erzählt selbst, nicht nur davon, was um sie herum passiert, sondern auch von ihren Gefühlsverwirrungen. In letzterem ist die Protagonistin verlässlich, in ersterem nicht. Das fordert geübtere Leserinnen, denn Flannery erzählt sehr überzeugend, ist sehr sympathisch gestaltet und damit eine, der man alles abnimmt, was sie sagt. Moore lässt eine lange geschickt übersehen, dass Flannery eine Sechzehnjährige mit wenig Erfahrung, dafür aber mit vielen Einschätzungen ist, die nicht von ihr stammen oder von ihr noch nicht durchdacht wurden.

Das Leben ohne Vater – dem kleinen Bruder Felix verschweigt Mutter Miranda sogar, wer wiederum der seine ist -, Mirandas Schrullen, auf die sie als Künstlerin ein Recht zu haben glaubt, und die Abhängigkeit von Sozialhilfe, die nicht einmal ausreicht, um Flannerys Biologiebuch zu kaufen, haben die Sechzehnjährige nur scheinbar auf die Realität vorbereitet. Als sie erkennt, dass niemand um sie herum so ist, wie sie dachte, ist sie zunächst verloren. Für die Leserin gilt das ebenfalls und man wünscht sich angesichts der fortwährenden Wendungen und Windungen der Handlung, dargeboten in einem fast schon barocken Bilder-, Metaphern- und Analogienschwall, dass Moore zwischendurch einen Spaziergang um den Block gemacht hätte, um ihren Blick wieder für das Vorhandensein der Löschtaste freizumachen.

Magisches

Wer sich von Moore mitziehen lässt, entdeckt die Geschichte der schwierigen Selbstfindung einer herzensnaiven, hochromantischen und sehr, sehr liebesbedürftigen Sechzehnjährigen, die zugleich mutig, zäh, ernst, offen, liebevoll und verlässlich ist, ein toller Wurf für eine Figur in einem Jugendroman. Schade ist es, dass Moore zur Illustration vor allem Szenen gewählt hat, die aus jedem marktüblichen Teenager-Lesefutter stammen könnten. Zoff mit der besten Freundin, Party, der Bad Boy und der Gute, Shoppen und Mobben, alles da. In dem einen oder anderen Fall ist es immerhin ungewöhnlich eingesetzt. Amber etwa und ihre unselige Verbindung zu Projektpartner Gary dienen nicht nur als Folie zu Flannerys Vernarrtheit, sondern gleichermaßen als frühzeitige Warnung davor wie als steter Fingerzeig auf die komplexen Beziehungen zwischen Männern und Frauen, unter denen auch Erwachsene leiden.

Das Projekt für den BWL-Unterricht wird zwar übertrieben geschildert, enthält aber klare Kritik am Konsumverhalten der modernen westlichen Gesellschaften. Das gilt auch für den traurigen Hintergrund des Ganzen, der aus Armut, Spießertum, Leistungsdruck und dem Versagen der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern gemalt ist. Einen gemütlichen Roman darf man in keiner Hinsicht erwarten, selbst wenn der Klappentext darauf hinzuweisen scheint.

Dass es am Ende magisch-komödiantisch wird, muss man schlucken, so wie man alles hinnehmen muss, um dieses Buch überhaupt zu verstehen. Ausgerechnet Zaubertränke sind das Produkt für Flannerys und Tyrones Projekt, blau, grün, orange und rot. Sie verkaufen sich und sie zeigen Wirkung.

Ob das nun der eigentliche Witz sein soll oder Moores Meinung wiedergibt, dass angesichts der enormen Schieflage der Gesellschaften westlicher Länder nur noch Magie helfen kann, muss man selbst entscheiden.

| MAGALI HEIẞLER

Lisa Moore: Das Glück hat vier Farben
(2016 Flannery, 2016) übersetzt von Maren Illinger
Frankfurt: Fischer Sauerländer 2017
364 Seiten. 16,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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